Sybille – eine heidnische Göttin in den Märchen der Schwäbischen Alb

Sybille oder Freyja ?
Golden Tears of Freyja ©scrano 2014, BG by ashensorrow

Die Sage von der Sibylle von der Teck

Tief unten im Sibyllenloch, einer grossen Höhle am Fuß des Teckfelsens, lebte Sibylle. Sie war weise und schön und immer hilfsbereit. Ihr goldenes Haar leuchtete wie die Sonne, und wie Rapunzels Zopf war es zauberkräftig. Sie kannte sich aus in den Heilkunst und der weissen Magie und konnte sogar die Zukunft deuten. Niemand stieg zu ihr vergeblich den steilen Weg empor, wenn er unverschuldet in Armut geraten war und der Hunger ihn quälte. Wenn die Trockenheit die Ernte zu vernichten drohte, kam sie sogar selber ins Tal herunter und tröstete mit ihren Tränen die vom Hunger Bedrängten. Auf wundersame Weise erholte sich die Natur dort, wo ihre Tränen geflossen waren. Die Wiesen wurden wieder grün, das Getreide richtete sich auf und bekam größere und goldene Ähren. Man fand sogar, dass das Brot von diesen Ähren besser schmeckte und die Milch der Kühe, die auf jenen Wiesen  geweidet hatten, viel nahrhafter war. Ja man spürte sogar, dass die tägliche Arbeit sich viel leichter erledigte, wenn man von diesem Brot gegessen und von dieser Milch getrunken hatte.

BurgTeck Gesamtansicht

Burg Teck Gesamtansicht mit Sybillenloch.
Heute ein internationaler Pfadfindertreff mit rustikalem Charme.

Die drei Söhne der Sibylle waren jedoch wilde ungeschlachte Kerle. Unhold, Raufbold und Saufbold waren üble Gesellen, die nicht bei ihrer Mutter leben wollten, und so bauten sie ihre eigenen Burgen. Der Älteste errichtete seine Burg auf dem Rauber, der Zweite auf dem Wielandstein und der Jüngste baute die Diepoldsburg. Auf Felsnestern hausten sie als Raubritter und bedrückten die Bauern oder plünderten die Kaufleute und ihre Wagenzüge aus.

Voller Kummer über ihre ungeratenen Söhne fasste Sibylle den Entschluss ihr Höhlendomizil und das Land zu verlassen. Auf einem goldenen Wagen, der von zwei riesigen, feurigen Katzen gezogen wurde, fuhr sie eines Abends talabwärts durch die Lüfte und wurde nie wieder gesehen. Jedes Jahr, wenn die Ackerfrüchte zu reifen beginnen kann man den Weg verfolgen, den sie genommen hat. Die Spur ihres Wagens ist deutlich zu sehen. Die Wiesen sind dort grüner, das Korn trägt größere Ähren und Äpfel, Birnen und Kirschen sind saftiger und süßer. Die Spur ihres Wagens nennt man heute noch die “Sibyllenspur.”

Im Jahr 1982 wurde bei Grabungen des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg entdeckt, dass es sich bei der Sibyllenspur” um die Fundamentreste des römischen Limes handelt. Die Archäologen konnten feststellen, dass zwei parallele Gräben das Tal durchzogen. Im Lauf der Zeit wurden diese Gräben mit Kalksteinen und fruchtbarer Erde aufgefüllt, so dass dieser Streifen heute noch ein besseres Wachstum ermöglicht als das umliegende Ackerland.

Liest man die Beschreibungen des Äusseren und auch der Eigenschaften der Sybille, erkennt man deutlich, dass es sich um die Wanen-Göttin Freyja oder Freya handelt, die in der Überlieferung als Märchenfigur noch in den Köpfen und Herzen der Menschen überlebt hat. Freyjas berühmtes goldenes Haar besass Zauberkraft, wie das von Rapunzel, ihre Tränen regten die Fruchtbarkeit der Pflanzenwelt an. Sie war eine Seidkona, der Magie kundig, wie etliche Götter des älteren Wanengeschlechts. Seidr hängt mit Sieden zusammen, seine Beherrschung erfordert also auch das Kochen von Zaubertränken. Daher kannte sie auch alle Formen der Heilkunst und galt als den Menschen und Göttern in Güte zugetan. Wegen der Beziehung der Bereitung des magischen Suds zum Kochen, war Seidr eine Magie speziell von Frauen, die von den Männern eher geringschätzig betrachtet wurde.  Um so erstaunlicher ist die Tatsache, dass sich gerade Odin der Allvater des Asengeschlechts in diesem magisches Wissen um Tränke, Ritualsprüche und die Gestaltwandlung in Tiere oder andere Geschöpfe, unterrichten liess. Freyjas goldener Himmelswagen wurde von einem Katzengespann gezogen, sie trug einen hellblauen Federmantel, manchmal auch Falkenflügel. Die Höhle der Sybille war wohl ein alter Kultplatz der Freyja, zu dem hauptsächlich die Frauen pilgerten. Der Name der Sagengestalt Sybille geht auf die antiken Wahrsagerinnen mit der Bezeichnung Sybille zurück:

