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Zivilcourage

Ehrwürdiger Meister, würdige und geliebte Brüder,

das Thema meiner heutigen Zeichnung befasst sich mit dem Begriff Zivilcourage.

Nie wieder darf es heißen:

  • Als die Nazis die Kommunisten abholten, habe ich geschwiegen, ich war kein Kommunist.
  • Als sie die Sozialdemokraten abholten, habe ich geschwiegen, ich war kein Sozialdemokrat.
  • Als sie die Katholiken holten, habe ich geschwiegen, ich war kein Katholik.
  • Als sie die Juden abholten, habe ich geschwiegen, denn ich war kein Jude
  • Als sie mich dann holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte!

Dieses Zitat stammt von Martin Niemöller, einem politisch engagierten Theologen. Er wurde wegen seines Widerstandes gegen die Nazis sieben Jahre in Konzentrationslagern gefangen gehalten. Was verstehen wir unter dem Begriff der Zivilcourage? Schlagen wir diesen Begriff in der freien Enzyklopädie Wikipedia nach:

  • Der Begriff Zivilcourage setzt sich aus den beiden Wörtern zivil (lateinisch civilis, 1. bürgerlich – nicht militärisch, 2. anständig, annehmbar) und courage (französisch, Beherztheit, Schneid, Mut) zusammen. Er kann als bürgerlicher, anständiger Mut übersetzt werden, mit dem ursprünglich ausschließlich das entsprechende Auftreten gegenüber nicht-zivilen Autoritäten (Militär, Polizei) gemeint war. Diese Auslegung erfuhr seit dem 2. Weltkrieg eine Veränderung – heute wird unter Zivilcourage das Auftreten gegen oder für die herrschende Meinung verstanden, mit dem der Einzelne, ohne Rücksicht auf sich selbst, seine persönlichen Werte oder die Werte der Allgemeinheit vertritt.
  • In westlich orientierten Gesellschaften zeigt derjenige Zivilcourage, der die Wertorientierungen der jeweiligen Gesellschaften, wie z. B. die “Allgemeine Erklärung der Menschenrechte”, offen und ohne Rücksicht auf eigene Nachteile vertritt. Dies erfordert Mut, da derjenige, der Zivilcourage zeigt, die Repressionen der Herrschenden, der herrschenden Meinung oder des Mobs herausfordert. Zivilcourage kann nur jemand zeigen, der Verantwortung übernimmt und aus der Überzeugung handelt, die in einem sicheren Erfassen der anerkannten Wertvorstellungen, die unser Zusammenleben regeln, gründet. Zivilcourage verlangt zwar Wagemut und Einsatzwille, aber nicht ein Handeln um jeden Preis !
  • Nur derjenige kann Sie zeigen, aus der Vertrauen in sich selbst handeln kann, der also Selbstachtung und auch Selbstsicherheit besitzt.

Früher nannte man das schlicht Rückgrat haben, was bedeutet aufrecht zu stehen statt ein schleimiger Kriecher oder ein buckelnder Radfahrer zu sein. Mit Tapferkeit hat der Begriff nur wenig zu tun, eher mit dem Widerstand gegen Gruppendruck. Schon Bismarck schalt die Deutschen als wenig zivilcouragiert. Sie zeigten ihren Mut stattdessen lieber auf dem Schlachtfeld.

Dies scheint das Wesentliche der Zivilcourage zu sein: nicht vor den Mächtigen zu kuschen, sondern an der eigenen Meinung festzuhalten, auch wenn es inopportun ist und Nachteile bringt. Zivilcourage ist in diesem Sinn eine genuin demokratische Verhaltensweise: Ohne Amt und ohne öffentlichen Auftrag, allein im Namen der Vernunft und der Sittlichkeit gegen die Lüge und das Unrecht einzutreten. Zivilcourage darf aber nicht verwechselt werden mit kleinlicher Besserwisserei, mit Nörgelei, pathologischer Kritiksucht und bloßer Aufmüpfigkeit. Vielmehr braucht man sie gleichermaßen für zweierlei: Für das berechtigte Nein-Sagen, um Unrecht zu entlarven und Ungerechtigkeit zu verhindern, ebenso wie auch für das Ja-Sagen, um das als Wahrheit Erkannte durchzusetzen.

