Archive for November, 2014

 

Anmerkungen zur Venus III – Mythologie

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Symbole der Venus:
Spirale aus Kupfer-Blättern mit Goldenen Schnitt.
Venus Gift ©scrano 2013

Die zypriotische Aphrodite, nach der Kastration des Uranus in einem letzten Schöpfungsakt durch Vermischung von Blut und Sperma des abgetrennten Phallus mit den Wassern des Okeanos (weibliches Urchaos) geboren. Betrachten wir das Uranos-Prinzip näher: Abstrakter Plan, Himmel, Schöpfungsdrang ohne irdische Verantwortung, keine Fürsorge/emotionale Bindung, Grenzenlosigkeit, Perfektions-Anspruch. Das bringt wieder die gefürchtete, destruktive Seite der Venus in Erinnerung: Aphrodite mit ihren Launen, Eros mit seinen Pfeilen, die Menschen ins Chaos stürzen –> Urteil des Paris, Trojanischer Krieg.

Oder die eifersüchtige Göttin, die in ihrem Perfektionsanspruch nichts neben sich duldet. Wen die Muse küsst, der muss auch leiden und sich der Venus ganz unterwerfen, sie duldet keine Rivalinnen. Künstler wissen ein Lied davon zu singen. Manche Venus-Typen sind so perfektionistisch in ihrer Weltsicht, dass daraus durchaus Extremismus entstehen kann. Was stört, muss weg, sei es die Warze auf der Nase oder vermeintliche Hässlichkeit in anderen Dingen. Man denke an Himmler (Sonne Waage, starker Uranus) oder Hitler (Sonne, Stier, starke aber verletzte Venus, starker Uranus), beide sowohl vom Venus-Prinzip, als auch vom Uranus geprägt. Es ist eher der Ausgleich, das “Zurechtrücken des Bildes”, der  gesucht wird, als die Harmonie. Harmonia, eine Tochter von Venus und Mars, entsteht erst durch die Integration der beiden Pole, Animus und Anima. Wobei Venus und Mars die Rohform des männlich/weibliche Pols darstellen, erst in Mond und Sonne finden Animus und Anima ihre erhöhte Form. Deshalb finde ich Crowleys (Sonne Waage!) Variante der Tarotkarte “Die Gerechtigkeit” als “Ausgleichung” stimmiger, genauso seine Zuordnung zur Nummer 8.

Geschichte:

Die babylonische Ischtar und ihr Tempeldienst → jedes Mädchen in Babylon musste vor ihrer Ehelichung im Tempel für sich feilbieten lassen, bot kein Mann für sie, war es eine Schande für sie und ihre Familie.  Eine treffliche Verbindung der Venusprinzipien: Geschäft, Eros und Ehe, die in alten? Zeiten auch eine Art Geschäft war. Ähnliche Tempelkulte werden für Aphrodite in ihren Heiligtümern in Paphos oder Aphrodisias überliefert.

Polaritäten:

  • Ausgleich, Diplomatie, Kompromiss in Haus VII gegenüber Kampf, Gewalt, Durchsetzung in I.
  • Eros in Haus II/Stier gegüber Thanatos in VIII/Skorpion.
  • Luft-Venus gegen Feuer-Mars.
  • Erd-Venus gegen Wasser-Mars(mit Pluto).

Die Erotik in sozialem Kontext zähmt den Mann (Ehe als zivilisierende Massnahme) → Mars und Venus, Gilgamesch Epos: Enkidu und Ishtar oder älter: Inanna und Enki.  I. und VII. Haus, Widder und Waage.

 
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Botticelli: Venus und Mars. Quelle: wikimedia Commons.

Im psychologischen Sinn müssen wie schon erwähnt, Anima (Venus,Mond) und Animus (Mars, Sonne) einander integrieren, dies wird auch in der Reise des Helden (Herkules, Gilgamesch und Zauberflöte) sichtbar → auch in der Heldenreise des Tarot !

Im spirituellen Sinn soll die Materie transzendiert werden: Achse II/VIII. Ein wesentlicher Kern der freimaurerischen Mysterien und von Mysterienkulten allgemein.  Auch in den hermetischen Werken, der spirituellen Alchemie wird dieses Prinzip  deutlich ausgedrückt.  Vor allem bei letzterer :  In der Vorstellung der Conjunctio, der Putrefactio und Albedo. Religiöse Praktiken z.B. “Sacred Sex” wie bei “Hieros Gamos” oder  im Tantra versuchen diese Transzendierung ebenfalls zu erreichen. Hier wird der venerische Bezug besonders deutlich, auch die Nähe zum Thanatos des 8. Hauses: Nicht umsonst heisst der Orgasmus im französischen: “Le petit mort”.

Schon im Judentum (nach dem Kulturschock der als skandalös empfundenen Tempelprostitution im babylonischen Exil), aber besonders im Christentum (Paulus, Augustinus – ein Skorpion!) wird Venus aus dem Wunsch-Frauenbild verdrängt: Das Begehren wird auf Minneliebe –> „Tannhäuser und Elizabeth von Thüringen“ und Grals-Suche gelenkt, und schliesslich durch den Marienkult sublimiert. Wobei hier nur der Mondanteil (Maria auf der Mondsichel) und der uranische Anteil (ein bisschen  sichtbar im Sternenkranz –> 8-zackige Sterne der Ishtar), zugelassen wird. Der  Sternenkranz stammt wahrscheinlich von einer entfernteren Verwandten der Ur-Venus, nämlich Astraia oder Astraea, der Sternenjungfrau. Diese besitzt selbst einen sehr interessanten Hintergrund. Nur soviel vorweggenommen: Sie hat eine Verbindung mit dem Waage-Prinzip. Dies wird deutlich in der schon angesprochenen Tarotkarte:”Die Gerechtigkeit”. Astraeas Hintergrundgeschichte zeigt auch warum die Nummer 8 für diese Karte eindeutig die bessere Wahl darstellt. Zu guter Letzt wird noch Eros, der flinke Liebes-Schütze zu den drallen Putten des Barock, die allerdings ihren venusischen Charakter kaum verbergen können.

Etwas von der Venus hat sich durch die gesamte Marianistik aber erhalten:  Die Rose, Sinnbild von Schönheit, Geheimnis und Verheissung. Letzteres muss aber durch das Marsprinzip erkauft werden: Sie besitzt rötliche! Dornen, die Blut fliessen lassen und  überwunden werden wollen. Einen ähnlichen Zusammenhang erkennt man auch im Märchen von Dornröschen. Das Blut ist das Blut der ersten Menarche, wenn das Kind zur Frau erwacht. Aber auch das der ersten Liebesnacht, das in alten Zeiten als Beweis des Ehevollzugs galt.

