Archive for Juni 19th, 2016

 

Vom Staufen zum Rechberg: Wandern auf dem Pilgerweg

view_from_hohenstaufen_by_scrano-d96ui7e

Blick von Hohenstaufen zum Rechberg

Eine klassische Tour, die man am besten im Frühling oder Herbst begeht, da es auf Teilstrecken wenig Schatten gibt. Eine grössere Enttäuschung ist auch die Tatsache, dass man überwiegend Teer- oder Schotterstrassen benutzen muss, die von Mountainbikern stark befahren sind. Da diese Herrschaften oft nach der Devise unterwegs sind: “Meine Oma fährt Motorrad, ohne Bremse, ohne Licht”, ist entspanntes Wandern zu manchen Zeiten eher nicht drin. Man meide die Wochenenden, oder ziehe früh los.

Für die Füsse sind Teerdecken auch nicht so der “Wahre Jakob”. Obwohl man sich auf den historischen Spuren der Pilger des Jakobswegs bewegt, was durch eine Muschel-Kennzeichnung auf der Strecke angedeutet wird. Dass es diese Pilgerzeichen gibt, ist durchaus ein Segen, denn die eigentliche Wegmarkierung ist stellenweise nicht vorhanden. Dafür sieht man Hochsitze der allseits bei Naturschützern beliebten Jäger. Meine private Verschwörungstheorie dazu: Wo man auf viele Hochsitze trifft, fehlen seltsamerweise die Wanderweg-Markierungen … ?? Honi soit, qui mal y pense …

Ausgangspunkt der Rechberg-Route ist ein Parkplatz im Örtchen Hohenstaufen, von dem man sich in Richtung Barbarossa-Kirchlein orientiert. Hier ist auch die Staufer-Jubiläums-Ausstellung untergebracht: Für Geschichts-Interessierte ein lohnender Zwischenstopp, um die Familienhistorie des uralten Adelsgeschlechts zu erkunden, dem immerhin mehrere Kaiser des heiligen römischen Reiches deutscher Nation entstammen. Darunter so berühmte wie Friedrich I. Barbarossa (Kaiser Rotbart)  und Friedrich II, “stupor mundi”, das Staunen der Welt, wegen seiner hohen Bildung. Letzterer lebte aber lieber auf Sizilien, umgeben von einer Leibwache aus Sarazenen und Nordmännern … Bei der Kirche  beginnt der Aufstieg auf den alten Burgberg, wo es neuerdings ein kleines Restaurant “Himmel und Erde” mit einem Terassendeck gibt. Früher wartete hier nur ein Kiosk mit Erfrischungen und Bratwurst auf müde Wanderer. Auf dem Gipfel kann man leider nur noch spärliche Reste der einstigen Ritterherrlichkeit bewundern: Ein paar Fundamente und eine Zisterne. Dafür gibt es schöne alte Bäume und Aussichtsbänke für den weiten Rundumblick. Am höchten Punkt, 684m, steht die achteckige Stauferstele, eine Form, die an die berühmte Stauferburg von Friedrich II. “Castel del Monte” in Apulien erinnern soll. Der Naturschutzbund hat in den alten  Bäumen Fledermaus-Rastkästen aufgehängt, die Tiere sind in der Alb wegen der vielen Höhlen noch verbreitet anzutreffen.

Der ursprüngliche Talweg nach Hohenrechberg existiert nicht mehr, man muss zurück auf den Rundweg am Fuss des Hohenstaufen, um von hier aus durch den Teilort Maitis zum Wanderweg in Richtung Rechberg zu gelangen – keine Beschilderung. Hat man den Wanderparkplatz an der Strasse gefunden geht es in Richtiung Aasrücken, entlang der stark befahrenen Bundesstrasse: Zum Glück existiert ein parallel verlaufender Feldweg etwas weiter weg. Nach einem steileren Anstieg am Waldrand führt die Strecke über ebenes Gelände an Feldern vorbei bis nach Rechberg.

