Archive for Juli 13th, 2016

 

Wetterzauber: In dem Kessel zisch und simmer …

Wetternachen: Eine den Hexen nachgesagte F#ähigkeit.

Wettermachen: Eine den Hexen nachgesagte Fähigkeit.
Weather Stone: ©scrano 2015

Double, double toil and trouble;
Fire burn and cauldron bubble.

Macbeth, I. Act

Wetterzauber

In den Volkssagen, insbesondere des Alpenraums begegnen uns vor allem weibliche Naturgeister, Dämonen und Zauberkundige, die Einfluss auf das Geschehen am Himmel haben. Das verwundert nicht, wenn man an die oft dramatischen Wetterumschwünge (Launen!) im Gebirge denkt, besonders wenn man dort gerade als Wanderer unterwegs ist. Neben Frau Holle, Berchta oder Percht, die eher für den Winter zuständig sind, tauchen vor allem zwei weitere auf:

Wetterhexe und Windsbraut

Über Wettermachen von Hexen wird im Hexenhammer ausführlich berichtet. Wieder handelt es sich wohl hier um eine Verzerrung schamanischer Überbleibsel in Überlieferungen aus dem Volksbrauchtum. Vor der Zeit der Hexenbrände und bei naturreligiösen Kulturen war und ist die magische Praxis des Wetterzaubers noch Bestandteil des Alltagslebens, und auch nicht negativ besetzt. Wer kennt nicht die Regenmacher amerikanischer Ureinwohner, besonders von Stämmen in Nordamerika?  Diese sind mittlerweile sogar ein populäres, medienwirksam inszeniertes Touristenspektakel geworden.

Erst ab dem späten Mittelalter und besonders nach dem Erscheinen von Kramers “Malleus Maleficorum“  kam das Wettermachen in unseren Breiten in den Ruch des Teufels-Spuks. Wetterhexen wurden nun von ihren Zeitgenossen des Wetterzaubers beschuldigt, insbesondere der magischen Herbeiführung von Unwettern mit Hagel. Meist war das Wettermachen nur ein Teil des üblichen Zauberrepertoires einer Hexe, neben Schadzaubern anderer Art, wie z.B. Milchdiebstahl und Anhexen von Impotenz. Hagelmachen und Stürme heraufbeschwören waren unter den häufigsten Anklagepunkten, derentwegen Frauen als Hexen denunziert und abgeurteilt wurden. Es folgte immer die Todesstrafe, in Deutschland durch Verbrennung auf  dem Scheiterhaufen. In England kam die angebliche Hexe gnädigerweise “nur” an den Galgen.

Auch weibliche Naturgeister hatte man im Verdacht, bei Wettergeschehnissen mitzumischen. So glaubte man beispielsweise, dass in plötzlich entstehenden, kleinen Wirbelwinden, die das Heu in die Höhe wirbelten, eine junge, nackte Frau mitflog, die Windsbraut.  Diese Vorstellung ist alt, sie kommt schon in der germanischen Mythologie vor, hier heisst das Wesen Drud. Na, da ist wohl den jungen Männern beim Heumachen die Fantasie  durchgegangen … lol!  Wahrscheinlich war das plötzliche Auftreten solcher Luftwirbel, wie auch bei Staubteufeln in Trockengebieten den Menschen nicht ganz geheuer. Gegen Wind-Dämonen verwendete man in der Volksmagie sogenannte Druden-Messer, die den Naturgeist treffen sollten, wenn man sie in den Wirbel warf. Sie sollten den Wind schneiden, angeblich wiesen die halbmondförmigen Klingen solcher magischen Messer Blutspuren auf, wenn man erfolgreich ins Ziel getroffen hatte. Solche Messer waren mit üblicherweise mit Gravuren von neun Mondsymbolen (Frau Luna galt als entscheidender Wetterfaktor) und neun Element-Kreuzen verziert. Sie besassen ausserdem schwarze Griffe, wie ein Hexen-Athame. Solcherlei magisches Werkzeug wird heute noch im Internet angeboten: Naja, wer es braucht …

baldung-hexen

Nicht gerade warzen-nasig: Zwei Hexen beim Wettermachen.
Hans Baldung Grien, 1523.

