Trauermonat November: Der ewige Osten – oder wo geht es nach Sommerland?

Jenseitsvorstellung verschiedener Kulturen und Religionen

Allee Couverte Bretagne 2014, Carnac.

Allee Couverte Bretagne 2014, Carnac.

Liebe hier Versammelte, wir sind heute zusammengekommen, um unserer Brüder, die uns in den ewigen Osten vorausgegangen sind, zu gedenken. Das Thema meiner heutigen Zeichnung befasst sich daher mit den Jenseitsvorstellungen verschiedener Kulturen und Religionen, die auf den europäischen Raum Einfluss nehmen konnten und damit unseren Umgang mit der Unvermeidlichkeit des eigenen Endes entscheidend geprägt haben.
Die Glaubenswelten der Völker der Neuen Welt sind zwar äußerst interessant, hatten jedoch über weite Zeiträume keine spirituelle Uberlappung mit unserem Kulturkreis. Dies gilt ebenso für den Islam, dessen Vorstellungen von Paradies und Hölle sich in Vielem am Judentum beziehungsweise Christentum orientieren, und mit dem wir in Europa erst in jüngerer Vergangenheit in eine direktere Beziehung getreten sind.
Mit den Tod endet das irdische Leben. Freude und Leid sind Vergangenheit. Was nach dem letzten Atemzug kommt ist ungewiss, da können uns auch die Wissenschaften nicht weiterhelfen. Berichte von „Nahtoderlebnissen“ sind zumindest aus wissenschaftlicher  Sicht sehr zweifelhaft, da über die explosionsartigen Hormonausschüttungen in extremen Situationen das Gehirn von Informationen überschüttet wird, welche zu halluzinatorischen Erlebnissen führen können.  Soll es das gewesen sein, oder gibt es doch noch etwas nach dem Tod? Diese brennende, auf ewig ungeklärt scheinende Frage beschäftigt die Menschheit schon seit Beginn Ihrer Existenz.

Daher lasst mich mit den so lange von der Anthropologie und Archäologie verkannten Neandertalern  beginnen, den ersten wirklichen Siedlern im damalig recht unwirtlich erscheinenden, eiszeitlichen Europa.  Die Art, wie sie ihre Toten begraben haben,  lässt vermuten, dass sie an einen Übergang von der realen Welt in eine andere Welt glaubten. Neuesten Erkenntnissen nach haben die Neandertaler ihre Toten in ein Blütenbett,  mit rotem Ocker überstreut, bestattet. Mit diesem Rot, der Farbe des Blutes, wollte man wahrscheinlich dem erstarrten kalten Körper neue Lebenskraft zuführen, damit er wieder zum Dasein auferstehe in dem jenseitigen Schattenreich oder zur Wiedergeburt in einem neuen „Erdendasein“. Spätestens ab der Jungsteinzeit sind fundierte archäologische Erkenntnisse über Begräbnisrituale und mögliche Jenseitsvorstellungen vorhanden.
Zeugnisse von Gräbern von Menschen aus der Jungsteinzeit sind die heute noch sichtbaren Menhire und Dolmen (=Allee Couverte) , die später auch die zugewanderten indoeuropäischen Kelten aus dem Schwarzmeergebiet als Weihestätten in ihre eigenen Kulte mit einbezogen.
Kelten
In der keltischen Mythologie bezeichnet Anderswelt eine  paradiesische Insel jenseits des Meeres oder ein ewig grünes Land, auch Sommerland genannt. Dieses konnte durch alte Grabmonumente oder Gewässer betreten werden. In diesem paradiesischen Jenseits, so glaubten die Kelten, würden die Körper der Menschen weiter existieren, ohne Sorge um Hunger, Tod und Krieg. Die Kelten pflegten Toten deshalb Briefe mitzugeben, die mit ihnen verbrannt wurden, oder ließen sogar Verträge aufsetzen, in denen Schulden erst im Jenseits beglichen werden mussten. Bei den Galliern, den westlichen Festlandkelten, waren die Vorstellungen verbreitet, nach denen die Seelen der Toten von Krähen ins Jenseits gebracht wurden. Die Vorstellung eines “Seelenfährmannes” war zumindest bei den Alpenkelten, Noriker, verbreitet, die von den Etruskern die Sitte übernahmen, den Toten einen Edelstein oder eine Münze mit ins Grab zu geben. Nach dem griechischen Autor Herodot glaubten die Kelten aber auch an die Wiedergeburt. Ob die Inselkeltischen Sagen von Personen, die in unterschiedlichen Tiergestalten weiterlebten, eine Erinnerung hieran darstellen, ist ungewiss. Die „Reinkarnation“ oder „Wiedererweckung von Göttern“ oder „sagenhaften Menschen“ ist jedoch fester Bestandteil der irischen und walisischen Sage. Ein Nachweis ist der „Gundesdroop-Kessel“. Dieser wurde zwar in einem dänischen Moor, also auf germanischem Gebiet gefunden, war aber wahrscheinlich ein Freundschaftsgeschenk eines keltischen Stammes.

