Archive for Mai 9th, 2016

 

Auf dem Elfenpfad: Wandern im Waldnaabtal

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Tor zur Anderswelt:
Am Anfang des Waldnaabtals

 Im Oberpfälzer Wald in Nord-Bayern findet sich ein einzigartiges Naturschutzgebiet – das Waldnaabtal. Es erstreckt sich  auf ca. 16 Kilometern zwischen den beiden von je einer Burg überragten beschaulichen Ortschaften Falkenberg und Windischeschenbach.

Das Waldnaabtal zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Flora und Fauna aus und auch geologisch gesehen ist das Tal etwas ganz Besonderes: es ist als Geotop mit der Nr. 377R013 registriert. Wie aus dem Märchenwald stammend anmutende Felsengebilde und 30 bis 50 Meter hohe, sich auftürmende Granitmassen säumen das schluchtartige Flussbett. Bizarre, ungeschlachte Riesenblöcke  liegen im Flussbett der Waldnaab und zwingen sie sich hindurchzuzwängen  und darüber hinabzustürzen.  Farnwedel filtern hellgrün das Licht, zartfarbige Blumensterne, Birken mit ihtren kontrastfarbigen Stammen und die hellsilbrige Rinde der Buchen erzeugen die Stimmung eiunes Zauberwaldes.

Schimmernde Wellenkämme, tanzende Lichtreflexe und die weißen Schaumkronen des Wassers geben dem Tal zusätzlich einen mystischen Charakter. Die Geräuschekulisse ist eher gedämpft, das Wasser murmelt und plätschert eher als dass es tost (Doost, wie das im Oberpfälzer Mundart heisst). Den Doost, das  kürzere  Tal des Girnitzbaches mit vielen Granitfelsen, gibt es tatsächlich, hier rauscht das Wasser dann dank des stärkeren Gefälles tatsächlich, brausend bahnt es sich besonders im Frühjahr, seinen Weg durch die steinernen Hindernisse. Deren Verwitterung wurde aber wahrscheinlich schon geologisch früher durch Eis bewirkt. Im Volksmund ist der Doost ein Platz an dem die Wilde Jagd über die Menschen hereinbricht. Dieses kleine Geotop ist nicht weit vom Waldnaabtal entfernt und liegt in der Nähe der sehr alten Ansiedlung Floss, die auch zwei interessante Kirchen besitzt, die  beide Johannes dem Täufer geweiht sind, die ältere protestantische und ehemalige Simultankirche stammt aus dem 16. Jhd. Die neuere katholische von 1912 hat interessante zeitgenössische Deckenmalereien. Ich weiss nicht ob der Maler sich dessen bewusst war, aber er hat sehr viel freimaurerische Symbolik in seine Darstellungen eingebracht. Aber Johannes der Täufer gehört schliesslich auch zu den Patronen der Bruderschaft. Floss besitzt auch eine  klassizistische Synagoge aus dem Jahr 1815, die noch zu Sabbatfeiern benutzt wird. Die Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Floss reicht noch weiter zurück, bis ins 17. Jhd., dies bezeugt der historische jüdische Friedhof von 1692, der an der zum Marktfleckens führenden Bundes-Strasse gelegen ist.

Gelbe Sumpfiris am Ufer.©beast666 2015

Gelbe Sumpfiris am Ufer.

Doch zurück zum Waldnaabtal: Die Burgen Falkenberg und Neuhaus bei Windischeschenbach sind „Torwächter“ dieses wildromantischen Felsentales, neben den beiden Burgställen direkt an der Wanderroute zeugen sie vom Zwang zur Wehrhaftigkeit vergangener Zeiten voller Unruhe, Die Region Oberpfalz war schon Durchzugsgebiet vieler Volksstämme. Neolithische Dolmen und keltische Funde zeugen von alter Siedlungsgeschichte. Die Boier waren hier bis in den Böhmerwald hinein ansässig. am Ende des römischen Imperiums kamen germanische und slawische Gruppen hinzu. Auch Attilas und Tamerlans asiatische Heerscharen sollen vorbeigezogen sein. Schliesslich tauchten die Hussiten auf, mit ihrer religiösen Erneuerungsbewegung, leider begleitet von puritanischem Bildersturm, Plünderung von Klöstern und Gewalt gegen die Mönche. Schweden und allerlei Landsknechtvolk sorgten im dreissigjährigen Krieg für Angst unter Bauern und wegen der üblichen Brandschatzungen auch den Stadbewohnern. Die habsburgische Kaiserin Maria Theresia schickte dann noch freundlicherweise als angeheuerte Söldner ungarische Panduren vorbei.