Wie stellte es nun die vermeintliche Hexe an, so einfach ein Hagelunwetter aus dem buchstäblich heiteren Himmel zu zaubern? Gab es dafür eine Do-It-Your-Self Anleitung: Jetzt brauen wir uns einen Hagelksturm, in nur 10 einfachen Schritten?  Nein, Spaß beiseite,  hier wird nur über die vielfältigen Praktiken berichtet, die Hexen und Zauberer früher angeblich angewandt haben sollen, um “Wetter zu machen”, und um die ebenso einfallsreichen Versuche der anderen, diese Unwetter abzuwehren. Häufig war dabei Wasser im Spiel: Nicht ganz falsch, liebe Zauberlehrlinge, weiss man doch, dass grössere Gewässer regelrechte Wettermaschinen sind. Aber ob Umrühren in einem Kessel oder Hineinplumpsen grösser Steine in einen See viel ausrichten können? Hmmm … es gibt da ja noch den Schmetterlingseffekt des Herrn Lorenz, einem Meteorologen und Chaos-Forscher. Versucht doch einfach mal Euer Glück, liebe Magie-Begeisterte, vielleicht kann man ja dem Ex oder dem ungeliebten Chef seinen Urlaub verhageln … ?? Nun fehlt nur noch das geeignete Gewässer und der passende Zauberspruch:

In den Alpen gibt es regelrechte Wetterseen, meistens sind sie hochgelegen, wie etwa der Rifflsee im Pitztal. Der früher so idyllische Ort ist allerdings mittlerweile so von Touristen belagert und mit den üblichen Skizirkus-Abscheulichkeiten verschandelt, da lässt sich bestimmt kein Naturgeist mehr blicken. Schlecht für euch Pitztaler, den dann bleiben auch die Schutzgeister weg …

  • Auch aus Wolle und Haaren wurden Unwetter, besonders Hagel, gezaubert. Fanden sich diese Dinge später zufällig in Hagelschloßen, galt die unnatürliche, zauberische Ursache des Unwetters als erwiesen.

In Gesellschaft zaubert es sich besser:

Ganze Gruppen von Wettermachern beider Geschlechter (auch Miraculix konnte Wetter machen) versammelten sich angeblich früher an bestimmten Orten, besonders Berg-Gipfeln und Seen, zum Gewitterbrauen. Auch die Sage von den “Saligen Fräulein” spielt wohl hier mit hinein. Was die magischen Praktiken bei solchen Zauberer-Treffen anbelangt: In Hexenprozessen gaben die Angeklagten oft die drolligsten Aussagen zu Protokoll, fast zum Lachen, wenn da nicht die schaurigen Konsequenzen in Form von grausamen Todesurteilen gewesen wären.

Einige Beispiele:

  • Der Teufel habe den Hagel in einer Tasche mitgebracht. Dann sei er zusammen mit der Hexe in einer Ofenschüssel durch die Luft geflogen und dabei hätten sie den Hagel abgeworfen. Wow, “Hexen Air Force “sozusagen.
  • Zaubersprüche oder Praktiken, die oft in Prozessakten zu finden sind kann man getrost unter “Begleiterscheinung der unmenschlichen Verhörmethoden” ablegen. Sie enthalten das, was die Folterer hören wollten.
  • Aus einem Prozessprotokoll: Dieß Jahr 1688, im Monat Juni, fährt der eifrige Prediger (Abraham a Santa Clara) fort, haben sie einen so großen Schauer heruntergeworfen, daß deren etliche Steine fünf Pfund schwer gewogen, und hat man unweit der Hauptstadt Gräz gewisse große Vögel wahrgenommen, welche in der Höhe vor diesem grausamen Schauerwetter geflogen und selbiges hin und her geführt. Einige bekannten, so nachmals verdienter Maßen im Feuer aufgeopfert worden, wie sie das höchste Gut und die heiligsten Hostien salva venia in den Sautrog geworfen, selbige mit einem hölzernen Stössel nach Genügen zerquetscht, daß auch mehrmalen ihren Gedanken nach das helle Blut hervorgequellt, dennoch ganz unmenschlich und unbeweglich in ihrer Bosheit fortgefahren, gedachtes höchstes Geheimnis mit unflätigem Wasser (URIN) begossen, und nachdem sie es mit einem alten Besenstiel gerührt, sei alsobald der klare Himmel verfinstert worden und allerseits, wo es ihnen gefällt, der häufige Schauer heruntergeprasselt.
Wilhelm Gottlieb Soldan: Geschichte der Hexenprozesse. Band II – Kapitel 3
  • Ein altes Kräuterbuch gibt beispielsweise an, dass die Hexen zum Brauen der Gewitter neunerlei Kräuter brauchten: Alant (Inula helenium), Eberraute (Artemisia abrotanum), Beifuß (Artemisia vulgaris) Wermut (Artemisia absinthium), Baldrian (Valeriana officinalis), Rainfarn (Tanacetum vulgare), Kunigundenkraut (Eupatorium cannbinum), Bittersüss (Solanum dulcamara) und Klatschmohn (Papaver rhoeas). Da es sich bei allen Arten um potente Heil-, aber keine Giftpflanzen handelt, ist eine magische Verwendung, vor allem für eine Gewitterwirkung, stark anzuzweifeln. Vielleicht haben Heilerinnen unter den Angeklagten von Hexenprozessen in ihrer Not einfach eines ihrer Rezepte genannt. Kleriker und gelehrte Stände waren sowieso zu ignorant, um die Medizin oder echte Magie des einfachen Volkes zur Kenntnis zu nehmen. Das änderte sich erst mit Paracelsus.