Die Signatur der Rose zeigt uns fünf Kelchblatter, das Pentagramm → auch der sündige Apfel der Bibel, ein Rosengewächs. Die Ur-Sündenfrucht Granatapfel hat auch eine Venus-Signatur, die roten Ballungen der Einzel-Früchte im Inneren der derben Schale erinnern an Eizellen, die rote Farbe an die Menstruation und das Lebensblut. Ihr Schatz liegt im Inneren verborgen, auch eine Analogie zu Pluto, dem Herrn der Unterwelt (nicht Teufel!!), der auch über Samen wacht die im Boden ruhen. Das verdeutlicht eine andere Geschichte, in die Venus verwickelt ist, die Ent(Ver)-Verführung der Persephone. Doch davon später beim Kapitel Pluto.

So blieb der armen Venus für lange Zeit nur noch die Rolle der Hure von Babylon (eigentlich: Harlot of Babylon, was Luder aus Babylon heisst, nicht der Sex ist das Problem der christlichen/jüdischen Patriarchen, sondern die Unabhängigkeit= Schamlosigkeit, Amoral). Damit teilt sie das Schicksal von Maria Magdalena, die von der Zeugin der Auferstehung und wichtigen Jüngerin zur Hure herabgewürdigt wurde.

Der Schatten der Venus in Schlüsselworten:

  • Eifersucht, Eitelkeit, Oberflächlichkeit, Narzismus (zusammen mit Sonne/Löwe, ihren Zusammenhang mit dem fünften Haus habe ich schon in Teil I besprochen). Nachlässigkeit, Gleichgültigkeit, Entscheidungsfaulheit, Eskapismus.
  • Perfektionismus, Gerechtigkeitfimmel, Paragraphenreiterei (nein nicht die arme, gescholtene Jungfrau ist hier Spitzenreiter), Entscheidungsunfähigkeit.
  • Genuss-Sucht, Völlerei, Sex-Sucht,Dekadenz, Manierismus
  • Sex-Industrie, mit Neptun, ihrer höheren, kollektiven Form : Hollywoods Glamour und Traumfabrik.
  • In der Familie: Tochter als Rivalin der Mutter, Schneewittchen-Syndrom, Elektra-Komplex.

Problematische Venus:

  • Venus-Jupiter: konjunkt, Quadrat, bei schlecht gestellter Venus.
  • Venus im Wassermann
  • Venus im Exil/Fall
  • Venus-Uranus: konjunkt, Quadrat, Opposition
  • Venus-Neptun: konjunkt, Quadrat, Opposition
  • Venus-Pluto: konjunkt, Quadrat, Opposition
  • Venus-Saturn: Quadrat, Opposition
  • Venus in Haus 8,12

Retrograde Venus: sehr exzentrisches Geschmacksempfinden, große Eigenwilligkeit, andere Beziehungsideale, Entscheidung für ein Single-Leben, fühlen sich ungeliebt, Sozialphobie, seltsame Vorlieben: „kinky sex“. Wenn sehr schlecht gestellt: Soziopathie.

05 Watteau - L'indifferente

Antoine Watteau: L’Indifferente

 
Beispiele für ein starkes Venus Prinzip:
  • Antoine Watteau, Maler des Rokokko, Sonne Waage, starkes 2. Haus.
  • –> L’Indifferente: Der Unentschiedene, nicht unbedingt der Gleichgültige, wie es oft bezeichnet wird. Ein Waage-Venus typisches Bild.
  • Heinrich VIII: Sonne Krebs, Venus eleviert am MC im Stier.
  • Aleister Crowley: Sonne + Venus Waage.
  • Ditta van Teese: Sonne +  Stellium Waage, Venus im 5. Haus.
  • Brigitte Bardot: Sonne  + MC Waage, Stellium.
  • Mahatma Gandhi: Sonne + ASC Waage, starkes 7. und 2. Haus.
  • Silvio Berlusconi: Sonne Waage, schlecht gestellte Venus im 2. Haus.
  • Oscar Wilde: Sonne, Venus Waage, starkes 7. Haus.
  • Vladimir Putin: Sonne + ASC Waage, starkes 2.Haus. 
 
 Quelle Watteau: http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co. KG
 
Teil I: Aus den Urwassern entstiegen.
Teil II: Keywords und Korrespondenzen 

 

Posted by on November 21st, 2014 Kommentare deaktiviert

Novemberspaziergang: Waldgeister

Heimstatt der Dryaden

Alter Baumstumpf: Heimstatt der Waldgeister und Wichtel.

Die Waldgeister

Die klügsten Waldgeister sind die Alräunchen,
Langbärtige Männlein mit kurzen Beinchen,
Ein fingerlanges Greisengeschlecht;

Woher sie stammen, man weiß es nicht recht.

Wenn sie im Mondschein kopfüber purzeln,
Das mahnt bedenklich an Pissewurzeln;
Doch da sie mir nur Gutes getan,
So geht mich nichts ihr Ursprung an.

Sie lehrten mir kleine Hexereien,
Feuer besprechen, Vögel beschreien,
Auch pflücken in der Johannisnacht
Das Kräutlein, das unsichtbar macht.

Sie lehrten mich Sterne und Zeichen deuten,
Sattellos auf dem Winde reiten,
Auch Runensprüche, womit man ruft
Die Toten hervor aus ihrer Gruft.

Sie haben mir auch den Pfiff gelehrt,
Wie man den Vogel Specht betört
Und ihm die Springwurz abgewinnt,
Die anzeigt, wo Schätze verborgen sind.

Die Worte, die man beim Schätzegraben
Hinmurmelt, lehrten sie mich, sie haben
Mir alles expliziert – umsunst!
Hab nie begriffen die Schatzgräberkunst.

Wohl hart ich derselben nicht nötig dermalen,
Ich brauchte wenig, und konnt es bezahlen,
Besaß auch in Spanien manch luftiges Schloß,
Wovon ich die Revenüen genoß.

O, schöne Zeit! wo voller Geigen
Der Himmel hing, wo Elfenreigen
Und Nixentanz und Koboldscherz
Umgaukelt mein märchentrunkenes Herz!

O, schöne Zeit! wo sich zu grünen
Triumphespforten zu wölben schienen
Die Bäume des Waldes – ich ging einher,
Bekränzt, als ob ich der Sieger wär!

Heinrich Heine (Aus: Waldeinsamkeit)

Posted by on November 11th, 2014 Kommentare deaktiviert

Trauermonat November: Der ewige Osten – oder wo geht es nach Sommerland?