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Sibylle von Cumae

Die archaischen Ursprünge der Sibylle liegen vermutlich im Orient. Die Wurzeln ihrer Verehrung sind möglicherweise in Kleinasien im Umfeld von Mysterienkulten einer „Erdmutter“ wie Kybele zu suchen. Durch die Begegnung mit Formen altorientalischer ekstatischer Prophetie entwickelte sich im Laufe der Zeit das Verständnis der Sibylle als Prophetin, als weibliches Pendant oder Gegensatz zum Propheten. Die ursprüngliche Verbindung der Sibylle mit chtonischen Göttinnnen zeigt sich oft in dem ihr zugeschriebenen Aufenthaltsort, in wilden Schluchten, am Fusse grosser Felsenblöcke (Findlinge)  oder in einer Felsenhöhle, der Sibyllengrotte. Letzlich ist auch die delphische Pythia in diese Kategorie einzuordnen, ihr Name geht auf die chtonische Schlangengottheit Python zurück, die in Delphi lange vor Apollon verehrt wurde, und deren Priesterinnen ebenfalls Trance-Medien waren. Auch die Sibyllen weissagten  in selbst herbeigeführter “Entrücktheit”, die einer schamanischen Erfahrung wohl ähnlich war, und standen damit im Gegensatz zu beispielweise Los-Orakeln und Zeichendeutung. Sybillinische Ekstase-Prophetinnen waren im hellenistischen Griechenland weithin bekannt.

Eine Frauengestalt names Sibylle spielt später bei der legendären Stadtgründung Roms eine Rolle, denn es ist die cumaeische Sibylle, die Aeneas nach seiner Landung in Italien als Führerin in der Unterwelt dient; sie ist es auch, die ihm die große Zukunft der Stadt vorhersagt, so Vergil in der Aeneis. Auch sie ist eine chtonische Figur, die ebenfalls auf den Kybele-Kult zurückzuführen ist. Die Version 2.0 der Gründung Roms mit Urvater Äneas von Troja ist erst eine Spätzutat, als der kleinasiatische Kybele-Kult im römischne Reich bereits Einzug gehalten hatte. Im Religionsverständnis zur Spätzeit des Römischen Reiches, vor allem in Provinzen mit vorwiegend hellenischem oder orientalischem Kultureinfluss, war die Sibylle als Medium der Gottheit vielen ein lange vertrautes Konzept. Daher konnte man sie auch im frühen Christentum als Verkünderin der Heilsbringung und als Ersatz für die den „Heidenchristen“ fremden Propheten des Alten Testamentes dienen. Kirchenväter wie Augustinus durchforschten auch die beliebten Sibyllinischen Bücher, eigentlich nur eine Sammlung von Orakelsprüchen ohne echten Bezug zur Sibylle ausser ihrem Namen, nach “Worten Gottes”. Dadurch wurde die Sibylle auch Bestandteil  der schriftlichen Tradition des Christentums. Besonders populär wurde Sibylle von Erythrai, die auch bei den von Augustinus benannten 10 Sibyllen vorkommt, dann im Mittelalter, durch ihre Worte vom „Tag des Gerichts“ ( Dies Irae).  Apokalyptische Visionen sind wohl ein Alltime-High der Geschichte. Sibyllendarstellungen findet man auch häufiger im Figurenschmuck gotischer Kirchen. Durch Legendenbildung im volkstümlichen Glauben blieb die Popularität der Sibyllen lange erhalten, schliesslich wurden sie zu Märchengestalten.