Beim Wetterzaubern ist man wohl auf die eigene Fantasie angewiesen, was geeignete Formeln anbelangt.

Interessanter sind da schon die Überlieferungen bezüglich der diversen Abwehrzauber, da sie seltener in den Zusammenhang mit Hexenprozessen gebracht wurden.

Krawall und Glockengeläut

Als das wirksamste Instrument gegen den teuflischen Wetterzauber wurde das rechtzeitige “Wetterläuten” angesehen. Hierfür gab es sogar speziell geweihte Gewitterglocken, die wie die Warnglocken bei Feuersbrunst in Türmen auf Anhöhen und abseits der Kirchen aufgehängt wurden. Generell galten Kirchenglocken als geeignetes Teufels-Abwehrmittel.  Auch Schillers Gedicht “Die Glocke“  enthält den Satz “Fulguras frango” (Blitze zerbreche ich). Natürlich waren auch Pulverdampf (Schwefel gegen böse Geister) und Böllerknall ein probates Mittel, welches in Bad Tölz heute noch zum Einsatz kommt.

  • In den Bauernhäusern wurde früher bei herannahenden Unwettern eine schwarze Kerze angezündet, dabei wurden oft noch Stücke des Johannisbuschens vom letzten Jahr im Ofen verbrannt.

Pflanzen für den Wetterzauber

Die Wirkung von Dachwurz habe ich schon beschrieben. Daneben war noch Bärlapp beliebt, weil das Mehl aus den Sporen in der Magie gerne als effektvolles Blitzpulver verwendet wurde. Bärlapp gilt als eine der vier heiligsten Pflanzen der Kelten.

  • Ausserdem gab es das Verbot bestimmte Pflanzen zu pflücken: Alpenrosen, Glockenblumen oder Skaibiosen ziehen den Blitz an. Knickt man die Blüten der Acker- oder Zaunwinde (Convolvulus arvense und sepium), so gibt es Regen. Ackergauchheil, aber auch Ehrenpreis zählen zu den Gewitterblumen, wohl wegen der Blütenfarbe, die entweder an Feuer oder dunkle Gewitterwolken erinnert. Ausserdem schliessen sie ihre Blüte, wenn Unwetter heranziehen, sie sind also Wetterzeiger. Vor allem beim dunkelblau blühenden Gamander-Ehrenpreis galt auch das Pflück-Tabu.
  • Ackergauchheil*** verräuchert gilt als Schutzkraut bei Gewitter.

Schliesslich gab es noch das einfache Sympathie-Opfer: Den Naturgeistern wurde beispielsweise eine Schale Milch oder Apfelmost vor die Tür gestellt oder der Inhalt im Wind versprengt.

Ackergauchheil mit feuerroter Blüte.

Ackergauchheil (Anagallis arvensis) mit feuerroter Blüte.
Quelle: wikimedia commons

Männliche Götter, Elementale und Geisterbeschwörer in Sachen Wetter lassen sich durchaus auch finden. Man denke nur an den Luftgeist Ariel aus Shakespeares “The Tempest”, mit dessen Hilfe der Zauberer Prospero auf dem Meer einen mächtigen Sturm entstehen lässt. Natürlich wird in diesem Zusammenhang immer wieder die “Wilde Jagd” Odins erwähnt. Aber sogar christliche Heilige haben beim Wetter mitzubestimmen: Der bekannteste von ihnen ist wohl der Himmelspförtner und Schlüsselbewahrer Petrus, der für die vor allem in der Ferienzeit wenig beliebten Regenschauer zuständig ist.

“Den Eichen sollst Du weichen … !” Der Baum der Himmelsgötter: Taranis, der Donnerer mit dem Jahres-Rad, Thor mit dem Hammer oder Jupiter mit dem Donnerkeil, alle drei haben eine Verbindung zu Eichen, die ein besonders beliebtes Ziel für Blitzeinschläge sein sollen.