Am Wegesrand kann man noch  einige seltene Pflanzen-Arten  bewundern, die sonst als sogenannte Ackerunkräuter fast ausgerottet sind.

IMG_3182

Kornrade, ein Nelkengewächs, Signatur von Venus und Pluto/Mars.
Besonders die Samen enthalten toxische Saponine.

Die schöne blaue Kornblume, oder die giftige rosa Kornrade, beides Heilpflanzen, findet man hier noch. Die saponinhaltige Kornrade wird neuerdings in der biologischen Landwirtschaft sogar wieder feldmässig ausgesät, wo keine Getreide angebaut werden. Sie dient als natürliche Bekämpfungsmethode von Wurzelschädlingen bei Zuckerrübenkulturen. Auch Klatschmohn leuchtet mit seinem typischen Rot zwischen den Getreidehalmen hervor. Alle drei Pflanzen galten zusammen mit der Kamille als heilige Gewächse der Göttin Demeter, bzw. ihre Tochter Kore/Persephone. Den Kelten war die Kornrade Sinnbild des Sonnengottes Lugh. Königskerze und Klette, zwei Pionierpflanzen mit ebenfalls heilkräftiger Wirkung trifft man am Waldrand an. Scheinbar ist die Giftspritze hier nicht im Einsatz, es gibt sogar noch das Gold des Landmanns, echte Misthaufen.

corn_flower_by_scrano-d96unwf

Centaurea cyanus, blaue Kornblume: Signatur von Merkur und Jupiter/Neptun
Die Blüten schmücken Kräutertees, die Pflanze hilft bei Husten.

Im Ort wartet allerdings die letzte Steigung zur Burgruine Hohenrechberg, wo es eine Gaststätte mit Panoramablick gibt. Die Ruine selbst ist sehenswert, die 2 € Eintritt lohnen sich.  Die Preise in der Burgschänke sind wie häufig an solchen Orten ganz schön deftig. Der Blick ist zugegbenermassen recht spektakulär, neuerdings gibt es auch ab und zu live Harfenmusik von einem Barden in mittelalterlicher Gewandung. Auch wegen der für mich zu schwäbischen Speisenauswahl (Ich sage nur Zwiebelrostbraten, der wird mich wohl auf ewig verfolgen! ) sind wir trotzdem lieber Selbstversorger oder machen uns nach einer kurzen Rast auf den wirklich allerletzen Anstieg – eine echte Busse für einen reuigen Pilger – auf dem Kreuzweg zur Wallfahrtskirche Hohenrechberg. Dieser hat noch die für Kalvarienberge typischen vierzehn Kreuzwegstationen, an denen bei Karfreitagsprozessionen gebetet wird. Hier verläuft auch ein Teil des Geologischen Pfades Schwäbisch Gmünd-Hohenrechberg, mit Hinweistafeln zu typischen Gesteinsformationen. Oben gibt es auch eine Gastwirtschaft, in der, unserem Augenschein nach, häufiger Hochzeiten ausgerichtet werden. Die Küche ist nach Blick auf die Speisekarte osteuropäisch – also Vorsicht – Hüftgold, aber wahrscheinlich ganz lecker. Man kann auch im Garten sitzen und speisen.

hohenrechberg_castle_by_scrano-d93ks92

Hohenrechberg, Ruine nach einem Brand durch Blitzschlag im Jahr 1865.
Restauriert durch die Hans-Bader-Stiftung.