Jenseitsvorstellung verschiedener Kulturen und Religionen

Allee Couverte Bretagne 2014, Carnac.

Allee Couverte Bretagne 2014, Carnac.

Liebe hier Versammelte, wir sind heute zusammengekommen, um unserer Brüder, die uns in den ewigen Osten vorausgegangen sind, zu gedenken. Das Thema meiner heutigen Zeichnung befasst sich daher mit den Jenseitsvorstellungen verschiedener Kulturen und Religionen, die auf den europäischen Raum Einfluss nehmen konnten und damit unseren Umgang mit der Unvermeidlichkeit des eigenen Endes entscheidend geprägt haben.
Die Glaubenswelten der Völker der Neuen Welt sind zwar äußerst interessant, hatten jedoch über weite Zeiträume keine spirituelle Uberlappung mit unserem Kulturkreis. Dies gilt ebenso für den Islam, dessen Vorstellungen von Paradies und Hölle sich in Vielem am Judentum beziehungsweise Christentum orientieren, und mit dem wir in Europa erst in jüngerer Vergangenheit in eine direktere Beziehung getreten sind.
Mit den Tod endet das irdische Leben. Freude und Leid sind Vergangenheit. Was nach dem letzten Atemzug kommt ist ungewiss, da können uns auch die Wissenschaften nicht weiterhelfen. Berichte von „Nahtoderlebnissen“ sind zumindest aus wissenschaftlicher  Sicht sehr zweifelhaft, da über die explosionsartigen Hormonausschüttungen in extremen Situationen das Gehirn von Informationen überschüttet wird, welche zu halluzinatorischen Erlebnissen führen können.  Soll es das gewesen sein, oder gibt es doch noch etwas nach dem Tod? Diese brennende, auf ewig ungeklärt scheinende Frage beschäftigt die Menschheit schon seit Beginn Ihrer Existenz.

Daher lasst mich mit den so lange von der Anthropologie und Archäologie verkannten Neandertalern  beginnen, den ersten wirklichen Siedlern im damalig recht unwirtlich erscheinenden, eiszeitlichen Europa.  Die Art, wie sie ihre Toten begraben haben,  lässt vermuten, dass sie an einen Übergang von der realen Welt in eine andere Welt glaubten. Neuesten Erkenntnissen nach haben die Neandertaler ihre Toten in ein Blütenbett,  mit rotem Ocker überstreut, bestattet. Mit diesem Rot, der Farbe des Blutes, wollte man wahrscheinlich dem erstarrten kalten Körper neue Lebenskraft zuführen, damit er wieder zum Dasein auferstehe in dem jenseitigen Schattenreich oder zur Wiedergeburt in einem neuen „Erdendasein“. Spätestens ab der Jungsteinzeit sind fundierte archäologische Erkenntnisse über Begräbnisrituale und mögliche Jenseitsvorstellungen vorhanden.
Zeugnisse von Gräbern von Menschen aus der Jungsteinzeit sind die heute noch sichtbaren Menhire und Dolmen (=Allee Couverte) , die später auch die zugewanderten indoeuropäischen Kelten aus dem Schwarzmeergebiet als Weihestätten in ihre eigenen Kulte mit einbezogen.
Kelten
In der keltischen Mythologie bezeichnet Anderswelt eine  paradiesische Insel jenseits des Meeres oder ein ewig grünes Land, auch Sommerland genannt. Dieses konnte durch alte Grabmonumente oder Gewässer betreten werden. In diesem paradiesischen Jenseits, so glaubten die Kelten, würden die Körper der Menschen weiter existieren, ohne Sorge um Hunger, Tod und Krieg. Die Kelten pflegten Toten deshalb Briefe mitzugeben, die mit ihnen verbrannt wurden, oder ließen sogar Verträge aufsetzen, in denen Schulden erst im Jenseits beglichen werden mussten. Bei den Galliern, den westlichen Festlandkelten, waren die Vorstellungen verbreitet, nach denen die Seelen der Toten von Krähen ins Jenseits gebracht wurden. Die Vorstellung eines “Seelenfährmannes” war zumindest bei den Alpenkelten, Noriker, verbreitet, die von den Etruskern die Sitte übernahmen, den Toten einen Edelstein oder eine Münze mit ins Grab zu geben. Nach dem griechischen Autor Herodot glaubten die Kelten aber auch an die Wiedergeburt. Ob die Inselkeltischen Sagen von Personen, die in unterschiedlichen Tiergestalten weiterlebten, eine Erinnerung hieran darstellen, ist ungewiss. Die „Reinkarnation“ oder „Wiedererweckung von Göttern“ oder „sagenhaften Menschen“ ist jedoch fester Bestandteil der irischen und walisischen Sage. Ein Nachweis ist der „Gundesdroop-Kessel“. Dieser wurde zwar in einem dänischen Moor, also auf germanischem Gebiet gefunden, war aber wahrscheinlich ein Freundschaftsgeschenk eines keltischen Stammes.

Lebensrad und Samsara.quelle:wiki.

Lebensrad und Samsara.
quelle:wiki.

Germanen
Die Germanen kannten auch für das Totenreich keine „egalitäre“ Gesellschaft. Die Waffen in den Gräbern lassen darauf schließen, dass es im Jenseits nicht friedlich zuging. Aber das reichhaltige Geschirr zeigt, dass man auch Feste erwartete. Die Toten bekamen zur Fahrt ins Jenseits alles mit, was sie zur Fortsetzung des Lebens dort brauchten. Archäologische Funde bestätigen eine reichhaltige Ausstattung der Totenreise, es gab sogar geopferte Sklaven bei hochstehenden Persönlichkeiten, die den Gang ins Jenseits begleiten mussten.
Über den Aufenthaltsort der Toten gab es unterschiedliche Auffassungen. In vielen Quellen tritt vor allem Hel als Göttin der Unterwelt in Erscheinung. Ihr Gesicht war zur Hälfte blauschwarz, zur Hälfte hatte es normale Hautfarbe. Diese eigentliche piktische/keltische Kriegsbemalung wurde vielleicht von Germanen übernommen. Sie war gierig und gnadenlos; wen sie einmal hatte, den ließ sie nicht mehr los. Diese „Personifikation“ des Totenreiches ist in der Religion des Nordens wahrscheinlich nicht sehr alt, sondern stammt wohl erst aus der spätgermanischen, vielleicht schon christlich beeinflussten Zeit. Oder es gibt auch hier Überschneidungen mit keltischen Figuren, wie der Schlachten- und Todesgöttin Morrigan.