Lebensrad und Samsara.quelle:wiki.

Lebensrad und Samsara.
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Germanen
Die Germanen kannten auch für das Totenreich keine „egalitäre“ Gesellschaft. Die Waffen in den Gräbern lassen darauf schließen, dass es im Jenseits nicht friedlich zuging. Aber das reichhaltige Geschirr zeigt, dass man auch Feste erwartete. Die Toten bekamen zur Fahrt ins Jenseits alles mit, was sie zur Fortsetzung des Lebens dort brauchten. Archäologische Funde bestätigen eine reichhaltige Ausstattung der Totenreise, es gab sogar geopferte Sklaven bei hochstehenden Persönlichkeiten, die den Gang ins Jenseits begleiten mussten.
Über den Aufenthaltsort der Toten gab es unterschiedliche Auffassungen. In vielen Quellen tritt vor allem Hel als Göttin der Unterwelt in Erscheinung. Ihr Gesicht war zur Hälfte blauschwarz, zur Hälfte hatte es normale Hautfarbe. Diese eigentliche piktische/keltische Kriegsbemalung wurde vielleicht von Germanen übernommen. Sie war gierig und gnadenlos; wen sie einmal hatte, den ließ sie nicht mehr los. Diese „Personifikation“ des Totenreiches ist in der Religion des Nordens wahrscheinlich nicht sehr alt, sondern stammt wohl erst aus der spätgermanischen, vielleicht schon christlich beeinflussten Zeit. Oder es gibt auch hier Überschneidungen mit keltischen Figuren, wie der Schlachten- und Todesgöttin Morrigan.

Wikinger
Die ebenfalls germanischen Wikinger des Frühmittelalters (8-10 Jahrhundert) glaubten, dass das Leben im Jenseits genau so sei, wie das Irdische. Deshalb wurden sie mit ihrem kostbarsten Besitz, besten Kleidern und viel Proviant bestattet.
Ein Häuptling wurde z.B. mit sechs Hunden, zwölf Pferden und einem Pfau begraben, oder man bestattete sie in Langschiffen, die dann angezündet wurden.  An Land gab es sogenannte Schiffsgräber. die diesem Brauch nachempfunden wurden. Im 10. Jahrhundert begegnet uns in den „Skaldengedichten“ dann auch ein anderes Totenreich, Odins “Walhall”. Krieger wollten unbedingt einen Heldentod sterben, da sie glaubten, dass sie dann von den Walküren nach Walhalla in Odins Walstatt gebracht würden, wo die Tage mit Kämpfen und die Nächte mit Feiern erfüllt waren. Ihre Paradiesvorstellung bestand aus “Saufen und Raufen”, sozusagen.  Wer dabei fiel, stand am Abend unversehrt wieder auf.

Soweit zu den Vorstellungen der „autochtonen“ Bevölkerung im Gebiet nördlich der Alpen.
Weitere Einflüsse kamen über Handelswege und im Gepäck der römischen Eroberer. Eine der ältesten Kulturen, die hierbei eine zentrale Rolle spielen, sind die Ägypter.

