Aradia, Queen of Witches oder messianische Prophetin der Armen?

aradia_by_scrano-d9w55nm

Aradia – Hexenkönigin oder Gnostikerin ?
Aradia ©scrano 2016 model: willowdawndesigns

EKO EKO AZARAK
EKO EKO ZAMILAK
EKO EKO CERNUNNOS
EKO EKO ARADIA

Einige Wicca-Traditionen intonieren den Namen Aradia zur Anrufung der Göttin (universelle Magna Mater). Die Herkunft des Namens geht zurück auf Leland, welcher die Werke des Okkultisten Aleister Crowley´s Werke beeinflusste. Dieser war ein Ratgeber Gerald Brousseau Gardners, dem Begründer der modernen pantheistischen Hexenreligion Wicca. Er half ihm beim Erstellen seines Ritualwerkes, auch was die Bezugnahme auf ein vorchristliches Erbe der Hexerei in Europa anbelangt. Wahrscheinlich haben beide auch kräftig bei der Archäologin und Hexenforscherin Margeret Murray abgekupfert. Ranke-Graves “Weisse Göttin” zählt ebenfalls zu den einflussreichen historischen Werken.

Die Eko Eko Anrufung der im Wicca verehrten Gottheiten stammt aus Gardners “High Magic Aid” von 1954. Ausser Aradia können das je nach Tradition auch Isis, Osiris, Karnayna und Diana sein. Bei Hollywood-Schmieren findet man diese Invokation leider desöfteren  in blasphemischer Weise mit satanistischen Ritualen in Verbundung gebracht.

“Charles Godfrey Leland veröffentlichte 1899 das Buch Aradia, or the Gospel of the Witches” (Aradia – Evangelium der Hexen). In diesem Werk ist Aradia die messianische Tochter der römischen Göttin Diana und des römischen Gottes Luzifer (Morgenstern, nicht Satan), die auf die Erde entsandt wurde, um die Lehren der Hexen zu verbreiten. Lelands Schlüssel zur Mond- und Schattenwelt der italienischen Hexen war seine von 1886 andauernde Freundschaft mit Maddalena, einer florentinischen Wahrsagerin und Magierin. Durch Maddalena erhielt er das Manuskript für sein Buch, das die Details einer bislang unentdeckten religiösen Hexentradition in der Toscana enthielt. Gemäß Lelands Buch gebar Diana durch einen Zeugungsakt mit ihrem Bruder Luzifer eine Tochter, die den Namen Aradia erhielt. Diana schickte ihre Tochter auf die Erde, um den versklavten, unterdrückten Frauen und Männern die Hexerei zu lehren. Sie wurde die erste Hexe, die Königin der Hexen. Sie versprach den Menschen Freiheit von Sklaverei und damit auch allgemeine Freiheit. Nach ihren Unterweisungen kehrte sie wieder zu ihrer Mutter zurück, aber ihre magischen Kräfte sind auf der Erde noch wirksam und können bei Ritualen und Anrufungen genutzt werden.”

Quelle: wikipdia

Lelands Publikation wurde anfangs als authentisch, später als Pseudepigraphie bewertet. Einen historischen Kern könnte das Werks dennoch besitzen: Im Buch “Hexensabbat – Entzifferung einer nächtlichen Geschichte”, geht Carlo Ginzburg auf die Suche nach der Herkunft des Namens Aradia.  Aus dem Namen der Göttin Hera und Diana entwickelte sich über die Zeit der Name „Heradiana“, dann „Herodiana“, daraus „Herodias“, schliesslich „Erodiade“ und daraus „Aradia“. Solche Synkretismen waren in der antiken Spätzeit durchaus üblich, man denke an den hellenistisch-ägyptischen Serapis oder auch Hermes Trismegistos. Den finsteren Ruch bei den Klerikern bekam Aradia wohl später vom gleichlautenden Namen Herodias aus dem Neuen Testament, der berüchtigten Frau des Herodes, Mutter der Schleiertänzerin Salome. Diese Herodias war auch eine der Nachtfahrenden. Carlo Ginzburg recherchierte bei seiner historischen Spurensuche auch über eine heidnische Sekte der “Calusari”, deren Anhänger noch im 16. und 17. Jahrhundert in Serbien eine mystische Kaiserin namens “Arada” oder “Irodeasa” verehrt haben.