Wikinger
Die ebenfalls germanischen Wikinger des Frühmittelalters (8-10 Jahrhundert) glaubten, dass das Leben im Jenseits genau so sei, wie das Irdische. Deshalb wurden sie mit ihrem kostbarsten Besitz, besten Kleidern und viel Proviant bestattet.
Ein Häuptling wurde z.B. mit sechs Hunden, zwölf Pferden und einem Pfau begraben, oder man bestattete sie in Langschiffen, die dann angezündet wurden.  An Land gab es sogenannte Schiffsgräber. die diesem Brauch nachempfunden wurden. Im 10. Jahrhundert begegnet uns in den „Skaldengedichten“ dann auch ein anderes Totenreich, Odins “Walhall”. Krieger wollten unbedingt einen Heldentod sterben, da sie glaubten, dass sie dann von den Walküren nach Walhalla in Odins Walstatt gebracht würden, wo die Tage mit Kämpfen und die Nächte mit Feiern erfüllt waren. Ihre Paradiesvorstellung bestand aus “Saufen und Raufen”, sozusagen.  Wer dabei fiel, stand am Abend unversehrt wieder auf.

Soweit zu den Vorstellungen der „autochtonen“ Bevölkerung im Gebiet nördlich der Alpen.
Weitere Einflüsse kamen über Handelswege und im Gepäck der römischen Eroberer. Eine der ältesten Kulturen, die hierbei eine zentrale Rolle spielen, sind die Ägypter.

Ägypter
Riesige Pyramiden, prachtvolle Gräber und gut erhaltene Mumien zeigen uns, wie wichtig die Jenseitsvorstellung für die alten Ägypter war.
Die alten Ägypter glaubten, dass nach dem Tod nicht alles zu Ende sei, sondern man in eine andere Welt, das Jenseits übergeht. Im Laufe der Geschichte Ägyptens gab es drei unterschiedliche Jenseitsvorstellungen.

  • 1. Das Totenreich liegt in der westlichen Wüste, jenseits der „Totennekropole“.

Hier herrscht Seth, der Rote, Herr der unfruchtbaren und fernen Länder (und der ausländischen (Barbaren). Der etwas seltsam aussehende Gott (Gürteltier/Esel/Erdferkel), neidischer Bruder von Osiris, war ursprünglich im Alten Reich der “Chef im Ring” und wurde als Quelle der pharaonischen Macht angesehen. Später wurder er immer mehr zum “Kain” des ägyptischen Patheons abgewertet. Dass er einen guten Totenherrscher abgeben würde steht ausser Zweifel. Frühe Gräberfunde stammen aus der Wüste, es handelte sich dabei un häufig natürlich mumifizierte Verstorbene. Vieleicht stammt der Ursprung der späteren aufwendigen Totenkonservierung aus der Erkenntnis der Zusammenhänge zwischen Austrocknung und Verhinderung des Verfalls bei solchen Toten.

  • 2. Das Jenseits liegt im Himmel in der Nähe des Sonnengottes

Diese Vorstellung war nur dem König des Alten Reiches bestimmt. Der Pharao stieg in die Barke des Sonnengottes Re und nahm an den täglichen Sonnenlauf der Barke teil. Man glaubte, dass die Barke den zyklischen Kreislauf der Sonne darstellte. Am Tag durchzog der Sonnengott den Himmel mit seiner Sonnenbarke, wenn er dann im Westen ankam, stieg er in seine Nachtbarke. Der Nachthimmel war ein Gegenhimmel zum Taghimmel. Er lag nicht unmittelbar im Westbereich oder etwa in der Unterwelt. Den Nachthimmel stellte man sich im Norden vor, der ja unmittelbar mit dem Osten, wo die Sonne aufgeht, verbunden war.

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  • 3. Das Jenseits liegt unter der Erde  ( aus dem bäuerlichen Osiris-Vegetationskult)

Diese Vorstellung fand man schon in den Pyramidentexten des Alten Reiches, wo das Jenseits als “untere dat” bezeichnet wird. Es ist das Reich des Gottes Osiris, das aber verständlicherweise von den Pharaonen des Alten Reiches abgelehnt wurde. Wer möchte schon gerne glauben, dass das Leben nach dem Tod in einer lichtarmen Unterwelt weitergeht, wenn die Vorstellung von einem Weiterleben auf der Barke des Sonnengottes doch viel verlockender ist. Osiris lebt im Winterhalbjahr als Totenrichter in der Unterwelt, im Sommerhalbjahr als Apis-Stier. (Fruchtbarkeit, Vegetation), daher auch seine grüne Farbe. Eine alte Vorstellung des im Jahresverlauf sterbenden Vegatationsgottes, der dann als Samenkorn im Schoss der Erde ruht.
Zum Ende des Alten Reiches setzte sich die Vorstellung vom Reich des Osiris aber immer mehr durch, denn sowohl der Pharao als auch das Volk konnte sich gut mit dem neu aufgewerteten Osiris-Glauben identifizieren. Nachdem Osiris durch die Göttinnen Isis=Leben und Nephthys=Verwesung wiederbelebt wurde, herrschte er als Totenrichter in der Unterwelt, während sein Sohn Horus die Nachfolge im Reich der Lebenden antrat. Mit diesem Osiris-Mythos hatten die alten Ägypter also die Gewissheit, dass sie nach dem Tod auferstehen werden. Der König, und am Ende des Alten Reiches auch alle Personen nicht königlicher Abstammung, erhielten nach ihrem Tod den Zusatz-Namen Osiris. Der Pharao wurde also nach seinem Tod zu Osiris, während er im Leben den Gott Horus symbolisierte. (Er lebt im Sohne, wie im 3. Grad: Der Osirismythos hatte einen deutlichen Einfluss auf die Ritualistik in unserem Bund.)

Vielfältige archäologische Funde bezeugen einen lebhaften Austausch von Handelsgütern zwischen der Bevölkerung nördlich der Alpen und den östlichen Mittelmeerraum. Dies gilt besonders für Oberitalien/Etrurien und Griechenland, von dem zum Beispiel die Kelten die Schrift übernommen haben. Entgegen der landläufigen Meinung waren die Kelten kein schriftloses Volk, sie entwickelten aber kein eigenes Alphabet, nur in Irland gab es die Ogham-Glyphen. Heilige Texte niederzuschreiben war allerdings tabu.