Ägypter
Riesige Pyramiden, prachtvolle Gräber und gut erhaltene Mumien zeigen uns, wie wichtig die Jenseitsvorstellung für die alten Ägypter war.
Die alten Ägypter glaubten, dass nach dem Tod nicht alles zu Ende sei, sondern man in eine andere Welt, das Jenseits übergeht. Im Laufe der Geschichte Ägyptens gab es drei unterschiedliche Jenseitsvorstellungen.

  • 1. Das Totenreich liegt in der westlichen Wüste, jenseits der „Totennekropole“.

Hier herrscht Seth, der Rote, Herr der unfruchtbaren und fernen Länder (und der ausländischen (Barbaren). Der etwas seltsam aussehende Gott (Gürteltier/Esel/Erdferkel), neidischer Bruder von Osiris, war ursprünglich im Alten Reich der “Chef im Ring” und wurde als Quelle der pharaonischen Macht angesehen. Später wurder er immer mehr zum “Kain” des ägyptischen Patheons abgewertet. Dass er einen guten Totenherrscher abgeben würde steht ausser Zweifel. Frühe Gräberfunde stammen aus der Wüste, es handelte sich dabei un häufig natürlich mumifizierte Verstorbene. Vieleicht stammt der Ursprung der späteren aufwendigen Totenkonservierung aus der Erkenntnis der Zusammenhänge zwischen Austrocknung und Verhinderung des Verfalls bei solchen Toten.

  • 2. Das Jenseits liegt im Himmel in der Nähe des Sonnengottes

Dieses Leben nach dem Tod war nur den Königen, besonders des Alten Reiches bestimmt. Man findet es in den Grabtexten des Am Duat, des königlichen Totenbuchs beschrieben. Der Pharao stieg in die Barke des Sonnengottes Re und nahm an den täglichen Sonnenlauf der Barke teil. Man glaubte, dass die Barke den zyklischen Kreislauf der Sonne darstellte. Am Tag durchzog der Sonnengott den Himmel mit seiner Sonnenbarke, wenn er dann im Westen ankam, stieg er in seine Nachtbarke. Der Nachthimmel war ein Gegenhimmel zum Taghimmel. Er lag nicht unmittelbar im Westbereich oder etwa in der Unterwelt. Den Nachthimmel stellte man sich im Norden vor, der ja unmittelbar mit dem Osten, wo die Sonne aufgeht, verbunden war.

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  • 3. Das Jenseits liegt unter der Erde  ( aus dem bäuerlichen Osiris-Vegetationskult)

Diese Vorstellung fand man schon in den Pyramidentexten des Alten Reiches, wo das Jenseits als “untere dat” bezeichnet wird. Es ist das Reich des Gottes Osiris, das aber verständlicherweise von den Pharaonen des Alten Reiches abgelehnt wurde. Wer möchte schon gerne glauben, dass das Leben nach dem Tod in einer lichtarmen Unterwelt weitergeht, wenn die Vorstellung von einem Weiterleben auf der Barke des Sonnengottes doch viel verlockender ist. Osiris lebt im Winterhalbjahr als Totenrichter in der Unterwelt, im Sommerhalbjahr als Apis-Stier. (Fruchtbarkeit, Vegetation), daher auch seine grüne Farbe. Eine alte Vorstellung des im Jahresverlauf sterbenden Vegatationsgottes, der dann als Samenkorn im Schoss der Erde ruht.
Zum Ende des Alten Reiches setzte sich die Vorstellung vom Reich des Osiris aber immer mehr durch, denn sowohl der Pharao als auch das Volk konnte sich gut mit dem neu aufgewerteten Osiris-Glauben identifizieren. Nachdem Osiris durch die Göttinnen Isis=Leben und Nephthys=Verwesung wiederbelebt wurde, herrschte er als Totenrichter in der Unterwelt, während sein Sohn Horus die Nachfolge im Reich der Lebenden antrat. Mit diesem Osiris-Mythos hatten die alten Ägypter also die Gewissheit, dass sie nach dem Tod auferstehen werden. Der König, und am Ende des Alten Reiches auch alle Personen nicht königlicher Abstammung, erhielten nach ihrem Tod den Zusatz-Namen Osiris. Der Pharao wurde also nach seinem Tod zu Osiris, während er im Leben den Gott Horus symbolisierte. (Er lebt im Sohne, wie im 3. Grad: Der Osirismythos hatte einen deutlichen Einfluss auf die Ritualistik in unserem Bund.)