Im späten 12. Jahrhundert, der Hochzeit der Mystiker,  schrieb der Abt von Corazzo,  Joachim de Fiore einen prophetischen Text über ein neues Utopia, welches er aus der Trinitätslehre ableitete:  “Das Zeitalter des Alten Testaments war unter dem direkten Einfluss von Gott dem Vater. Mit dem Erscheinen Christi begann das Zeitalter von Gottes Sohn. Nun sei die Ära des heiligen Geistes angebrochen.  Glauben allein genüge nicht mehr, sondern das Verständnis von Gottes Schöpfung liege in Wissen und Kenntnis, beruhe auf Ursache und Wirkung. Seine Schriften hatten einen großen Einfluss auf die religiösem Gedanken im Mittelalter, aber eigentlich gründen sie sich auf der aristotelischen Philosophie.

Als Folge seiner Lehre gab es in Mailand bereits um 1300 eine Sekte namens “Guglielmiten” (auch als Vilemiten, Guglielmo=Wilhelm, bezeichnet), die daran glaubten, dass eine von der Vorsehung bestimmte  Frau namens Guglielma (Wilhelmine) von Mailand die Wiedergeburt des heiligen Geistes sei, vielleicht ein gnostischer Einfluss, da dies sehr an Sophia aus der Schöpfungslehre dieser religiösen Gruppe erinnert. Daher müsse nun eine Kirche mit einem weiblichen Papst und weiblichen Kardinälen errichtet werden. Im Zusammenhang mit den ebenfalls gnostischen Katharern, die wohl ursprünglich aus Bulgarien (Bogumilen) und Serbien (Irodesa?) stammten, ist diese neue “Ketzersekte” besonders interessant.  Die Albigenser oder Katharer wurden zu dieser Zeit besonders in Südfrankreich verfolgt und dort ausgelöscht. Auch sie verehrten in Sophia , der heiligen Weisheit,  eine weibliche Form des göttlichen Geistes. Vielleicht fanden einige ja Zuflucht in der Nähe von Mailand. Zudem stammt die religiöse Bewegung der Vilemiten aus keltischen Gebieten Oberitaliens, wo auch die Benandanti, die eine Art schamanischen Fruchtbarkeitskult praktizierten, zuhause waren. Über letztere Gruppierung, die erst im 16. Jhd der Hexenverfolgung zum Opfer fiel, hatte Ginzburg sein berühmtes Werk: “The Benandanti” publiziert, das auch eine teilweise Rehabilitierung von Margaret Murrays Hexenforschung aus den 1920iger Jahren darstellt.

Die historische Guglielma war in Wirklichkeit die böhmische Prinzessin Vilemína Blažena, welche von 1260 bis 1270 in Mailand lebte, wo sie  schliesslich am 24. August 1281 verstarb. Sie hatte Anhänger in der berühmten Familie der Visconti(Sforza) , aber auch der Familie der Torriani, beides wohlhabende und einflussreiche, aber untereinander in Fehde liegende Familien. Bei diesem Konflikt wirkte Vilemina als Friedenstifterin. Hier kam sie wohl auch in Kontakt mit einer prominenten häretischen Sekte (Schwestern des freien Geistes), die die Lehren des Joachim de Fiore predigten und von der die Prinzessin vermutlich beeinflusst und geprägt wurde.

Nach ihrem Tod wurde die Prinzessin von ihren Nachfolgern verklärt und zu einer neuen messianischen Figur erhoben, quasi ein weiblicher Gegenentwurf zu Christus. Besonders den Visconti sagte man Interesse an reformatorischen Bestrebungen in der Kirche, aber auch den Hang zu “okkulten -sprich hermetischen oder antiken” Geheimlehren nach. Maifreda da Pirovano, Kusine des Matteo Visconti, war nach Guglielmas Tod das Oberhaupt der Guglielmiten-Sekte, sie wurde als deren Päpstin verehrt. Von den Visconti stammt ca. hundert Jahre später auch der älteste erhaltene Entwurf zum Kartenorakel “Tarot“.  Interessanterweise ist eine der Tarotkarten mit sehr ketzerischem Inhalt eben die “Päpstin“, modern auch als Hohepriesterin bezeichnet.  Bei der Ausgestaltung der 22 Trionfi in der Frührenaissance kamen wohl neben solchen Einflüssen die dann schon “offiziell” zur Verfügung stehenden wiederentdeckten Schriften Platos zum Tragen. Gerade im Sammeln und Übersetzen der antiken Texte waren ausser der berühmten Familie Medici auch die Visconti federführend. Dem Kult um Guigelmina gehörten mindestens 50 Mitglieder beiderlei Geschlechts an. Innerhalb der Sekte gab es für damalige Verhältnisse ein ungewöhnliches soziales Leben, das ebenfalls an die Katharer, aber auch an die urchristliche Gemeinde erinnert. Frauen und Männer waren gleichberechtigt, es gab auch keine Ausgrenzungen aufgrund von Armut oder sozialem Stand. Alle sollten sich als Mitglied einer großen Familie fühlen. Zu Ehren und zur Erinnerung der Guglielma wurden regelmäßig gemeinsame Essen veranstaltet, wobei alle Mitglieder ob von Adel oder einfacher Herkunft als brüderliche Gemeinschaft am Tisch sassen.