  • “Thor hat den Vorsitz in der Luft, er lenkt Donner und Blitz, gibt Wind und Regen, heiteres Wetter und Fruchtbarkeit.”

Natürlich gibt es in ausser-europäischen Religionen ebenfalls Wetterbeherrscher, z.B. der westafrikannische Xango (Shango), der Blitze mit seiner Doppelaxt hervorbringt. Begleitet und unterstützt wird er von der ebenfalls stürmischen Oya, seiner Gemahlin. Diese erinnert ein bisschen an “Storm” aus dem Marvel X-Men Universum. Auch der dem Zeus ähnliche Himmels-Schöpfer Gott Damballah ist ein Blitzschleuderer, seine Gemahlin, die Regenbogenschlange Ayida Wedo bringt den fruchtbaren Niederschlag. Daneben gibt es dann noch die unterschiedlichsten anderen Wind- und Meeresgeister der Yoruba-Religion, die hier besser bekannt ist unter ihrem Namen Vodun oder Voodoo. Diese auch als Loa bezeichneten Gottheiten, etwa Damballah werden auch nicht mit blutigen Zeremonien beschworen, wie dümmliche Hollywood-Filme gerne suggerieren. Die meisten dieser Loa mögen wohl lieber Tabak, Rum und Süssigkeiten als Blut … selbst der berüchtigte Baron Samedi !

Im präkolumbianischen Mittel- und Südamerika der Azteken, Maya und Inka dagegen war der Wetterzauber Sache des Staatskults und eine blutige und oft gruselige Angelegenheit, vor allem wenn es um die Beschwörung des lebensnotwendigen Niederschlags ging. Menschenopfer für den Regenbringer Cha’ac waren bei den Maya gängige Praxis, sowohl an den zisternen-artigen Cenotes, aber auch in der Höhlenwelt der Karstgebiete Yukatans. Die Opfer sollten in die Unterwelt als Boten ihres Volkes geschickt werden, um dort Fürbitte zu leisten. Für die zweifelhafte Ehre des Ganges zu den Göttern auserwählt waren überwiegend Männer und Knaben, nicht etwa Jungfrauen, wie früher angenommen wurde. Auch die Azteken waren nicht zimperlich und brachten ihrem Regengott Tlaloc besonders grausame Kinderopfer dar.

 

Gamander-Ehrenpreis an der Limburg. Eine echte Wetterblume.

Grosser oder österreichischer  Ehrenpreis an der Limburg.
Eine echte Wetterblume.

Eine geschichtliche Dimenson besonderer Art hatte die Wetterzauberei noch in England zur Zeit des abergläubischen James VI, dem politischen Nachfolger Elizabeths I und späteren King James I. Dieser glaubte einer absurden Verschwörungstheorie, nach der einige schottische Hexen einen Sturm zusammengebraut hätten, um sein Schiff bei der Rückreise  mit seiner Braut Anna von Dänemark von Norwegen nach England zu versenken. Seine darauf folgende Paranoia veranlasste ihn, ein so glorreiches Machwerk wie “Demonology” zu verfassen und selbst Hexenprozesse durchzuführen. In diese Ära fallen auch die wenigen Hexenhinrichtungen auf dem Scheiterhaufen, die es in England gab.  In die verbreitete “King James Bible” floss sein Wahn ebenfalls ein: Statt “Die Giftmischer sollst Du nicht am Leben lassen” steht nun auf seine Veranlassung hin: “Die Hexen sollst Du nicht am Leben lassen.”  Ein wahrlich ruhmvolles Erbe …

Shakespeare verarbeitete diesen Stoff sowohl in “The Tempest” als auch und insbesondere in “Macbeth“. Womit wir wieder am Anfang wären.

***Ackergauchheil (rot blühend) ist eine alte Heilpflanze, ausserdem ist er schwach giftig (Saponine, vor allem in der Wurzel).

Wenn Euch mein Bild “Weather Stone” gefällt: Nicht einfach downloaden, für einen ordentlichen Druck ist die Auflösung sowieso zu schlecht. Klickt erst einmal darauf, dann könnt Ihr sehen, wieviele Einzelteile hier eingeflossen sind, die teilweise auch von anderen Künstlern kostenlos zur Verfügung gestellt wurden. Deren Gallerien in deviantart sind auch einen Blick wert, einfach den entsprechenden Links auf der Anhangseite folgen. Freundlichkeit sollte belohnt werden, in diesen Zeiten der copyright – Gier.

 

 

Posted by on Juli 13th, 2016 Kommentare deaktiviert