Vielfältige archäologische Funde bezeugen einen lebhaften Austausch von Handelsgütern zwischen der Bevölkerung nördlich der Alpen und den östlichen Mittelmeerraum. Dies gilt besonders für Oberitalien/Etrurien und Griechenland, von dem zum Beispiel die Kelten die Schrift übernommen haben. Entgegen der landläufigen Meinung waren die Kelten kein schriftloses Volk, sie entwickelten aber kein eigenes Alphabet, nur in Irland gab es die Ogham-Glyphen. Heilige Texte niederzuschreiben war allerdings tabu.

Griechen
Zum ersten Mal in der abendländischen Kulturgeschichte findet sich bei den Griechen der Begriff der Seele klar umrissen.
Im Augenblick des Sterbens, so der Glaube, löste sich die Seele vom Körper, um in das Reich der Schatten, den Hades zu fliegen. Die Seele wurde als Ebenbild des verstorbenen Menschen angesehen, körper- und schwerelos, aber dennoch fähig zu leiden und sich ins Leben zurück zu sehnen. Damit diese Ebenbilder der Toten in das Totenreich Hades gelangen konnten, über das der gleichnamige Gott Hades oder Pluto und seine Ehefrau Persephone herrschten, mussten ihnen durch Begräbnisrituale die letzten Ehren erwiesen werden.  Ansonsten muss die Seele ewig wandern und findet keine Ruhe. Eine Vorstellung, wie man sie auch im Voodoo findet. Das Totenreich galt allgemein als freudlose, düstere Ruhestätte, so dass der Gedanke an den Tod die Griechen mit Grauen erfüllte. Beim Übergang in den Hades tranken die Toten aus dem Fluss des Vergessens, Lethe, und kannten danach weder Zukunft noch Vergangenheit, sondern nur noch die ewige Gegenwart der Unterwelt. In der Odyssee steigt Odysseus auf der Suche nach seinem Schicksal und einem Weg in seine Heimat Ithaka, in den Hades herab, wo er den Seelen Blut von Opfertieren zu trinken gibt, sodass sie für kurze Zeit ihre Erinnerung zurückerhalten. Ein Anklang der späteren Vampirmythen: Die Seele lebt im Blut. Unter ihnen ist auch Achilles, der zornig ausruft: “Lieber wäre ich auf Erden ein Tagelöhner bei einem anderen, einem Armen, der nicht viel zum Leben hat, als Herrscher über alle dahin geschwundenen Toten.” Mit der Zeit entwickelten sich immer konkretere Vorstellung vom Totenreich:  Es war von mehreren Flüssen umgeben, deren wichtigsten, den Styx, man nur mit Hilfe des von dem dreiköpfigen Höllenhund Kerberos begleiteten Fährmanns Charon, überqueren konnte – eine Rückkehr war nicht möglich. Daraus folgte auch der Brauch, Toten einen Obolus als Bezahlung für Charon mitzugeben. Charon blickte immer nur zurück, ein Zeichen, dass es im Schattenreich keine Zukunft gibt.

Eine Alternative boten die Mysterienweihen: Den Eingeweihten von Eleusis bot der Kult von Demeter oder Dionysos/Orpheus einen Ausweg aus der Freudlosigkeit des gewöhnlichen Schattendaseins, da hier die Seele erlöst werden kann und dann ins Elysium, dem Ort ewiger Freude eingeht. Die Mysterienkulte werden Thema eines eigenen Vortrags sein, besonders da sie in der Freimaurerei eine tragende Rolle spilen.

