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Jageteufel, Hartheu: Das Johanniskraut in der Signaturlehre

hypericum

Hypericum perforatum, Johanniskraut, Hartheu.

Ein Paradebeispiel für die Signaturlehre in der Pflanzenheilkunde oder Pflanzenalchemie, die vor allem von Paracelsus praktiziert wurde und durch seine medizisch/pharamzeutischen Abhandlungen überliefert ist. Signatur bedeutet Auswahlkriterien zu bestimmen, für welche Krankheiten ein jeweiliges Heilmittel geeignet ist. Dabei lässt man sich von Aussehen, Geruch, Geschmack, Blütezeit und Standort einer Pflanze leiten. Das übergeordnete Leit-Prinzip bildet die astrologische Signatur, d.h. es gilt Übereinstimmungen der Krankheits-Symptome zu der korrespondierenden Planetensignatur und der Heilmittelsignatur zu finden. Häufig nutzt man hier das Ähnlichkeitsprinzip, das vor Allem durch die Homöopathie Hahnemanns eine weitere Verbreitung erlangt hat. Aber im Gegensatz zu letzterer das ist keine absolute Regel in der Pflanzenalchemie: Eine z.B. als saturnisch bezeichnete Gewebsverhärtung wird man eher mit einer mondhaften Pflanze zu erweichen versuchen: Der Mond ist der Gegenpol zu Saturn, tatsächlich haben Gewächse mit Mondsignatur häufig eine erweichende, auch schleimbildende Wirkung. Es hängt davon ab ob man eine Körperfunktion unterstützen möchte, oder einem Zuviel entgenwirken will. Die Signaturlehre basiert auf der Naturbeobachtung und ist eine erste Klassifizierung von Heilmitteln nach Krankheiten und Symptomen.Die sogenannten Planetenzuordnungen entsprechen hier Wirkprinzipien, denen die klassische Elementelehre des Empedokles zugrunde liegt. In der darauf aufbauenden medizinischen Alchemie (Spagyrik) verwendete man oft eine Kette von Heilmitteln einer bestimmten Signatur aus dem Tier-, Pflanzen- und Mineralreich (Metalle) zur Verstärkung der Wirkung. Sie bildete die Basis einer Frühform der “Kombi-Präparate”. Derlei Zusammenstellungen sind heute auch noch beliebt: zB. Hypericum, Aurum (Gold), Apis mellifera (Biene), alle drei Träger einer Sonnensignatur. Ein Mittel zur Kräftigung der Nerven und bei Stimmungstiefs.

Zum Johannistag: Pünktlich blühendes Hartheu am Heimenstein.

Zum Johannistag: Pünktlich blühendes Hartheu am Heimenstein.

Viele Beschreibungen der Signaturen des Hartheu gehen bereits auf Paracelsus zurück.