Der Rechberg als sakrale Stätte ist sehr alt, ein frommer Eremit errichtete hier einst im 11. Jhd. eine hölzerne Klause, neben der dann im 15. Jhd. ein Steinkirchlein entstand. Später setzte man die heute existierende spätbarocke Kirche an ihre Stelle. Der Grund für die beliebte Wallfahrt sind zwei wundertätige”Gnadenbilder” ein älteres der Mutter Gottes, dass schon der Eremit auf den Rechberg brachte. Diese ursprüngliche wohl romanische Skulptur ist allerdings schon früh verlorengegangen. Sie wurde im 14. Jhd. durch eine gotische Madonna, die “Schöne Maria” ersetzt, die ebenfalls als wundertätig betrachtet wird. Die zweite Wallfahrt führt zum Bild des heilgen Bernhardus aus dem 17. Jhd., das von seiner ursprünglichen Kapelle auf den Hohenrechberg gebracht wurde. In der Kirche gibt ausserdem es ein Taufbecken mit einer Johannes-Baptist-Figur aus dem 18.Jhd und eine interessante Kanzel mit der Darstellung der vier Evangelisten, samt ihrer alchemistischen und astrologischen Symbole. Desweiteren fällt die Vielzahl an Engelfiguren auf, es sollen 72 sein, wie die Anzahl der himmlischen Chöre. 72 ist eine heilige Zahl, sie verbindet die 12 und die 60 und enthält die ebenfalls magischen Zahlen 7, 8 und 9. Die gleiche Anzahl Verse, ebenfalls 72, die sehr stark Zen-Sprüchen (Koans) ähneln hinterliessen uns die Pythagoräer. Es handelt sich dabei um ein Lehrgedicht, dessen ethische Inhalte auch in das Christentum integriert wurden.

madonna_of_hohenrechberg_ca__1350_by_scrano-d8v1jr2

Gotische Madonna vom Hohenrechberg
Gnadenbild für Wallfahrer

cancel

Evangelisten-Kanzel in der spätbarocken Kirche

Vom Hohenrechberg aus führen Wanderwege zum Stuifen, dem dritten Stauferberg und nach Schwäbisch Gmünd, mit seiner hübschen Altstadt und gleich zwei sehenswerten Kirchen, der letzten vollständig romanischen auf deutschem Boden,  St. Johannes und dem gotischen Münster.

mullein_by_scrano-d96xpr1

Königskerze

arctium_lappa_by_scrano-d96ump7

Grosse Klette, die Wurzel enthält ein heilsames Öl

 

Der Rückweg nach Hohenstaufen verläuft auf derselben Route wie der Hinweg. Es gibt einen Rundkurs über Ottenbach und die Stixenhöfe, der nimmt aber 2 Stunden mehr in Anspruch.

hohenstaufen__seat_of_empereror_frederik_i_by_scrano-d96uokc

Blick zum Hohenstaufen mit seiner typischen Kegelform.
Trotzdem: Ein Zeugenberg, kein Vulkan.

Als Kaiser Rotbart lobesam
Zum heil’gen Land gezogen kam,
Da mußt er mit dem frommen Heer
Durch ein Gebirge wüst und leer.
Daselbst erhub sich große Not,
Viel Steine gab’s und wenig Brot,
Und mancher deutsche Reitersmann
Hat dort den Trunk sich abgetan;
Den Pferden war’s so schwer im Magen,
Fast mußte der Reiter die Mähre tragen.
  Nun war ein Herr aus Schwabenland,
Von hohem Wuchs und starker Hand,
Des Rößlein war so krank und schwach,
er zog es nur am Zaume nach;
Er hätt’ es nimmer aufgegeben,
Und kostet’s ihn das eigne Leben.
So blieb er bald ein gutes Stück
Hinter dem Heereszug zurück;
Da sprengten plötzlich in die Quer
Fünfzig türkische Ritter daher …

Wie es weiter geht, könnt ihr beim Dichter Ludwig Uhland nachleseen … Jedenfalls hat Kaiser Barbarossa auf dem Rückweg von seiner Kreuzfahrer-Expedition sein Leben verloren, nicht in der Schlacht, sondern beim Baden … in einem zu kalten Flüsschen. Das nur zur Warnung, müde Wandersmänner- und Frauen, nicht verschwitzt kalte Getränke hinunterzustürzen …!

Gehzeit: 5 Stunden gesamt, ohne Einkehr und Rast.

Auf jeden Fall was zum Trinken mitnehmen. Schuhwerk: Im Sommer Trekking-Sandalen, sonst Wanderschuhe, Stöcke optional – dann aber mit Prellpuffern.

 

Posted by on Juni 19th, 2016 Kommentare deaktiviert