Archive for April 14th, 2015

 

Und dann war da noch …. Lilith

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Lilith, chtonische Ur-Eva mit der Schlange der Erd-Mutter.
Das oft dämonisierte Tier symbolisiert
Weisheit und Wiedergeburt. Nach J.Collier.

Lady Lilith

Of Adam’s first wife, Lilith, it is told
(The witch he loved before the gift of Eve,)
That, ere the snake’s, her sweet tongue could deceive,
And her enchanted hair was the first gold.
And still she sits, young while the earth is old,
And, subtly of herself contemplative,
Draws men to watch the bright web she can weave,
Till heart and body and life are in its hold.

The rose and poppy are her flower; for where
Is he not found, O Lilith, whom shed scent
And soft-shed kisses and soft sleep shall snare?
Lo! as that youth’s eyes burned at thine, so went
Thy spell through him, and left his straight neck bent
And round his heart one strangling golden hair.

( Dante Rossetti, Collected Works, 216)

Wie im Talmud berichtet wird, schuf Gott an Adams Seite eine Frau namens Lilith als völlig gleichberechtigt und ebenbürtig, daher verstand sie sich als ein freies Wesen, dem Unterordnung völlig fremd war.  Ihr stolzes und selbstbewusstes Auftreten, ihre Weigerung Adam zu dienen, stiessen nicht gerade auf die Zustimmung Gottes, der Adam als Ebenbild seinesgleichen sah und damit den Freiheitswillen der ersten Frau als Rebellion gegen sich verstand. Interessanterweise heisst es aber an anderer Bibelstelle: Als Mann UND Frau schuf er sie, nach Seinem Bilde.  Wie die ersten Menschen des Zeus, die Hermaphroditen waren, und aus Angst vor deren Machtpotential vom Olympier-Chef in Mann und Frau gespalten wurden. Ein wahrliches: “Teile und Herrsche!”

Auch der kabbalistische Adam Kadmon wird manchmal als gemischtgeschlechtlich dargestellt. Es wird weiterhin erzählt, dass Lilith beim Sex die Missionarsstellung verweigerte. Adam aber wollte die dominante Position nicht aufgeben, und schließlich kam es zum Eklat zwischen den beiden. Lilith verwendete den geheimen Namen Gottes  “Schem Hammeforasch”, als Zauberformel, und flog davon. Eine Version, wie man sie auch von Medea kennt, die fortflog als sie ihre und Jasons gemeinsamen Kinder getötet hatte.  Oder Morgan le Fay, nach ihrem Verrat an Artus Auf Adams Flehen hin sandte Gott drei Engel (Sanvi, Sansanvi und Semangelaf) aus, um seine Ex-Frau  zurückzuholen. Lilith brach in schallendes Gelächter aus ob deren Versuche und Adams Wehklagen. Sie hatte sich an der Küste des Roten Meeres niedergelassen und mit den dort ansässigen Luftgeistern  viele  Nachkommen. Als Preis für Liliths Freiheit verlangte Gott  jeden Tag 100 ihrer Kinder zu  töten.  Aus Trauer und Zorn fing Lilith an, den Kindern der Sterblichen (Adams Nachkommen) nachzustellen. Hier wieder eine Parallele zu Medea, und den späteren Vorwürfen gegen der Hexerei verdächtige Frauen. Auch soll sie die Schlange im Paradies gewesen sein, welche Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis angeboten hat. Eine echte Feministin: “Betty Friedan” im Paradies, sozusagen. Für Adam, der mit der fügsameren Eva ein angenehmes Leben führte, hatte damit das Müssiggängerdasein ohne Sorgen wieder ein Ende. Bekanntermaßen mussten er und Eva aus dem paradiesischen Zustand heraus in die harte Wirklichkeit des Arbeitsalltags.

Dante Gabriel Rossetti [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], via Wikimedia Commons

Dante Gabriel Rossetti: Lady Lilith mit roten Haaren und Mohnblüten.

Soweit die Geschichte von Lilith, die aus den sogenannten apokryphen Schriften des alten Testaments stammt – ja das gibt es nicht nur im Christentum, das Judentum kennt auch einen offiziellen Kanon. Überhaupt sind die überlieferten Hinweise zu Lilith recht spärlich und noch dazu stark geprägt vom Zeitgeist. Trotz verstärkter Recherchen auch aus den Kreisen der feministischen Theologie – im Christentum und Judentum, hat sich nicht viel Neues ergeben. Durch die gesamten sogenannten heiligen Schriften haben sich die Patriarchen aller Konfessionen redlich Mühe gegeben, Lilith als dämonisches Weib darzustellen. Eine verruchte Verführerin und widerspenstige Gottesgegnerin, die sich Männern entgegenstellt, um sie vom rechten Weg abzubringen.

