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Glitzernde Edelsteine der Almwiesen: Kuhschelle Pulsatilla

Vor dem Almauftrieb läuten auf den Wiesen schon die Kuhschellen …

Pulsatilla in ihrer botanischen Urform.©beast666 2016

Pulsatilla in ihrer botanischen Urform.
©beast666 2016

Die Küchenschelle ist eine Pflanze aus der Familie der Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae). Gleichzeitig besteht eine genetische Verwandtschaft zu den Windröschen, den Anemonen, deren Blüten ähnlich im zeitigen Frühjahr die noch unbelaubten Wälder in bunten Teppichen durchziehen. Alle Hahnenfussgewächs bergen eine Schattenseite in sich: Gifte, Reizstoffe oder zumindest üble Gerüche. So sind alle Pflanzenteile der Gewöhnlichen Kuhschelle sehr giftig.

Die Form der halb geöffneten Blüte ähnelt einem Glöckchen oder auch einer Kuhschelle. Die Verkleinerungsform „Kühchen“ hat zur Bezeichnung „Küchen“-Schelle geführt. Eine ähnliche Herleitung gilt für den botanischen Gattungsnamen Pulsatilla, der vom lateinischen Wort pulsare für schlagen, läuten stammt. Sie ist auch unter dem Namen Wolfspfote, Bocksbart, Schlafblume und Hackerkraut bekannt. Die Kuhschelle ist ein auffälliges Gewächs der Bergwiesen des Frühlings, trotz ihres niedrigen Wuchses, hauptsächlich wegen ihrer relativ grossen kräftig gefärbten Blütenkelche mit der strahlend goldenen Mitte. Dazu glitzern ihre haarigen Blätter im Morgentau. Sie blüht, je nach Lage, von April bis Ende Mai.

weisse Pulsatilla, eine natürliche Mutation.©beast666 2016

weisse Pulsatilla, eine natürliche Mutation.
©beast666 2016

Inhaltsstoffe:

  • Protoanemonin – ein schleimhaut- und sogar hautreizendes Mittel, das zu ähnlichen Effekten wie der Riesenbärenklau führt: Blasen und Entzündungen. Innerlich kann es zu Nierenentzündungen, Magen- und Darmbeschwerden und sogar Lähmungen des Zentralnervensystems kommen.
  • Protoanemonin wandelt sich erst beim Trocknen in das weniger giftige Anemonin um, sodass Heu von Bergwiesen mit diesen Pflanzen verwendet werden kann.
  • Die Pulsatilla enthält außerdem Saponine, Harze und Gerbstoffe.

Vergiftungen kommen meist bei kleineren Kindern durch Verzehr von Frischpflanzen vor, obwohl dies bereits ein heftiges Mundbrennen verursachen kann. Sie werden je nach Grad der Vergiftung mit der Verabreichung von Aktivkohle und Entleerung des Mageninhalts behandelt. Im Notfall muss Kreislaufunterstützung gegeben werden, selten ist auch Beatmung notwendig. Notrufzentrale für Vergiftungen verständigen! Die Nummer des lokalen Giftnotrufs sollte man bei kleinen Kindern im Haushalt sowieso griffbereit haben.

Kuhschellen fanden bereits in der Antike Verwendung als Heilmittel. Hippokrates setzte sie ein gegen hysterische Angstzustände und zur Menstruationsförderung. Die alten Weisen sagten der Küchenschelle auch eine Wirkung bei Depressionen zu, weil die hängenden Blüten an Menschen erinnern, die ihre Köpfe hängen lassen. In der einfachen Volksmedizin war die Pflanze eher ungebräuchlich, wegen der “reizenden” Begleiterscheinungen und wohl auch der Unsicherheit in der Dosierung. Hier kam die Pflanze auch nur im getrockneten Zustand zum Einsatz – hauptsächlich gegen Krampfbeschwerden im Unterleib. Allerdings wurde sie frisch auch als Abortivum gebraucht, ein Zeichen für eine teratogene Wirkung.

Modern ist der Einsatz als Arzneipflanze fast ausschliesslich homöopathisch.

Zierform der Pulsatilla©beast666 2016

Zierform der Pulsatilla
©beast666 2016

Die Kuhschelle im Aberglauben

Für unsere Vorfahren war die Kuhschelle eine Zauberpflanze – einmal wegen des glitzernden Morgentaus auf den flaumigen Blättern, der violetten Blütenfarbe und vor allem der bizarr aussehenden Fruchtstände. Diese zottigen, auffällig schimmernden Knäuel ähneln ein bisschen den Samenständen der Clematis oder Waldrebe – auch einer magischen Pflanze. Daher wurden sie auch mit Namen wie Bocksbart, Teufelszotten oder Teufelsbart belegt. Man glaubte, dass sie an Hexentanzplätzen besonders gerne wachsen – da diese auf Berggipfeln verortet wurden, wäre dies auch nicht verwunderlich. Ein weiteres unheimliches Merkmal sind die weiterwachsenden Blütenstängel der Pflanze: Bei Ausbildung des Fruchtstandes strecken sich diese auf eine Länge von 30 cm, um den ausfliegenden gefiederten Samen die beste Verbreitung durch den Wind zu ermöglichen.

Wohl wegen der alpinen Ansprüche der Pflanze – einem Trockenrasengewächs, vielleich auch wegen der Toxitität, wurde die Kuhschelle erst als Zierpflanze populär, als die Steingärten (Alpinarium) in Mode kamen. Die Bewunderung für die Schönheit der Kuhschelle ist daher ein eher modernes Phänomen.

Die Farben der Blüten, Lila und Gelb, deuten auf Jupiter/Neptun, die fiedrigen und behaarten Blätter, weisen auf den Planeten Merkur als Gegenpol hin, ebenso die Flugsamen, die aus den Fruchtständen entstehen. Auch eine Vorliebe für windige Standorte spricht dafür. Die Achse Venus/Pluto ist für die hormonelle Wirkung und die Giftigkeit zuständig, ein Begleiter der Familie der Hahnenfussgewächse generell: Man denke nur an den extrem giftigen Eisenhut, oder auch den imposanten Gartenrittersporn, der ebenfalls Alkaloide enthält, und der auch eigentlich eine Arzneipflanze ist.

 

Posted by on April 20th, 2016 Kommentare deaktiviert