Oft müssen wir erleben, dass Menschen tatenlos bei Gewalttaten, Unfällen, Streitigkeiten oder allgemein Ungerechtigkeiten tatenlos zusehen. Dies geschieht durchaus in dem Bewusstsein, dass man sich bei unterlassener Hilfeleistung (z.B.: Ersthelfer ) strafbar macht.

Was hindert Menschen daran, Zivilcourage zu zeigen ?

Die Hemmnisse, die Menschen daran hindern, Zivilcourage zu praktizieren, sind zahlreich. Die Notwendigkeit, eingreifen zu müssen, wird oft gespürt, aber die Widerstände tatsächlich einzugreifen sind in den Menschen zu stark. Häufig ist es die Scheu vor Unannehmlichkeiten, die Menschen daran hindert, aktiv zu werden. Oder die Angst zu versagen, der Situation nicht gewachsen zu sein. In unserer überhasteten Zeit sind Menschen oft auch so stark in ihre Alltagsproblematik eingebunden, dass sie gar nicht mehr Zeit finden, Schwierigkeiten anderer Menschen wahrzunehmen. Sie sehen reflexartig weg, um nicht in etwas verwickelt zu werden, das sie fordert oder aufhält, weil sie selbst genug am Hals haben.

Wie kann man den Menschen die Notwendigkeit von Zivilcourage vermitteln ? Um auf das Zitat von Pastor Niemöller zurückzukommen, muss man den Menschen vor Augen halten, dass auch sie Opfer werden können, und Hilfe von Mitmenschen benötigen. Man kann zwar von einem Menschen nicht fordern, dass er eingreift in einer Situation, die er nicht verändern kann, ohne selbst zum Opfer zu werden. Aber es gibt viele Möglichkeiten des Eingreifens, auch ohne Märtyrertum. In den oben geschilderten Situationen sind neben dem Mut zum Handeln vor allem auch Umsicht und gezieltes Vorgehen gefordert. Für Alltagszwischenfälle wie Pöbeleien oder den Ersthelfereinsatz gibt es Trainingskurse, die einem helfen, solchen Situationen nicht unvorbereitet zu begegnen.

Die Grundlage für souveränes Handeln wird schon durch die Erziehung geschaffen. Was kann also schon im Kindesalter unternommen werden, um den Menschen das geeignete Rüstzeug mit zugeben ?

Ein mutiges „Nein“ oder ein engagiertes „Ja“ auch in unangenehmen oder gar gefährlichen Situationen zu sprechen, muss nicht nur im Elternhaus, sondern auch in der Schule gelernt und geübt werden. Voraussetzung dazu ist, ein Kind zunächst in seiner Selbstsicherheit zu fördern, indem es als Person ernst genommen und in seiner Spontaneität gefördert wird. Zu den Aufgaben einer Erziehung zur Zivilcourage zählt ferner die Herausbildung ethischer Normen des jungen Menschen, die ihn falsche Gruppensolidarität oder angemaßte Autorität erkennen und ablehnen lehrt. Zudem muss die Bereitschaft unterstützt werden, Verantwortung in den alltäglichen Situationen des Schullebens bewusst zu übernehmen. Dazu gehört auch die Fähigkeit zur Deeskalation von Konflikten und mutiges Einschreiten von Schülern gegen Unrecht in den Alltagssituationen des Schullebens, z. B. bei fragwürdigen Ordnungsmaßnahmen oder gegen Ansätze von Gewalt unter den Schülern selbst. Erst Erziehung zur Zivilcourage stärkt das Rückgrat der Jugendlichen soweit, dass sie sich nicht einer modernen Variante des Untertanengeists willfährig hingeben. Leider ist oft zu bemerken, dass die Persönlichkeitsbildung in diesem Sinne durch Schule und Elternhaus nicht in dem gewünschten Umfang stattfindet.