Trotzdem, für die feministischen und emanzpatorischen Bestrebungen der Gegewart bleibt Lilith seit den Siebzigern ein starkes Symbol für Freiheitsdurst und Kampf um Unabhängigkeit. Die ersten Frauenbuchhandlungen und Frauencafés aus dieser Zeit nannten sich oft Lilith. Auch als weiblicher Vorname wurde Lilith beliebt. Der Lilithmythos beschreibe die Selbständigkeit der Frau und den Versuch der Männer, diese mittels einer höheren Autorität zu unterdrücken. In Lilith sehen einige die Gegenheldin zu der biblischen Eva, die in der patriarchalen Tradition stehe, obwohl eine Verbindung der beiden Archetypen, der sozialen Eva und der wilden Lilith wohl ein wirklicheres Bild der natürlichen Persönlichkeit von Frauen darstellt.
Die zwei scheinbar gegensätzliche Eigenschaften der Frauen – Sinnlichkeit, Leidenschaft und Autonomie (Lilith) und Fürsorglichkeit, Fähigkeit die eigenen Bedürfnisse nach hinten zustellen und Zuwendung zur Familie (Eva)  sind schon im Tierreich bei allen Vertreterinnen der Säugetiergattung angelegt und coexistieren durchaus im Einklang miteinander. Man denke an Löwinnen, Bärinnen aber auch in anderen Tierarten sind oft die Weibchen im Ernstfall einerseits die gefährlichern und trotzdem gleichzeitig die besser sozialisierbaren Vertreter(innen). Das Perfide an der Lilith-Story ist eher die Verweigerung eigener Vorstellungen von Sexualität und der Besitzanspruch gegenüber dem weiblichen Körper seitens der Männer.

Mythischer Ursprung: Der Name Lilith wird vom babylonischem Wort Lilitu abgeleitet und bedeutet übersetzt Windgeist. Im alten Testament (Jesajas 34,14) wird sie als weiblicher Dämon ( eine Nachtfahrende) erwähnt, ihren Ursprung hat sie allerdings eher in der babylonischen Mythologie, wo sie als Nachtherrscherin auftritt, und als ein Aspekt der Inanna/Ishtar angesehen wird. In den Talmud wird sie als ursprünglich als Unholdin übernommen, sie gilt sie blutsaugendes Nachtgespenst, das vor allem Kinder bedroht – eine Art Anti-Hekate. Erst im 9. Jhd. wird sie zu Adams Ex, und danach vor allem in der Kabbala erwähnt. In anderen antiken Kulturen wird sie eher in ihrer ursprünglichen Form als Schutzgöttin gesehen, wie z.B. in Griechenland, weil sie der Hekate ähnelt, wohl wegen ihrer übereinstimmenden Bildsymbolik z.B. dem Uhu oder der  Schlange.

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Lilitu mit Schlangen (wie die kretische Allmutter) und Eulen.
Eulenfüsse- und Flügel als Symbol für die Nacht.
Aber: Man beachte die eigentlich solaren Löwinnen
der Ishtar zu ihren Füssen!

In der Ikonographie von religiösen Lilith-Darstellungen wird sie von Kopf bis Nabel als wunderschöne Frau abgebildet, hüftabwärts aber als brennendes Feuer, was ein  eindeutiger Verweis auf ihre starke erotische Leidenschaft sein dürfte. Bei den babylonischen Lilithfiguren findet man häufig Eulenfüsse- und Flügel, Das ihr zugeordnete Tier ist der nachtaktive Greifvogel, der sowohl als Sinnbild der Weisheit, als auch als Totenvogel gilt. In Griechenland war die Eule sowhl Athena als auch Hekate heilig. Desweiteren findet man auch die bereits erwähnte Schlange, was wohl in die Paradieslegende eingflossen ist – obwohl die Schlange am Weltenbaum schon eine deutlich ältere Überlieferung ist.