Griechen
Zum ersten Mal in der abendländischen Kulturgeschichte findet sich bei den Griechen der Begriff der Seele klar umrissen.
Im Augenblick des Sterbens, so der Glaube, löste sich die Seele vom Körper, um in das Reich der Schatten, den Hades zu fliegen. Die Seele wurde als Ebenbild des verstorbenen Menschen angesehen, körper- und schwerelos, aber dennoch fähig zu leiden und sich ins Leben zurück zu sehnen. Damit diese Ebenbilder der Toten in das Totenreich Hades gelangen konnten, über das der gleichnamige Gott Hades oder Pluto und seine Ehefrau Persephone herrschten, mussten ihnen durch Begräbnisrituale die letzten Ehren erwiesen werden.  Ansonsten muss die Seele ewig wandern und findet keine Ruhe. Eine Vorstellung, wie man sie auch im Voodoo findet. Das Totenreich galt allgemein als freudlose, düstere Ruhestätte, so dass der Gedanke an den Tod die Griechen mit Grauen erfüllte. Beim Übergang in den Hades tranken die Toten aus dem Fluss des Vergessens, Lethe, und kannten danach weder Zukunft noch Vergangenheit, sondern nur noch die ewige Gegenwart der Unterwelt. In der Odyssee steigt Odysseus auf der Suche nach seinem Schicksal und einem Weg in seine Heimat Ithaka, in den Hades herab, wo er den Seelen Blut von Opfertieren zu trinken gibt, sodass sie für kurze Zeit ihre Erinnerung zurückerhalten. Ein Anklang der späteren Vampirmythen: Die Seele lebt im Blut. Unter ihnen ist auch Achilles, der zornig ausruft: “Lieber wäre ich auf Erden ein Tagelöhner bei einem anderen, einem Armen, der nicht viel zum Leben hat, als Herrscher über alle dahin geschwundenen Toten.” Mit der Zeit entwickelten sich immer konkretere Vorstellung vom Totenreich:  Es war von mehreren Flüssen umgeben, deren wichtigsten, den Styx, man nur mit Hilfe des von dem dreiköpfigen Höllenhund Kerberos begleiteten Fährmanns Charon, überqueren konnte – eine Rückkehr war nicht möglich. Daraus folgte auch der Brauch, Toten einen Obolus als Bezahlung für Charon mitzugeben. Charon blickte immer nur zurück, ein Zeichen, dass es im Schattenreich keine Zukunft gibt.

Eine Alternative boten die Mysterienweihen: Den Eingeweihten von Eleusis bot der Kult von Demeter oder Dionysos/Orpheus einen Ausweg aus der Freudlosigkeit des gewöhnlichen Schattendaseins, da hier die Seele erlöst werden kann und dann ins Elysium, dem Ort ewiger Freude eingeht. Die Mysterienkulte werden Thema eines eigenen Vortrags sein, besonders da sie in der Freimaurerei eine tragende Rolle spilen.

Erste Kontakte mit den Religionen am Indus und Ganges erfolgten zur Zeit „Alexander des Grossen“.

Hinduismus
Der Hinduismus entfaltet ein hochkomplexes Jenseitsbild. Die vedische Religion hatte ein Paradies bereit, das allen Opfernden bereit stand. Später setzte man neben die Götterwelt der Unsterblichen eine dem Kreislauf der „Reinkarnationen“ unterworfene Väterwelt der Unsterblichen.  Zahlreiche Höllen lösten einander ab, die das wahre Jenseits zum schier unerreichbaren Paradies machten. Hindus sehen Moksha, die Erlösung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara), als Endziel an. Zwar gibt es auch Vorstellungen vom Himmel, den eine Person mit gutem Karma nach dem Tod des Körpers genießen kann, dieser ist jedoch nur vorübergehend. Auch beschreiben die Mythen verschiedene Höllen für Übeltäter, jedoch geht man davon aus, dass keine noch so schwere Verfehlung ewige Wirkung haben könnte. Das Individuum komme unweigerlich auf die Erde zurück und der Kreislauf von Geburt zu Geburt gehe weiter, bis zur endgültigen Erlösung. Letztendlich unterliegen aber auch die Götter dem Samsara, die Welt geht am Ende unter, um wieder neu zu erstehen. Shiva tanzt den Tanz des Himmelsbrandes, aber auch der Erneuerung. Etwas was man aus der nordischen Mythologie als Ragnarök, Götterdämmerung kennt.

Buddhismus
Der Buddhismus nimmt die im indischen Raum vorherrschende Glaubensvorstellung der Wiedergeburt auf und sieht somit sein Endziel nicht im Erreichen einer göttlichen Welt, in welches das Individuum nach dem Ableben eintreten könnte. Der Grund dafür ist, dass jegliche bedingte Daseinsform, so genussvoll sie auch sein mag, als eine letzten Endes vergängliche Illusion, Maya,  betrachtet wird und somit keine absolute Erfüllung schenken kann. . Vielmehr wird eine Loslösung aus dem Kreislauf des Entstehens von Geburt und Tod angestrebt. Diese Befreiung ist das Nirvāna, das vollständige Erwachen, welches als Ende allen Leids beschrieben wird. Interessanterweise wird gerade die materielle Existenz als Traum angesehen. Wie bei den christlichen Katharern ist die weltliche Existenz irgendwie vom “Bösen” gezeichnet.
Jenseits- und Seelenvorstellungen aus beiden Religionen gelangten bereits in der hellenistischen Zeit (Graeco-Buddhdismus) über Alexandria in den Mittelmeerraum.  Dort fanden sie in den bereits als Erlöserkult angelegten Mysterien fruchtbaren Boden und beeinflussten sogar das Judentum und später auch das frühe Christentum.

Judentum
Das Judentum entwickelte nie eine eindeutige Vorstellung über das Geschehen nach dem Tode.
Es haben sich vielmehr wesentlich zwei Lehrmeinungen herausgebildet, die sich auf eine unbestimmte Menge von Hinweisen im „Tanach“ beziehen.

  • 1. Die eine Lehrmeinung nimmt die Auferstehung der Toten an, d. h. die Menschen sterben mit Leib und Seele, aber werden in der messianischen Zeit wiederbelebt und leiblich auferstehen. Die Auffassung von einer Auferstehung der Toten entwickelte sich im Judentum erst nach dem babylonischen Exil. In der jüdischen „Apokalyptik“ wurde diese Vorstellung weiter ausgebaut zu einer Auferstehung in Verbindung mit einem Gericht Gottes über die Welt. Mit dieser Auferstehung war nach jüdischen Begriffen eine körperliche Auferstehung gemeint – entweder die körperliche Auferstehung aller Menschen oder die körperliche Auferstehung der Menschen, die im Bund Israels mit Gott eingeschlossen sind. Das Schicksal des einzelnen Menschen trat in dieser kollektiven Sicht zurück, war aber darin eingeschlossen.
  • 2. Die andere jüdische Lehrmeinung nimmt an, dass die reine Seele, unbefleckt durch Geburt, Leben und Tod, wieder rein zu Gott zurückkehrt. Sie geht von der Unsterblichkeit der Seele aus und davon, dass diese nach dem Tod unabhängig vom Körper weiterlebt . Das herrschende, gelehrte Priestertum, zur Zeit Jesu lehnte die fleischliche Auferstehung ab, im Gegensatz zu den Pharisäern.
  • 3. Weiterhin gab es eine Vermengung dieser beiden Lehrmeinungen, dass nämlich die Seele den Tod des Menschen überlebe und bis zur „messianischen“ Zeit weiterlebe und sich schließlich mit dem Körper neu vereinige und leibhaftig auferstehe.