Ungünstige Einflüsse durch Vermittlung fragwürdiger Vorbilder und Verhaltensweisen (wie Werbung, Unterhaltungsindustrie) prägen Jugendliche heute oft wesentlich stärker. Leider ist die Botschaft dieser „Idole“ oft eine Definition des Selbst durch Statussymbole rein materieller Art oder ein Lobgesang auf den Egoismus, bzw. beides zusammen. Die Rolle des gemobbten Aussenseiters als Sündenbock für die Frustrationen des Schulalltags und des Elternhauses ist mehr die Regel als ein Einzelschicksal geworden.  Unregulierter Gruppendruck fördert Duckmäusertum, wie gewünscht. Explodiert ein Opfer dann in einem Amoklauf, heuchelt man Ratlosigkeit, leugnet aber das wirkliche Problem.  Denn welcher Art Regierung wünscht sich wirklich souveräne Persönlichkeiten als Untertanen? Der stromlinienförmige, gut “eingefettete” Erfolgstyp dürfte da eher dem Wunschbild entsprechen, denn der ist berechenbar, und notfalls käuflich.

  • “In Deutschland kommt man mit Kriechen schneller vorwärts als mit Meckern”sagt die Schnecke zur Ziege, in einem bekannten Witz aus dem 1000jährigen Reich.

Was können wir als Freimaurer dafür tun, dass der Verdrängung humaner Werte und Ziele in unserer modernen Gesellschaft entgegengesteuert werden kann? Die Freimaurerei wird von einem inneren Wertesystem bestimmt und zusammengehalten.  Symbolisch stehen dafür die drei Säulen, auf denen die Loge ruht und die uns zugleich Anleitung geben, mutig beim Tempelbau voranzuschreiten. Die Säule der Stärke macht uns standhaft für die Auseinandersetzung mit der profanen Welt und leider auch manchmal in unserem Kreise. Die Schönheit hilft über manche Dunkelheit und Hässlichkeit des Alltages hinweg, und die Weisheit schließlich gibt uns die Fähigkeit, unser Leben auszurichten und zu ordnen. Wir nutzen die Stärke und die Weisheit, um uns für die Tapferkeit die notwendige Vernunft geben. Dieser Idealzustand wird aber, wie bereits gesagt, nicht vorgegeben, sondern ist der Lohn für die Arbeit am rauen Stein, die vor allem auf Selbsterkenntnis und Achtsamkeit fusst. Ein Quelle der Kraft, sich solchen Herausforderungen zu stellen, liefern auch die Tempelarbeit und die Gespräche mit den Brüdern. Durch die Bruderkette im Geiste findet man Rückhalt für die eigenen Überzeugungen. Doch wie ist es um die Praxis der Zivilcourage bei uns als Gruppe bestellt? Sollen und wollen wir uns z. B. öffentlich gegen oder für Dinge der profanen Welt aussprechen ? Was kann die Organisation der Freimaurer tun?

Oder wollen wir es allein dem einzelnen Bruder überlassen? Als Loge oder Verein könnten wir zum Beispiel Aufklärung durch öffentliche Vorträge zu diesem Themenkreis leisten. Auch wäre eine Unterstützung von Vereinigungen, die sich den Auswirkungen einer von immer mehr stromlinienförmigen Menschen geformten Gesellschaft entgegenstellen sinnvoll und notwendig. Wir können im Bewusstsein des oben gesagten in der profanen Welt versuchen, ein Vorbild zu sein und unsere Stimme gegen den Verlust ethischer Grundsätze in einer von Angst und Konsumwahn regierten Gesellschaft erheben. Nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern durch Öffentlichkeitsarbeit. Wehret dem Unrecht, wo ihr es antrefft ! Diese Aufforderung sollte jedem Bruder wohlbekannt sein.

Zeigen wir doch mal Zivilcourage !

 

Ehrwürdiger Meister, meine Zeichnung ist beendet.

 

Posted by on September 16th, 2014 2 Comments