Wie bei den Quellenstudien zu den Benandanti stammen auch die Angaben über die Guglielmiten weitgehend aus den Impreviaturbüchern (Protokollbuch der Inquisition – Gerichtsakten) z.B. des mailändischen Notars Beltramus Salvagnius. Aufgrund des Prozessverlaufs und der Protokollführung liegen Indizien vor, dass die Folter zur Anwendung kam, deswegen sind durchaus Zweifel an den Protokollaussagen angebracht. Ob diese Sekte wirklich eine freigeistige urchristliche Sekte war oder aber eine urheidnische, naturreligiöse Gruppe (Guglielma als die Begründerin der Stregheria nach Raven Grimassi) mit äusserlich christlichen Zügen, wie beim haitianischen Vodoo, lässt sich derzeit nicht eindeutig belegen, solange nicht neues Material, besonders aus Primärquellen, zur Verfügung steht. Im Zusammenhang mit der Verehrung einer weiblichen religiösen Führerin muss man auch die Vorfälle um Pierina de Bugatis, ebenfalls aus Mailand sehen, womit im späten 14. Jhd. das Zeitalter der eigentlichen Hexenverfolgung begann. Hier wird von einer geheimnisvollen “Madonna Oriente” berichtet, mit der die beteiligten Frauen nächtliche Ausflüge unternahmen, wobei sie in den Häusern der Reichen gemeinsam tafelten. Die an Befana oder Holle oder auch Vilemina erinnernde “Oriente=aus dem Osten – Bulgarien, Böhmen ?”  belohnte die Hausbewohner, wo die imaginären Feste stattfanden, für ein rechtes und ordentliches Leben, die Saumseligen und Schlampigen wurden hingegen bestraft. Die Aussagen der Pierina und ihrer Freundinnen kamen am Anfang ganz unschuldig und naiv daher, sie wurden zu Beginn von den Inquisitoren sogar als blosse Spinnerei abgetan. Weil sie ohne den Druck der Folter geschahen, sind sie in der Beurteilung ihrer Authentizität als Quelle besonders wertvoll. Ginzburg sieht in der “Madonna Oriente” eine Verkörperung des Mondes (domina oriens).

Aufgrund all dieser Fragmente und Querverbindungen ist es durchaus möglich, dass um 1300 in Oberitalien eine Frau lebte und wirkte, die neue soziale und religiöse Ideen predigte und von ihren Anhängern wie eine Göttin auch über den Tod hinaus verehrt wurde. Es war der Übergang des Zeitalters der grossen Ketzer- aber auch Mystikerbewegungen, auch andere Erneuerer, wie Franz von Asissi wurde zu Beginn als Häretiker angesehen, zur sich abzeichnenden Renaissance. Das weibliche Element wurde in der Kirche wieder zusehends stärker und schliesslich im Marienkult dogmagerecht sublimiert. Über die Jahrhunderte hinweg vermischten sich die Spuren der religiösen Erneurerin (Arada, Irodeasa, Aradia, Guglielma), mit anderen lokalen kultischen Überbleibseln, im Kern erhalten wurden nur die sozialen und religiösen Ideen, die anscheinend im Untergrund durch mündliche Überlieferungen weitergereicht wurden. Oberitalien mit seiner langen keltischen Siedlungsgeschichte (Gallia cisalpina) bot wohl auch einen besonders guten Boden für solche Traditionen. Ginzburg betonte für seine Fruchtbarkeits-und Ekstasekulte diese kulturelle Wurzel im Keltentum als gemeinsamen Faktor. Auch die Toskana von Lelands Maddalena stand unter keltischem Einfluss, bereits während der Etruskerzeit, vielleicht gab es dort auch Anhänger der Vilemiten und alte Fruchtbarkeitskulte. Wie gut die Integration paganistischer Kultinhalte ins Christentum gelingen kann, zeigt uns das ebenfalls keltische Irland.

 

Liked this post? Follow this blog to get more. 

Tags: , , , , , , , , , , , ,

This entry was posted on Mittwoch, März 30th, 2016 at 00:29 and is filed under Galerie, Geschichte, magisch, Philosophie, Political Incorrectness, Zeitgeist. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Both comments and pings are currently closed.

 
 

Comments are closed.