Erste Kontakte mit den Religionen am Indus und Ganges erfolgten zur Zeit „Alexander des Grossen“.

Hinduismus
Der Hinduismus entfaltet ein hochkomplexes Jenseitsbild. Die vedische Religion hatte ein Paradies bereit, das allen Opfernden bereit stand. Später setzte man neben die Götterwelt der Unsterblichen eine dem Kreislauf der „Reinkarnationen“ unterworfene Väterwelt der Unsterblichen.  Zahlreiche Höllen lösten einander ab, die das wahre Jenseits zum schier unerreichbaren Paradies machten. Hindus sehen Moksha, die Erlösung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara), als Endziel an. Zwar gibt es auch Vorstellungen vom Himmel, den eine Person mit gutem Karma nach dem Tod des Körpers genießen kann, dieser ist jedoch nur vorübergehend. Auch beschreiben die Mythen verschiedene Höllen für Übeltäter, jedoch geht man davon aus, dass keine noch so schwere Verfehlung ewige Wirkung haben könnte. Das Individuum komme unweigerlich auf die Erde zurück und der Kreislauf von Geburt zu Geburt gehe weiter, bis zur endgültigen Erlösung. Letztendlich unterliegen aber auch die Götter dem Samsara, die Welt geht am Ende unter, um wieder neu zu erstehen. Shiva tanzt den Tanz des Himmelsbrandes, aber auch der Erneuerung. Etwas was man aus der nordischen Mythologie als Ragnarök, Götterdämmerung kennt.

Buddhismus
Der Buddhismus nimmt die im indischen Raum vorherrschende Glaubensvorstellung der Wiedergeburt auf und sieht somit sein Endziel nicht im Erreichen einer göttlichen Welt, in welches das Individuum nach dem Ableben eintreten könnte. Der Grund dafür ist, dass jegliche bedingte Daseinsform, so genussvoll sie auch sein mag, als eine letzten Endes vergängliche Illusion, Maya,  betrachtet wird und somit keine absolute Erfüllung schenken kann. . Vielmehr wird eine Loslösung aus dem Kreislauf des Entstehens von Geburt und Tod angestrebt. Diese Befreiung ist das Nirvāna, das vollständige Erwachen, welches als Ende allen Leids beschrieben wird. Interessanterweise wird gerade die materielle Existenz als Traum angesehen. Wie bei den christlichen Katharern ist die weltliche Existenz irgendwie vom “Bösen” gezeichnet.
Jenseits- und Seelenvorstellungen aus beiden Religionen gelangten bereits in der hellenistischen Zeit (Graeco-Buddhdismus) über Alexandria in den Mittelmeerraum.  Dort fanden sie in den bereits als Erlöserkult angelegten Mysterien fruchtbaren Boden und beeinflussten sogar das Judentum und später auch das frühe Christentum.

Judentum
Das Judentum entwickelte nie eine eindeutige Vorstellung über das Geschehen nach dem Tode.
Es haben sich vielmehr wesentlich zwei Lehrmeinungen herausgebildet, die sich auf eine unbestimmte Menge von Hinweisen im „Tanach“ beziehen.