In der Kabbala, der jüdischen Mystik, ist die Wiederverkörperung eine göttliche Strafe, eine ähnliche Auffassung  wie in der Gnostik. Diese dient dazu, die Seele in einem neuen Körper der Vervollkommnung zuzuführen, also eine „Reinkanationsvorstellung“, eine Auffassung, die durchaus ein Indien-Import sein könnte, wie auch das buddhistische Mönchstum. Die im Mittelmeerraum über Jahrhunderte herrschenden Römer wirkten als Motor für die Verbreitung unterschiedlichster Glaubensvorstellungen in ihren gesamten Einflussbereich.

Im Westen, wo die Sonne ins Meer versinkt lag das Totenreich vieler antike Kulturen.

Im Westen, wo die Sonne ins Meer versinkt lag das Totenreich vieler antike Kulturen.

Römer und Früh-Christentum
Die römischen Jenseitsvorstellungen sahen zunächst eine seelische Fortexistenz nicht vor, da der Verstorbene als Geist nicht mehr als individuelle Person galt. Die Toten erschienen dagegen kollektiv als „divi parentum“ und schützten den inneren Familienfrieden.
Mit „di manes“ (die guten Götter) bezeichneten die Römer seit dem 1. Jahrhundert vor Christus ihre Totengeister, die auch für die unteren sozialen Schichten ‘zuständig’ waren. Schon 200 Jahre später glaubte man, dass alle Totenseelen in den Kreis der Manen eingingen; auch Sklaven wurde eine Seele zugesprochen. Nachts konnten ‘böse’ Geister wie Lemuren oder Gespenster (larvae) ihr Unwesen treiben. Insgesamt waren die in Rom herrschenden Vorstellungen eines Jenseits wesentlich blasser und einfacher als die griechischen oder etruskischen, welche daher zum Teil von den Eliten übernommen wurden.
Daneben bestanden in den Provinzen die unterschiedlichsten Auffassungen über das Leben nach dem Tod weiter, wie sie von Kelten, Germanen, Ägyptern und anderen “eingemeindeten” Völkern im Bereich der “Pax Romana” geglaubt wurden. Innerhalb des römischen Herrschaftsgebiets entstand auch das Christentum.

Christentum
Das Christentum stellt das Jenseits als Etwas endzeitlich Hereinbrechendes dar, an dessen Ende die volle Gemeinschaft mit Jesus Christus steht. Das Neue Testament beschreibt es jedoch eher zurückhaltend gleichnishaft und hält sich bei Details zurück. Das Christentum glaubt an die Auferstehung von den Toten. Die Seele wandert aus dem irdischen, vergänglichen Körper in einen himmlischen, ewigen Körper. Es betont die Auffassung eines Totengerichts, dem eine Scheidung in Himmel und Hölle entspricht. Wenn dieses endgültig auch erst nach der Wiederkunft des Heilands erwartet wird.
Bei den Katholiken wurde bis ins 20.Jahrhundert an der leiblichen Auferstehung festgehalten. Deshalb wurde eine Verbrennung des Leichnams verboten.
Die Erwartungen an das Jenseits waren im Frühmittelalter überwiegend von Schreckensvisionen geprägt; man stellte sich vor, unmittelbar nach dem Tod von einem Sondergericht abgeurteilt zu werden, um von Engeln bzw. Teufeln in Himmel oder Hölle geführt zu werden. Die Erfindung des Fegefeuers ist ein Beispiel dafür, wie die Volkskultur durch ein christliches Modell überformt wurde. Bis ins 12. Jahrhundert existierten in den kirchlichen Jenseitsvorstellungen nur zwei Orte: der Himmel und die Hölle. Fragen stellten sich prompt: Wohin mit den ‘minderen’ Sündern? Was geschieht in der Zeit zwischen dem Tod des einzelnen (und seinem individuellen Gericht) bis zum Jüngsten Gericht?
Das Fegefeuer (‘Purgatorium’) wurde zwischen 1170 und 1200 ‘erfunden’, das heisst als Begriff von der Kirche eingeführt und erstmals 1274 auf dem Konzil von Lyon verkündet. Die Lehre vom Fegefeuer gab den Menschen die Möglichkeit, sich und ihren Angehörige vor der ewigen Verdammnis der Hölle zu retten. Um die Leidenszeit im Fegefeuer zu verkürzen, wurden Ablässe erworben und Seelenmessen gelesen, gegen Gebühr versteht sich. Eine weitere Kuriosität stellt der Limbus dar, eine Art Vorhölle ohne die drakonischen Strafen, die sonst die Sünder erwarteten, in dem Nichtchristen mit besonderen menschlichen Verdiensten verweilen. Dieser Limbus, der stark an die antike Insel der Seligen erinnert, spielt eine grössere Rolle in Dante’s Inferno, der Protagonist trifft hier die Seelen von Vergil, Pythagoras und Plato. Erst ab dem 12. Jahrhundert finden sich Darstellungen des Jüngsten Gerichts, bei dem Engel mit Waagen in der Art der ägyptischen Maat ihres Amtes walten. Die Auferstehung der Toten stellte man sich offenbar vor als Wiedererweckung der Leiber aller Menschen. Seit dem frühen 13. Jahrhundert wird der personifizierte Tod in der europäischen Literatur fassbar; seine überraschenden Attacken machen vor keiner sozialen Schicht halt: Der Tod holt alle.  Ein Eindruck, der auch durch die Seuchen dieser Zeit, vor allem der Pest, dem “Schwarzen Tod” verstärkt wurde. “Memento Mori” wird deshalb ein zentrales Element auch in der bildenden Kunst.