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Am Kammerwagen: Uralte Götter-Gesichter ?

Apropos Geschichte: Der Flussname Naab ist indogermanisch, kommt von nebh oder nobh und bedeutet in etwa soviel wie Nässe, Wasser, Nebel, Dunst oder Wolke. Im Laufe der Jahrhunderte hatte die Naab viele Namen. Mal hieß die Waldnaab einfach Naab und die heutige Fichtelnaab hieß stattdessen Waldnaab oder auch Krumme Naab. Der Name des Tales ist jedoch von der „Tirschenreuther Waldnaab“ hergeleitet. So wird der Fluss von der Quelle nahe der deutsch-tschechischen Grenze bei Bärnau bis zum Zusammenfluss mit der Fichtelnaab bei Windischeschenbach genannt. Das Flüsschen Naab – ab der mittelalterlichen Stadt Weiden – auch deren historische Altstadt lohnt einen Abstecher – wird sie ein richtiger Fluss, entspringt am Entenbühl, einer 900m hohen Kuppe an der Tschechisch/Deutschen Grenze.

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Wasser-Zauber

Im Waldnaabtal hat sie ein aus einem Kerbtal durch Ausräumung der Verwitterungmassen, die wie ein Schleifmittel wirken, eine wildromantische Schlucht geshaffen, in dem sich Uferwiesen mit Feuchtbiotopen, Stromschnellen und märchenhafte Felsgebilde aneinanderreihen. Auf gut gekennzeichneten Wander- und Radrstrecken kann man von Windischeschenbach oder Falkenberg aus diesen Oberpfälzer „Grand Canyon”durchqueren. Um den dunkelgrünen Wald der Hänge, die grauen moosbewachsenen Felsen und die stets glitzernde Waldnaab mit allen Sinnen erleben zu können, plant man für einen Ausflug ins Waldnaabtal am besten einen ganzen Tag ein. Schon wegen der schönen Verweilplätzchen zum Träumen und Picknicken. Aber Achtung: Mückenschutz – Lavendel oder Katzenminze sind nützlich, wenn man keine chemische Keule mag.

Im eigentlichen Tal hat der Naturfreund zwei Optionen:
Zum einen auf dem gut befestigten und gekennzeichneten Weg des Oberpfälzer Waldvereins. Mit normalen Straßenschuhen lässt sich hier die gesamte Strecke mühe- und gefahrenlos in gut drei Stunden erwandern. Es gibt kaum Wegabschnitte mit nennenswerter Steigung. Daher ist diese Variante auch für Familien mit kleineren Kindern geeignet, auch Radler und Menschen mit Gehhilfen können sich hier gut bewegen.

Für Liebhaber schmaler Steige über Stock und Stein ist dagegen der knapp fünf Kilometer lange Uferpfad ein absolutes Muss. Er ist auch unser “Elfenpfad“. Man erreicht ihn von der Blockhütte aus, einem schönen Biergarten mitten im Waldnaabtal. Zu dieser Einkehr gelangt man von Falkenberg aus über einen normalen Waldweg, der schon an einigen Natur-Sehenswürdigkeiten verbeiführt: Dem Kammerwagen und dem Butterfass. Das „Butterfass” rührt von einem Felseneinsturz in das Flussbett her. Der Sage nach sind die Felsen ein zu Stein gewordener Ritter samt Pferd und Knappen, die einst einer Jungfrau nachgestellt haben. An dieser Engstelle kann man bei genügend Trittsicherheit die Waldnaab auf den Granitblöcken überqueren. In einige der Felsen sind Stufen eingemeisselt, die das Unterfangen erleichtern.
Die Formation des „Kammerwagens” verwandelte sogar der Teufel höchstpersönlich in Stein. Mit etwas Vorstellungskraft vermag man tatsächlich die Köpfe der Rösser und das Gefährt im Felsen erkennen. Darunter befindet sich eine kleine Holzbank für eine Pause zum Träumen oder Erfrischen. Eine Viertelstunde vor dem Zwischenstopp im Biergarten liegt der Sauerbrunnen:  Eine kleine Schutzhütte mit einer gefassten Quelle, die Kohlensäure und Eisen enthält. Die Kohlensäure kommt als Gas aus den Tiefen der Erde und wird mit dem einstigen Vulkanismus der Region (sichtbar auch am nahen Parkstein, einem Plutonit mit schönen sechseckigen Basaltsäulen)  in Verbindung gebracht. Das kohlensäurehaltige Wasser löst hier in stärkerem Maße das Eisen aus den Gesteinen. Der Quellaustritt ist daher rostrot gefärbt und das Mineral erzeugt eine dementsprechende Geschmacksnote im Wasser. Dieses wird als trinkbar angenommen, seine Qualität ist aber nicht staatlich überprüft.