  • 1. Die eine Lehrmeinung nimmt die Auferstehung der Toten an, d. h. die Menschen sterben mit Leib und Seele, aber werden in der messianischen Zeit wiederbelebt und leiblich auferstehen. Die Auffassung von einer Auferstehung der Toten entwickelte sich im Judentum erst nach dem babylonischen Exil. In der jüdischen „Apokalyptik“ wurde diese Vorstellung weiter ausgebaut zu einer Auferstehung in Verbindung mit einem Gericht Gottes über die Welt. Mit dieser Auferstehung war nach jüdischen Begriffen eine körperliche Auferstehung gemeint – entweder die körperliche Auferstehung aller Menschen oder die körperliche Auferstehung der Menschen, die im Bund Israels mit Gott eingeschlossen sind. Das Schicksal des einzelnen Menschen trat in dieser kollektiven Sicht zurück, war aber darin eingeschlossen.
  • 2. Die andere jüdische Lehrmeinung nimmt an, dass die reine Seele, unbefleckt durch Geburt, Leben und Tod, wieder rein zu Gott zurückkehrt. Sie geht von der Unsterblichkeit der Seele aus und davon, dass diese nach dem Tod unabhängig vom Körper weiterlebt . Das herrschende, gelehrte Priestertum, zur Zeit Jesu lehnte die fleischliche Auferstehung ab, im Gegensatz zu den Pharisäern.
  • 3. Weiterhin gab es eine Vermengung dieser beiden Lehrmeinungen, dass nämlich die Seele den Tod des Menschen überlebe und bis zur „messianischen“ Zeit weiterlebe und sich schließlich mit dem Körper neu vereinige und leibhaftig auferstehe.

In der Kabbala, der jüdischen Mystik, ist die Wiederverkörperung eine göttliche Strafe, eine ähnliche Auffassung  wie in der Gnostik. Diese dient dazu, die Seele in einem neuen Körper der Vervollkommnung zuzuführen, also eine „Reinkanationsvorstellung“, eine Auffassung, die durchaus ein Indien-Import sein könnte, wie auch das buddhistische Mönchstum. Die im Mittelmeerraum über Jahrhunderte herrschenden Römer wirkten als Motor für die Verbreitung unterschiedlichster Glaubensvorstellungen in ihren gesamten Einflussbereich.

Im Westen, wo die Sonne ins Meer versinkt lag das Totenreich vieler antike Kulturen.

Im Westen, wo die Sonne ins Meer versinkt lag das Totenreich vieler antike Kulturen.

Römer und Früh-Christentum
Die römischen Jenseitsvorstellungen sahen zunächst eine seelische Fortexistenz nicht vor, da der Verstorbene als Geist nicht mehr als individuelle Person galt. Die Toten erschienen dagegen kollektiv als „divi parentum“ und schützten den inneren Familienfrieden.
Mit „di manes“ (die guten Götter) bezeichneten die Römer seit dem 1. Jahrhundert vor Christus ihre Totengeister, die auch für die unteren sozialen Schichten ‘zuständig’ waren. Schon 200 Jahre später glaubte man, dass alle Totenseelen in den Kreis der Manen eingingen; auch Sklaven wurde eine Seele zugesprochen. Nachts konnten ‘böse’ Geister wie Lemuren oder Gespenster (larvae) ihr Unwesen treiben. Insgesamt waren die in Rom herrschenden Vorstellungen eines Jenseits wesentlich blasser und einfacher als die griechischen oder etruskischen, welche daher zum Teil von den Eliten übernommen wurden.
Daneben bestanden in den Provinzen die unterschiedlichsten Auffassungen über das Leben nach dem Tod weiter, wie sie von Kelten, Germanen, Ägyptern und anderen “eingemeindeten” Völkern im Bereich der “Pax Romana” geglaubt wurden. Innerhalb des römischen Herrschaftsgebiets entstand auch das Christentum.