  • Lichtsamer:  Schon die Samen keimen nur im Hellen, von der Erde unbedeckt. Ein erster Hinweis auf den sonnenverwandten Charakter. Auch die als Nachteil empfundene Lichtsensibilisierung ist ein Anzeichen.
  • Gelbe Blüte: Nach alter Vorstellung sind gelbe Blüten oder Pflanzensäfte ein Hinweis auf Heilpflanzen für Gelbsucht, bzw. Zeichen für eine Leberwirkung. Solche Pflanzen werden daher auch dem Jupiter=Leber oder Mars=gelbe Galle unterstellt. Johanniskraut hat eine gewisse galletreibende Wirkung. Die Leberclearance von Medikamenten kann beschleunigt werden: Der Leberstoffwechsel wird angeregt, besonders bei höheren Dosen von Johanniskraut.
  • Das kräftige Goldgelb von Johanniskrautblüten mit Staubfäden, die aussehen wie sprühende Sonnenfunken, zeigt wiederum den sonnenhaften Stimmungsaufheller. Die antidepressive Wirkung hypericinhaltiger Zubereitungen  gilt heute als erwiesen.
  • Wobei auch eine Leberentlastung schon stimmungsaufhellend sein kann: Leber und Galle, bei den Alten auch Zeiger von Stimmungen. Die übergelaufene Galle (Cholerik = Mars = gelbe Galle), oder die Laus auf der Leber (gestörter Jupiter = Melancholie/Saturn = schwarze Galle) … nicht umsonst gibt es diese Anspielungen. Alkohol, ein Leberschädiger ist ein starkes Depressivum!
  • Haupt-Blüte ab Mittsommer: “Die Blüte ist eine Zeigerpflanze der  Johanniszeit, dem solaren Höchststand des Jahres. In ihr wohnt die pure Sonnenkraft (eingefangener Sonnenschein). Im warmen, trockenen, leicht bitteren Geschmack bestätigt sich die aufhellende und seelenerwärmende Sonnennatur nochmals. Johanniskraut liebt sonnige, trockene Standorte – auch darin zeigt sich die Sympathie zum Sonnenprinzip. Auch die Hitzverträglichkeit der Pflanze ist ein Indiz: ”Es (das Rotöl, ein Ölauszug aus den Blüten) lindert Schmerzen, vor allem bei Verbrennungen (Sonnenbrand) , da das Kraut zur Zeit des längsten Tages und der ärgsten Hitze blüht” (Hans Fink). Das heisst aber, neben einer Sonnensignatur noch eine Zuordnung zum Element Feuer.