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Biergarten “Blockhütte” des Oberpfälzer Waldvereins.
Zoiglseligkeit ©beast666 2016

Nach den ersten Eindrücken und etwa der Hälfte der Strecke empfiehlt sich eine gemütliche Einkehr in der ganzjährig bewirtschafteten Blockhütte mit schattigen Biergarten in der Mitte des Talraumes (endlich!). Gemäß bayerischer  Biergartentradition dürfen hier auch mitgebrachte Speisen verzehrt werden.  Allerdings sollte man unbedingt die frische oder geräucherte authentische Waldnaabforelle probieren. Hier kommt der Fisch nicht mit dem Kühllaster! Dazu ein Zoigl-Bier, eine weitere lokale Spezialität. Den Zoigl aus dem Kommunbrauhaus kann man in den urigen Zoiglstub’n in Neuhaus oder den anderen Ortschaften mit Braurecht verkosten, mit einer deftigen Brotzeit – versteht sich! Einen Zoigl-Kalender gibt es im Anhang, erkennbar ist diese Art Wirtschaft am Zoiglstern, dem sechszackigen Mälzer-Zunftzeichen, geschmückt mit Bändern.  Dieser oft  hölzerne Bier-Zeiger, ist der sogenannte Zoigl. Der Brauch ähnelt dem Heurigenausschank der Winzer.  Das an der Blockhütte stehende Wasserschöpfrad gehört zu den wenigen, die in der Oberpfalz noch erhalten sind.

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Schöpfrad an der Blockhütte

Nach dem man sich in der Blockhütte gestärkt hat, geht es ausgerüstet mit festem Schuhwerk über Stege, mehrere Holzkonstruktionen sowie nicht ganz ungefährliche Felsabschnitte. Daneben ermöglichen die zahlreichen Flussfelsen und Felsgebilde (z.B. die „Gletschermühle”) abenteuerliche Kletterpartien.  Auf rund 6 Kilometer Gesamtlänge breitet sich eine  unglaubliche Szenerie aus, eine Naturkulisse wie aus einem Fantasyfilm. Auch seltene Tier- und Pflanzenarten wie Eisvogel und Wasseramsel leben im Talraum, wenn man nicht herumtrampelt wie ein Elefant, begegnet man ihnen sogar.
Doch in erster Linie sind es die vielgestaltigen Felsformationen an den Abhängen und im Flussbett, welche die menschliche Fantasie schon seit alters her beflügeln. Einer der imposantesten ist der Tischstein: Dieser Bolide ist ein 8 m hoher, im Flussbett stehender Felsen, dessen Abseite man auf dem Uferpfad erklettern muss. Die Schokoladenseite fotografiert man am besten vom gegenüberliegenden “Spazierweg” aus: Dort ist auch eine hölzerne Spruchtafel angebracht, mit der Aufschrift:

Auf den Tischstein spülte die Naab einst ein Geigerlein.
Trotz Hilferuf und Gefiedel war es sein letztes Liedl.
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Tischstein vom bequemeren Ufer fotografiert..