In einigen ländlichen, katholisch geprägten Regionen (Süd-)Europas herrscht zwar noch immer der Glaube an ein Fegefeuer vor. Ansonsten kann man aber den ‘Tod des Fegefeuers” konstatieren, des im Abendland wirkungsmächtigsten Jenseitsortes. Nicht einmal in der Lehre der katholischen Kirche gilt das Purgatorium als ein Ort, sondern nur noch als ein Zustand. Der Limbus wurde von Papst Benedikt XVI, alias Kardinal Ratzinger endgültig abgeschafft. Viele Europäer scheinen am Ende des 20. Jahrhunderts keinen Bezug mehr zu den alten Jenseitsvorstellungen zu haben. So nimmt es nicht wunder, dass immer mehr Konzepte aus anderen Kulturen – wie z.B. die buddhistische Wiedergeburt – übernommen werden.

Die letzten Worte zum Jenseits seien Sigmund Freud überlassen, der zwar auch darüber forschte, wie Wissen der Menschen um ihr eigenes Ende die Persönichkeit beinflusst, aber schliesslich lapidar zurecht zusammenfasste: “Im Grunde glaubt niemand an den eigenen Tod.”

 

Posted by on November 5th, 2014 Kommentare deaktiviert

R.I.P. Europäische Halbleitertechnologie: “Where have all the good times gone …”

Green Technology

The Body Electric: Creative Spark

Schon in den Neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden verzweifelt millionenschwere staatliche Hilfen an die Elektronik-Industrie vergeben, um den Standort Deutschland zu sichern. Schon damals war dies ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen. Die Firmen und auch diverse öffentliche und private  Institute haben die Gelder zwar gerne genommen, doch das hoch gesteckte Ziel konnte zu keiner Zeit erreicht werden. Denkt man an die Firma Siemens, die Mega-Subventionen für die Entwicklung des Megabit-Chips erhalten hatte und letztlich den Prozess von Toshiba kaufte. Dann hatten sie noch Probleme die fremde Technologie zum Laufen zu bekommen. Denkt man an die Programme ProChip, Procar, in die Millionen gepumpt wurden, bevor sie schliesslich gefloppt sind. Oder an die staatlichen Hilfen in Dresden an Infineon oder Quimonda, die enormen Anstrengungen für eine Ansiedlung von AMD. Dann die erfolglose 300mm-Linie in Frankfurt/Oder, die auch  mit Landesmitteln gefördert wurde. Alle diese staatlichen Subventionen haben nur dazugeführt, dass vielleicht das Sterben ein wenig verlangsamt wurde, jedoch wurde es nicht aufgehalten. Nun versucht das Land Baden-Württemberg (der Schwabe wird ja erst nach 40 Jahren gescheit) mit Hilfsprogrammen über die Platform PRONTO das kärgliche  Rest-Knowhow zu bündeln. Auch hier werden wieder Millionen verschwendet, die sicherlich woanders besser eingesetzt werden könnten. Nach dem Sterben der Landshuter Halbleiter-Fabrik, ehemals Hitachi, nach dem Untergang von Quimonda in Dresden und der bevorstehenden Insolvenz der Telefunken Chip-Fertigung in Heilbronn sind überhaupt nur noch wenige Halbleiterproduzenten in Deutschland oder generell Europa tätig. Das letzte Fähnlein der Aufrechten ist vom  gegenwärtigen Stand der Technologie schon längst abgehängt. Oft leben sie nur noch von der Erfüllung von Uralt-Verträgen mit z.B. der Automobilindustrie.  Ausser bei INTEL Ireland überall tote Hose. Aber selbst US-Konzerne geraten langsam in Schieflage:

Wenn sich schon IBM aus der Chipherstellung verabschieden will, welche Chancen haben wir da noch?

Nahezu alles, was irgendwie nach Silizium-Chip aussieht, riecht oder schmeckt, wird in Südost-Asien hergestellt. Das Monopol liegt bei Firmen wie zum Beispiel “Samsung” oder “Charterd Semiconductor” in Korea, Taiwan oder Singapore. Die Versorgung der hier in Europa noch bestehenden Produktionsstätten mit Anlagen-Ersatzteilen oder Serviceleistungen wird immer schwieriger. Kein Wunder, der Schwerpunkt der Service-Infrastruktur ist nach der jeweils höchsten Produktionsstättendichte  ausgerichtet. Wegen all der Problematik haben auch die letzten Hersteller, die noch in Deutschland produzieren, ebenfalls  ihre neuen Fabrikationen nach China verlagert. Bestenfalls wird noch in der Ukraine oder Russland gefertigt. Auch bei der Entwicklung neuen Know-hows geraten wir so ins Hintertreffen, der ehemalige “Think Tank” Europa mit Deutschland als führendem Mitglied ist bald nur noch ein Aquarium mit dröge herum dümpelnden Goldfischen. Nun stellt sich die Frage:  Bei einer so enorm automatisierten Fertigung, wie im Bereich der Silizium Technologie ist der Arbeitslohn wohl nicht der Hauptgrund für die Attraktivität der Fernost-Standorte. Was ermöglicht also diese Billigkonkurrenz aus Asien,  welcher Faktor ist hierzulande der sogenannte Kostentreiber, wie man das so schön nennt ? Man muss sich dabei immer vor Augen halten:  Chipherstellung folgt den Regeln einer  Chemiefabrik, mit allen Problemen bei der Abfallentsorgung und den Sicherheitsvorschriften, die dieses Metier mit sich bringt. Der Verbrauch an toxischen Gasen und anderen giftigen Ausgangsstoffen ist enorm, der Ausstoss an  Zwischenprodukten und Abfällen entsprechend gross, eine fachgerechte und gesetzestreue Entsorgung teuer. Das ist natürlich einfacher dort, wo ein Auge (oder auch zwei) zugedrückt werden. Entweder durch autoritäre staatliche Verordnung oder durch monetäre Zuwendungen an die entsprechenden Regulierorgane. Obwohl sich z.B.  in China bereits Umdenken breitmacht. Wohin werden die asiatischen CHIP-Giganten dann ziehen? Nordkorea, oder als nächstes auf nach Afrika ? Wenn da nicht der kleine dicke Diktator und Ebola wären … oder politische Unsicherheit und Völkermord an der Tagesordnung !

Andererseits es ist sooo verführerisch: In den Schwellenländern  kann man den Menschen noch ungestraft den Dreck vor die Haustür kippen. Der Reiz der Dritten Welt? Indien und Pakistan, bekannt durch ihre Skandale in der Textilproduktion, wären ja auch noch da …

 

 

Posted by on November 4th, 2014 Kommentare deaktiviert

Chinesischer Bumerang

Glaubten die Europäer noch bis vor kurzem, sie könnten in China billig produzieren, die Chinesen ausnutzen und ihnen im eigenen Land schlechtere Qualität andrehen, so müssen sie wohl nun umdenken. Denn in China sind die Kunden von VW wegen augenfällig mangelhafter Qualität der Kornzernprodukte vergräzt. Vor allem der Umgang mit den Beanstandungen seitens der Wolfsburger Autoschmiede verärgert:  Man wolle den Mangel nur billigst reparieren und das zu Lasten der Sicherheit der Kunden. Zu wünschen wäre, dass das Qualitätsbewusstsein bei den Chinesen endlich soweit geweckt wird, dass sie uns auch als Hersteller bessere Waren anbieten, zum Beispiel keine Kleidung oder Spielzeug mit Giftstoffen, nachdem sie als Kunden ein gewisses Anspruchsdenken entwickelt haben.