    Johanniskraut - Hartheu, Jageteufel

    Johanniskraut – Hartheu, Jageteufel
    quelle: wiki

  • “Perforiertes” Blatt: “die lochartigen Öldrüsen, die in den Blättern sind, bedeuten, daß das Kraut für alle inneren und äußeren Öffnungen der Haut eine Hilfe ist” (Paracelsus). Hält man ein Blatt gegen das Licht, dann sehen die Ölbehälter wie kleine Löcher aus. Das “Tausendlöcherlkraut”, wie der Namenszusatz perforata schon andeutet,  galt daher vor allem als ein Heilmittel für Stichverletzungen und Insektenstiche. Die Blut und Stichsymbolik weist auch auf eine Mars-Signatur, die auch zum Feuerelement passt, und sich ebenfalls bei Wundmitteln bewährt.
  • Roter Pflanzensaft, ebenfalls eine Mars-Zuordnung: Zerdrückt man eine Blüte zwischen den Fingern, so tritt blutroter Saft aus, als “Johannis-” oder “Herrgottsblut”  bezeichnet. Wegen dieser Ähnlichkeit mit  Blut erkannte  man im Johanniskraut einen Kraftspender (Mars=Lebenskraft), ein Heilmittel für Blutarmut .
  • Paracelsus schätzte Johanniskraut auch als “die beste Wundarznei“. Das Rotöl fördert die saubere Verschorfung vor allem bei Abrasionen und bewährt sich zur Behandlung von altem und neuen Narbengewebe von flächigen oder Schnitt/Risswunden.  Bei nässenden Wunden kann es zur Säuberung als Waschung (verdünnte Tinktur, Tee) verwendet werden. Hier ähnelt seine Signatur der Calendula.
  • Nervig Geädertes Blatt: “Die Adern auf den Blättern sind ein Zeichen, daß Perforata alle Phantasmata austreibt” (Paracelsus).
  • Die betonten “Blattnerven” werden manchmal als Nervensignatur gedeutet, oft zeigen sie auch Venenheilpflanzen an (Weinlaub, Kastanienblatt). Das Rotöl hilft auch tatsächlich  bei Neuralgie und Venenbeschwerden, eine Venus-Signatur, Gegenpol zum Mars.
  • Nomen est Omen: Das  ”Hartheu” liefert aufgrund seiner harten Stengel schlechtes Heu. Es wird auch als grünes Kraut nicht gern gefressen. Dies ist ein Zeichen dafür, daß das Kraut das Bindegewebe kräftigt, eine Saturn-Signatur : Gegenpol zum Mondprinzip, das erweichend und feucht wirkt. Auch die gute Wirkung gegen Narbenwucherung (Keloid) hängt wohl damit zusammen. Saturn im Wassermann ist auch der Ausgleich zum solaren Feuer des Löwen oder 5. Hauses. Hier wirkt Johanniskraut strukturierend und stärkt die Ratio.
  • faulig/schleimig beim Verblühen: Ein bisschen Mondsignatur ist auch dabei, da immer die gesamte Achse vertreten ist: Sonne/Saturn(Uranus) ->(Löwe-Wassermann), Mond/Saturn ->(Krebs-Steinbock). So helfen Massagen und Umschläge mit Rotöl gegen Gewebsverhärtungen und alte Narbenstränge. Auch gegen Menstruationsbeschwerden und Wechseljahresprobleme (Venus/Mond als Gegenpol zu Mars) wird Johanniskraut eingesetzt. Es wirkt östrogenartig=Venus.
  • Verschiedene Arten von Boden-Würmern vertreibt das Kraut: “So gibt es auch Würmer, die vor Hypericum fliehen. “Es geschieht nicht nur wegen des Geruches, sondern auch, weil in der Perforata der Spiritus ist, der die phantastischen Geister vertreibt” (Paracelsus). Nicht nur Eingeweidewürmer und Bodenparasiten: Auch Gedankenwürmer –> Zwangsgedanken wie bei OCD, Depression werden verscheucht.
  • Die Beobachtung, daß das Johanniskraut kaum von Parasiten heimgesucht wird, hat wohl dazu beigetragen, daß man das Kraut zwischen den Käse legte, um Madenbefall zu verhindern. Der Preßsaft aus dem Kraut wurde gegen Wurmbefall bei Pferden eingesetzt (Tabernaemontanus).
  • Man sah es als Fingerzeig, daß eine Pflanze, die sich vor Schädlingsbefall schützen kann, auch uns vor Parasiten schützt. Johanniskraut ist stark gerbstoffhaltig (zusammenziehend, lebensfeindlich=Saturn). Bis zu 16% Gerbstoffe machen Fäulnisbakterien oder Hefepilzen (z.B. bei Montezuma’s Rache oder schlecht heilenden Wunden) das Leben schwer.
  • Es ist auch ein Berufkraut – das heisst, man hing es in die Ställe und an die Haustür. um sich gegen üble Einflüsse und Hexerei zu schützen. Da es eine beruhigende und angstlösende Wirkung hat (es vertreibt die phantastischen Geister), ist dieser Volksglaube  wahrscheinlich auf erfolgreiche Anwendungen bei sogenannter Besessenheit zurückzuführen. Man soll es auch den verurteilten Hexen gegeben haben, um sie vor dem Einfluss des Teufels abzuschirmen, wenn sie zum Scheiterhaufen geführt wurden.
  • In den Raunächten wurden die Johannisbuschen des Sommers dann oft stückweise dem Kamin- oder Ofenfeuer beigegeben zusammen mit anderen Kräutern aus den geweihten Kräutersträussen. Dies soll vor der wilden Jagd schützen, im Sommer auch vor Hagel und Blitz.
  • Auch die Ställe werden in den Rauhnächten mit Johanniskraut und Salbei ausgeräuchert.
hypericumj

Johanniskraut am Feldrain. Juli 2016, Schwäbische ALb.
©beast666

Zum Schluss noch eins: Ein Heilkräuter-Brevier ersetzt nicht diagnostische Abklärung von Beschwerden durch Arzt oder Heilpraktiker! Viele verordnen immer mehr Naturheilmittel – einfach  direkt nachfragen.

Posted by on Juni 27th, 2016 Kommentare deaktiviert