Napoleonische Truppen sollen versucht haben, die Platte des Tischsteins in den Fluss zu stürzen … wo rohe Kräfte sinnlos walten! Zum Glück blieben die Felsen unbeindruckt von solcher Narretei. Auch sonst liegen noch viele große und kleine Granitblöcke im Einflussbereich der Gestaltungskraft des Wassers. Auf einem großen Felsen zeigt sich z.B. die Form einer runden Schüssel; ein anderer Block ist ganz durchbohrt. Beide Erscheinungen sind darauf zurückzuführen, dass hier einst das Wasser  mit Geröll und Sand als Schleifmittel Vertiefungen und regelrechte Röhren herausfräste (sog. Strudellöcher). Am besten zu erkennen im Bereich der sog. „Gletschermühle“. Angeblich soll das im Durchmesser ca. 40 cm. große, musterhaft ausgebildete, Strudelloch sogar einen Blick in die geheimnisvolle Unterwelt ermöglichen – ein möglicherweise keltischer Mythos.  Kelten verorteten die Übergänge zur Anderswelt an der Grenze von Wasser und Land. Auch der Fall in den Brunnen bei “Frau Holle” geht auf solche Vorstellungen zurück. In manchen der Strudellöcher liegen noch kugelige “Schleifsteine”. Gefahrlos ausgetestet werden kann dies jedoch nur zu Niedrigwasserzeiten von absolut unerschrockenen und trittsicheren Wanderern. Am Flussufer und an den Talwänden beindrucken ebenfalls hohe Felsbarrieren aus Granit. Aus einer Wurzel schnitzte ein phantasiebegabter  Zeitgenosse einen Lindwurm, der sich drohend aus einer Spalte in einem turmhohen Granitblock hervorschlängelt. Die imposanten Felsgebilde des Tales bauen sich aus mehr oder minder starken Bänken auf. Da ihre Oberflächen und Kanten rund geworden sind, bezeichnet sie die Fachsprache als Wollsäcke (auch Kissen oder Matratzen genannt). Drei dieser gewaltigen Steinbarrieren (Altneuhaus – Schwarzenschwal – Herrenstein) auf der einfacheren Uferseite krönten im Mittelalter stolze Burgen. Ihrer Ritterherrlichkeit schon seit langem beraubt, bilden sie heute beindruckende Burgställe. Und so mancher schwört, dass er in der Nähe der ehemaligen Feste Altneuhaus ein geisterhaftes Geigenspiel vernommen hat.  Das war wohl der arme Musikus vom Tischstein … ? Auch ein Schatzhort wurde hier vermutet. Die beiden Wanderpfade sind immer wieder mit Holzstegen über den Fluss verbunden: Allerdings sind diese Behelfsbrücken schmal und nur mit einen einseitigen, etwas abenteuerlichen Geländer versehen. Trotzdem nutzen wir diese um am Ende unserer Strecke das Ufer zu wechseln und für den Rückweg die weniger anstrengende Option zu nutzen. Ausserdem bietet sich hier ein anderes Flusspanorama für schöne Fotos. Auf dieser “Komfortstrecke” kommt man direkt an der eigentlichen Gletschermühle und den schon erwähnten Burgställen vorbei. Nahe der Blockhütte geht es ebenfalls auf einem Steg zurück auf die Route nach Falkenberg.

Für Freunde des Angelssports ist die Waldnaab und ihre Zuflüsse ein wahres El Dorado: Neben der Forelle sind auch Hecht und Saibling zu finden. Kanu-Begeisterte können das Waldnaabtal meist nur in Frühjahr befahren.

Impressionen von unseren Wanderungen: Bildstrecke .

Anfahrt

  • Den Naturpark Nördlicher Oberpfälzer Wald findet man in Nordbayern.
  • Von Nürnberg auf die A6 Richtung Amberg, fortlaufend bis zum Autobahnkreuz „Oberpfälzer Wald” hier auf die A 93, Richtung Hof den Ausschilderungen folgend über Weiden i.d. OPf. bis zur Ausfahrt Windischeschenbach bzw. Falkenberg (Waldnaabtal).
  • Wir gehen meistens von Falkenberg aus: Der Wanderparkplatz liegt ausserhalb des Ortes und ist mit einem, etwas verwitterten Holzschild angezeigt.

Infos gibt es auch auf der  Tourismusinfoseite der Region Oberpfälzer Wald.

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Weiden, Oberes Tor des alten Marktplatzes.

Weiden, Unteres Tor des alten Marktplatzes.

Alle Fotos ©beast666 2015-16.

 

Posted by on Mai 9th, 2016 Kommentare deaktiviert