In der Astrologie bezeichnet Lilith einen sensitiven Punkt, den „dunklen Zwilling des Mondes“ (auch „Schwarzer Mond“). Als materieller Trabant unseres Planeten wurde er 1918 von dem esoterischen Astrologen Sepharial postuliert. Das heute teilweise in Horoskopen verwendete Planetensymbol Lilith (eine Sichel) ist jedoch kein realer Himmelskörper, sondern entweder der (neben der Erde) zweite Brennpunkt der elliptischen Mondbahn oder aber das Apogäum derselben. Daher wird Lilith manchmal auch als schwarze Erde bezeichnet, dem Unterweltsapekt von Gaia. Zur Positionsbestimmung geht man von der Umlaufbahn des Mondes aus. In dieser Ellipse werden die zwei entferntesten Punkte mit einer Achse miteinander verbunden. Auf dieser Achse liegt Lilith der Erde gegenüber, mit gleichem Abstand zum Mittelpunkt der Ellipse. Ein Umlauf dauert dauert 8,9 Jahre. Durch diese Eigenschaft als “blinder Fleck” der Mondbahn ergibt sich die missverständliche Bezeichnung Schwarzmond, aus der bereits Rückschlüsse auf ihre Wirkung gezogen werden können. Sie verkörpert die andere (naturbedingte, archaische) Seite der Weiblichkeit, die unsichtbar, eben dunkel bleibt. Sie gibt nicht nur Leben, sondern ist auch Todesbringerin, Trägerin von Schmerz und Entbehrung. Lilith ist das Lebens-Blut aus dem alles entstand, entsteht und entstehen wird. Psychologisch zeigt sie uns die Schattenseiten unserer durch die Notwendigkeit zu Sozialisierung verdrängten Persönlichkeit, unser versagtes und unerfülltes Verlangen, unser Aufbegehren und Ablehnen. Durch initiierte Ereignisse während kritischer Transite kann sie uns zur Selbsterkenntnis und Annahme der dunklen Aspekte führen, oder aber zum Scheitern bringen, wenn wir uns weigern, diese Lebenslehren anzunehmen. Die Eigenschaften von Lilith ähneln einer Vebindung von Venus und Pluto, Eros und Thanatos oder der Thematik der Häuserachse: 2/8.

In Goethes Faust I erscheint sie in der Walpurgisnacht.

Auf Fausts Frage nach ihr erhält er von Mephistopheles die Antwort:

  • „Lilith ist das.“
  • Faust: „Wer?“
  • Mephistopheles: „Adams erste Frau. / Nimm dich in Acht vor ihren schönen Haaren, vor diesem Schmuck, mit dem sie einzig prangt. / Wenn sie damit den jungen Mann erlangt, / So läßt sie ihn so bald nicht wieder fahren.“

Wie bei dem oben zitierten Gedicht von Rosetti findet sich der Hinweis auf Liliths Haarpracht: Goldenes Haar, Quelle der Verführung?

Wohl eine Überblendung mit Eigenschaften der germanischen Freyja oder auch der Sif, mit ihrem goldgesponnenenm Zauberhaar. Man denke auch an das Märchen Rapunzel oder den biblischen Samson. Das Haar gilt als Sinnbild der Lebenskraft und Sexualität. In vielen Kunstwerken der Präraffaeliten und auch später im Jugendstil führt das häufig rote Haar der dargestellten weiblichen Figuren oft ein regelrechtes, schlangenhaftes Eigenleben. Fast wie bei der Gorgone Medusa. Ein Anklang an das chtonische Erbe der alten Muttergöttin.  In der jüdischen und islamischen Moraltheologie soll die Frau als Zeichen der Keuschheit das Haar bedecken.

Auch im christlichen Mittelalter kam die verheiratete Frau “unter die Haube“, Witwen trugen ebenfalls einen Haar-Schleier, aus dem die Nonnentracht hervorging.  Mönche aller Glaubensrichtungen scheren sich die Haare, ägyptische Priester im Altertum unterzogen sich ebenfalls dieser Prozedur, sogar am ganzen Körper. Ein Rückfall in vorpubertäre, kindliche Körperlichkeit, ein Zeichen der Unterwerfung gegenüber der Gottheit, als Symbol der wiedergewonnen Unschuld und Reinheit. Büsserinnen schor man den Kopf, die Entfernung der als sündhaft und Quell der Verführung geltenden Haarpracht galt als Geste der Demut und Abwendung von der Unmoral. Bei Trauerfällen in der Familie war die Haar-oder Augenbrauenrasur ein lange erhaltener Brauch im Mittelmeerraum.

Die Bedeutung: Jetzt herrscht hier Thanatos, nicht Eros. Die anschliessenden oft ausgelassenen Totenfeiern symbolisieren den Wiedereinzug des Lebens in die Gemeinschaft. In vielen Religionen versprechen sie auch Hoffnung auf Wiedergeburt. So wie das Haar wieder nachwachsen wird.

 

Posted by on April 14th, 2015 Kommentare deaktiviert