Doch zurück zur Autobauerzunft: Der Ruf bröckelt! Erst der Getriebe-Gau 2013 und nun Probleme mit der Hinterachse? Das sind normalerweise Themen, die man in der Hinterwaldsproduktion eines Drittlandes vermutet. Neben anderen ausländischen Autobauern steht auch der Volkswagen-Konzern in China ohnehin durch Vorwürfe wegen Preisabsprachen unter Druck. Es laufen bereits Ermittlungen seitens der mächtigen Disziplinarkommission der Kommunistischen Partei. Nun muss gar der VW-China-Chef höchstpersönlich erzürnte Kunden beschwichtigen. Volkswagen wirbt nach Rückrufaktion in China verstärkt um Vertrauen: VW-China-Chef Jochem Heizman hat misstrauischen Kunden im weltgrößten Automarkt versichert, dass die Fahrzeuge des Wolfsburger Autoproduzenten sicher sind. Nun  haben wohl die Chinesen den Europäern unerwarteterweise gezeigt, wo der Hammer hängt. Sie lassen sich nicht mehr alles unterjubeln. Diese Zeiten sind vorbei, auch im Reich der Mitte ist der Kunde König. Vielleicht profitieren wir auch etwas davon, indem wir auch hierzulande wieder bessere Autos bekommen. Denn das Jahr 2014 soll wohl als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem die größte Anzahl von Fahrzeugen wegen  zum Teil schwerwiegenden Qualitätsmängeln zurückgerufen wird. Betroffen sind Produzenten weltweit, aber vor allem in USA und Deutschland, den ursprünglichen Platzhirschen der Branche. Tja, wie ein führender Qualitätsfachmann eines Sterne-Autoriesen so trefflich formulierte: “Qualität muss der Lieferant nachweisen, wir prüfen hier nicht mehr”. Das war in den 1990iger Jahren. Die Folgen spüren wir jetzt. Ein bisschen mehr Verantwortungsbewusstsein und weniger “Greed is Good” wäre bestimmt nützlich, wenn unsere Industrie nicht in Zukunft das Nachsehen haben will. Mitarbeiterausbeutung und Golfplatzführungsstil alleine reichen dafür wohl nicht.

 

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Sigillen exotisch: Veves im Voodoo

VeveBrigitte

Veve Maman Brigitte

 

 

VeveBaronSamedi

Veve Baron Samedi

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Quellen Veve: Wikimedia.

Baron Samedi und Maman Brigitte, passend für den Monat November als Verkörperungen der Wächter der Unterwelt, der Friedhöfe und in ihrer Rolle als Seelenführer.

Samedi hat Ähnlichkeiten mit Saturn/Pluto, sein Name bezieht sich auf Samstag, dem Tag des Saturn, Samedi auf französisch. Die Namen mancher Voodoo Loa stammen aus der Sprache der französischen Kolonialherren der Karibik, vor allem Haitis. In einigen Veve findet man auch freimaurerische Symbolik, da viele der Abolitionisten, die den Sklaven auch auf Haiti zur Freiheit verhalfen, Angehörige des Freimaurerbundes waren. Loa, vor allem die sogenannten Rada Loa (=helle Loa) sind nicht nur Götter sondern vielmehr vergöttlichte Ahnen oder Menschen mit besonderen Verdiensten, die verehrt werden. Eine interessante Parallele existiert zu den katholischen Vorstellungen von Seligen und Heiligen, so dass wegen solcher Entsprechungen eine synkretische Vermischung der alten afrikanischen Yoruba Religion mit dem Christentum leicht möglich wurde. Die dunklen Loa, oder Petro Loa, sie sind ambivalenter Natur, in manchen Zügen entsprechen sie den Dämonen christlicher Prägung. Wobei sie aber eher den wilderen Naturkräften gleichen, als Höllengeistern. Die Sigillen der Loa oder Veve basieren auf ähnlichen spirituellen oder magischen Denkweisen wie die Navajo “Sand Paintings” oder buddhistischen Mandala. Oder das Anbringen von Augen-Grafitti  gegen den bösen Blick. Die Vorstellung von Anrufungen und Manifestationen überweltlicher Wesen durch das magische Malen von Symbolen ist ein uraltes religiöses Menschheitserbe.

Maman Brigitte, ebenfalls eine französisierte Variante einer solchen europäisch-afrikanischen Glaubens-Vermischung, hat Wurzeln bei der Heiligen Brigitte oder ihrer Ursprungsform, der keltischen Brigid, und der christlichen Maria Magdalena. Von letzterer hat sie ihren Bezug zum Totenbrauchtum, da sie Jesu Leichnam gesalbt hat, daher auch auch ihre bildliche Darstellung als Maria mit dem Salbgefäss, wie Magdalena auch bezeichnet wird. Zur Ikonographie von Brigitte gehören ebenfalls die roten Haare der Maria Magdalena. Allerdings trägt sie häufig eine Sonnenbrille, die auch manchmal bei ihrem Gemahl Samedi zu finden ist. Sie ist Herrin über das Schicksal, wie Hekate und belohnt Menschen für ihre guten Taten, wie Frau Holle. Daher wird sie als Schutz-Loa betrachtet und ihr Veve findet sich auf Talismanen.

Baron Samedi ist der Herr der Unterwelt und achtet darauf, dass die Toten nicht unter den Lebenden wandeln. Er wacht darüber, dass die Körper der Verstorbenen wieder in den natürlichen Kreislauf zurückkehren, entsprechend dem “Asche zu Asche, Staub zu Staub”, wie es auch bei christlichen Beerdigungen thematisiert wird. Allerdings ist er auch fähig Leben zu erhalten, wenn die Zeit des Endes für einen Menschen noch nicht gekommen ist, ähnlich wie bei unserer Vorstellung von “Gevatter Tod” im Märchen. Deshalb wird Samedi auch um Hilfe bei schweren Krankheiten angerufen, wie Hekate im antiken Griechenland.

 

Posted by on November 1st, 2014 Kommentare deaktiviert