Christentum
Das Christentum stellt das Jenseits als Etwas endzeitlich Hereinbrechendes dar, an dessen Ende die volle Gemeinschaft mit Jesus Christus steht. Das Neue Testament beschreibt es jedoch eher zurückhaltend gleichnishaft und hält sich bei Details zurück. Das Christentum glaubt an die Auferstehung von den Toten. Die Seele wandert aus dem irdischen, vergänglichen Körper in einen himmlischen, ewigen Körper. Es betont die Auffassung eines Totengerichts, dem eine Scheidung in Himmel und Hölle entspricht. Wenn dieses endgültig auch erst nach der Wiederkunft des Heilands erwartet wird.
Bei den Katholiken wurde bis ins 20.Jahrhundert an der leiblichen Auferstehung festgehalten. Deshalb wurde eine Verbrennung des Leichnams verboten.
Die Erwartungen an das Jenseits waren im Frühmittelalter überwiegend von Schreckensvisionen geprägt; man stellte sich vor, unmittelbar nach dem Tod von einem Sondergericht abgeurteilt zu werden, um von Engeln bzw. Teufeln in Himmel oder Hölle geführt zu werden. Die Erfindung des Fegefeuers ist ein Beispiel dafür, wie die Volkskultur durch ein christliches Modell überformt wurde. Bis ins 12. Jahrhundert existierten in den kirchlichen Jenseitsvorstellungen nur zwei Orte: der Himmel und die Hölle. Fragen stellten sich prompt: Wohin mit den ‘minderen’ Sündern? Was geschieht in der Zeit zwischen dem Tod des einzelnen (und seinem individuellen Gericht) bis zum Jüngsten Gericht?
Das Fegefeuer (‘Purgatorium’) wurde zwischen 1170 und 1200 ‘erfunden’, das heisst als Begriff von der Kirche eingeführt und erstmals 1274 auf dem Konzil von Lyon verkündet. Die Lehre vom Fegefeuer gab den Menschen die Möglichkeit, sich und ihren Angehörige vor der ewigen Verdammnis der Hölle zu retten. Um die Leidenszeit im Fegefeuer zu verkürzen, wurden Ablässe erworben und Seelenmessen gelesen, gegen Gebühr versteht sich. Eine weitere Kuriosität stellt der Limbus dar, eine Art Vorhölle ohne die drakonischen Strafen, die sonst die Sünder erwarteten, in dem Nichtchristen mit besonderen menschlichen Verdiensten verweilen. Dieser Limbus, der stark an die antike Insel der Seligen erinnert, spielt eine grössere Rolle in Dante’s Inferno, der Protagonist trifft hier die Seelen von Vergil, Pythagoras und Plato. Erst ab dem 12. Jahrhundert finden sich Darstellungen des Jüngsten Gerichts, bei dem Engel mit Waagen in der Art der ägyptischen Maat ihres Amtes walten. Die Auferstehung der Toten stellte man sich offenbar vor als Wiedererweckung der Leiber aller Menschen. Seit dem frühen 13. Jahrhundert wird der personifizierte Tod in der europäischen Literatur fassbar; seine überraschenden Attacken machen vor keiner sozialen Schicht halt: Der Tod holt alle.  Ein Eindruck, der auch durch die Seuchen dieser Zeit, vor allem der Pest, dem “Schwarzen Tod” verstärkt wurde. “Memento Mori” wird deshalb ein zentrales Element auch in der bildenden Kunst.

In einigen ländlichen, katholisch geprägten Regionen (Süd-)Europas herrscht zwar noch immer der Glaube an ein Fegefeuer vor. Ansonsten kann man aber den ‘Tod des Fegefeuers” konstatieren, des im Abendland wirkungsmächtigsten Jenseitsortes. Nicht einmal in der Lehre der katholischen Kirche gilt das Purgatorium als ein Ort, sondern nur noch als ein Zustand. Der Limbus wurde von Papst Benedikt XVI, alias Kardinal Ratzinger endgültig abgeschafft. Viele Europäer scheinen am Ende des 20. Jahrhunderts keinen Bezug mehr zu den alten Jenseitsvorstellungen zu haben. So nimmt es nicht wunder, dass immer mehr Konzepte aus anderen Kulturen – wie z.B. die buddhistische Wiedergeburt – übernommen werden.

Die letzten Worte zum Jenseits seien Sigmund Freud überlassen, der zwar auch darüber forschte, wie Wissen der Menschen um ihr eigenes Ende die Persönichkeit beinflusst, aber schliesslich lapidar zurecht zusammenfasste: “Im Grunde glaubt niemand an den eigenen Tod.”

 

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This entry was posted on Mittwoch, November 5th, 2014 at 06:19 and is filed under Freimaurer Ecke, Galerie, Geschichte, Literatur, magisch, Philosophie, Pluto, Ritual, Saturn, Zeitgeist. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Both comments and pings are currently closed.

 
 

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