Sybillenloch unter der Teck

Sybillenloch unter der Teck

Doch zurüch zu Freyjas Magie: Die Kunst des Seidr ist wohl auch mit schamanischen Praktiken, wie der Geistreise, der rituellen Gestaltwandlung in z.B. Vögel, wie den Falken, einhergegangen. Die germanische Vorstellung von Religion, ihre Kosmologie hat starke Ähnlichkeite mit der von Völkern, in denen heute noch Schamanismus lebendig ist, etwa die Sami Norwegens oder die Tuva im Altai. Es ist interessant, dass die ursprünglich germanische Freyja zuerst zur römischen und dann wohl zur (früh)christlichen Weissagerin mutierte, um dann ins Märchenlager überzuwechseln, wobei das Magie-Element,  die Prophetie und das Wirken als Glücksbringerin erhalten geblieben sind. Erstaunlicherweise hat auch ihr positives, menschenfreundliches Wesen in der Sage überlebt, was heidnischen Gottheiten in der christlichen Rezipierung sonst eher nicht passiert. In vielen anderen Überlieferungen wird Freyja häufig mit Hexerei in Zusammenhang gebracht.

Pflanzen der Freyja: Natürlich der Holunder , über den sie zusammen mit ihrer Winterform Holle regiert, die Linde, auch ein Marienbaum des Christentums, Frauenkräuter, die astrologisch mit Mond/Saturn und Venus/Pluto verbunden sind.  Dass Freyja wie auch Hekate*** ursprünglich eine All-Mutter war, sieht man am Symbol des Falken, einem solaren Tier (Sonnengott Horus, Circe, die Tochter des Helios heisst Falke), und der Tatsache, dass ihre Tränen zu Bernstein werden können, wie bei der Sage um den Sonnensohn und Unglücksfahrer des Himmelswages, Phaeton. Seine Schwestern weinen Bernsteintränen nach seinem Sturz in den Ozean. Bernstein ist ein Sonnenstein, als Harz stammt er aus der Pflanzenwelt. Freyja herrschte wohl über Sonne (Tag) und Mond (Nacht, Unterwelt), besass aber auch Venus-Aspekte (Fruchtbarkeit). Wie die sumerische Innana, die babylonische Ishtar oder die ägyptische Hathor hatte sie auch einen kriegerische Seite, statt der Löwen der Göttinnen aus dem Morgenland waren ihr zwei Katzen zugesellt. Der Unterweltaspekt blieb ihr erhalten: In ihrer Form als Frau Holle oder Perchta regiert sie über das Schicksal und zusammen mit Odin führt sie die wilde Jagd der Kriegerseelen und Walküren an. Im Christentum versuchte man sie zu Maria zu sublimieren, wo das nicht gelang wurde sie zusammen mit der römischen Diana zur Hexenkönigin. Die ihr heilige Linde, jetzt Marienlinde, einst auch Gerichtslinde: Ein Echo der Himmelskönigin Astraia, der universellen kosmischen Sternenjungfrau, Sinnbild des natürlichen Rechts ?

  • Heilig waren ihr Katzen, Falken und das Schwein, das Tier der Grossen Mutter schlechthin (auch die keltische Cerridwen wird mit der Muttersau, aber auch dem Eber assoziert).
  • Angerufen wurde sie auch als Vanadis, Hulla (Holle) und Bertha (Perchta).
  • Freyjas Farben: Gold, Grün, Rot
  • Lindenblüten wirken antientzündlich, kühlend und fiebersenkend, sowie heilsam bei Magenbeschwerden, Bluthochdruck und Migräne. Die Linde ist auch ein Bienenliebling und liefert einen wunderbaren Honig, der einen leichten Minzgeschmack hat. Lindenblütentee gehört zu den milden Haustees und wird neben Verbena (auch ein Venuskraut) besonders gerne in Frankreich getrunken.

***Hekate war Teil eines Zwillingspaars, das Tag und Nacht repräsentierte. Hekate und Hekatos, dieser Name wurde dann ein Beiname des Sonnengottes Apollon.

Lindenallee, der Baum hat mit seinen runden, einhüllenden Formen etwas Beschutzendes.

Lindenallee, der Baum hat mit seinen runden,
einhüllenden Formen etwas Beschützendes. Am Randecker Maar ©beast666 2015

 

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