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Pflanzen im Hochsommer: Fingerhut, Digitalis purpurea

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Blühender Fingerhut in der Bretagne.
©beast666 2014

Der Rote Fingerhut ist in Westeuropa sowie dem westlichen Süd-, Mittel- und Nordeuropa und in Marokko beheimatet, als Neophyt kam er bis nach Amerika.  Besonders grosse Bestände habe ich im Elsass und der Bretagne gefunden. Der Fingerhut (engl. foxglove=Fuchshandschuh)  bevorzugt frischen, kalkarmen, sauren, lockeren, humusreichen Boden an sonnigen bis halbschattigen Standorten.Wegen der hübschen Blüten und der imposanten Erscheinung hielt er seit  dem 16. Jahrhundert Einzug als Zierpflanze in Parks und Gärten. Hat man ihn einmal im Beet, samt er sich fleissig aus, so dass trotz der Zweijährigkeit immer für Nachschub an blühenden Pflanzen gesorgt ist.

Verwendung in der Pflanzenheilkunde

Der Rote Fingerhut ist in der Volksmedizin ursprünglich als Zaubermittel und rein äusserlich verwendet worden – z.B. gegen den bösen Blick. Einzige innerliche Anwendung war als Pugiermittel (Fingerhut erzeugt heftigen Brechreiz).

Später versuchte man in England damit Bronchialleiden oder Lungentuberkolose zu behandeln, wegen der Giftigkeit der Pflanze gab man das aber rasch wieder auf. Erfolgreicher war man in Grossbritannien dagegen, den Fingerhut als ein Mittel gegen Ödeme, wie sie bei Herzschwäche auftreten, einzusetzen.

  • Der englische Arzt William Withering folgte dem Hinweis einer Kräuterfrau und fand  heraus, dass der Fingerhut eine potente diuretische und herzwirksame Pflanzendroge darstellt. Der Chemiker Nativelle konnte 1868 dann den Wirkstoff Digitalis isolieren.

Man erkannte damals bereits, dass sich das Digitals über eine Zeit im Körper anreichern kann, was die Dosierung etwas schwieriger gestaltet. Tatsächlich gab es immer wieder Vergiftungsfälle bei Herzpatienten unter Digitalis in Reinform. Wird die gesamte Pflanze als Extrakt verabreicht hat man ein Problem mit der Standardisierung der Inhaltsstoffe, dafür führt die Brechwirkung zu einer schnellen Magenentleerung bei Überdosierungen. Am Anfang des therapeutischen Einsatzes  legte man mehr Wert auf die harntreibende  Wirkung durch den Fingerhut, welche auch schon entlastend bei Herzproblemen wirkt, bis man die tatsächlich herzstärkende Eigenschaft der Fingerhutinhaltsstoffe hrausfand.

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Digitalis purpurea Köhlers Lexikon
quelle: wiki

Forschnungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führten dann zu einer Bestimmung einer Reihe weiterer pharmakologischer Wirkstoffe in verschieden Unterarten der Fingerhutfamilie. Ähnliche herzwirksame Substanzen wurden auch in anderen Pflanzengattungen entdeckt.  Im Maiglöckchen, Oleander, der  Christrose und der in der Antike schon bekannten Meerzwiebel konnten entsprechende Verbindungen nachgewiesen werden. Die Wirkstoffe des Fingerhuts zählen zu den Herzglykosiden, diese regen den geschwächten Herzmuskel an, sich wieder stärker zusammenzuziehen, wodurch sich die Pumpleistung verbessert. Digitalis verlangsamt ausserdem die Herzfrequenz, was auch einen therapeutischen Nutzen hat.

Bei der weissen Abart (natürlich vorkommend) erkennt man besonders gut die Scheckung der Blütenglocken.

Bei der weissen Abart (natürlich vorkommend) erkennt man besonders
gut die Scheckung der Blütenglocken.

Alle Pflanzenteile vom Fingerhut (rot oder weiss) sind hochgiftig. Bereits das Essen von zwei bis drei Fingerhutblättern kann tödlich enden. Glücklicherweise schmeckt das Kraut so gallebitter, dass es eher selten verzehrt wird. Ausserdem sind Übelkeit und Brechreiz enorm.

Fingerhut in Märchen und Aberglauben

In der Anderswelt der Sagen, besonders von englischen und irischen, dient der Fingerhut dem Elfenvolk als Kopfbedeckung. Böse Feen sollen die Blüten einst als Handschuhe den Füchsen (foxglove) geschenkt haben, damit diese lautlos ihr Unwesen als Eier- und Geflügeldiebe in den Hühnerställen treiben konnten. Die Zeichnung der Blüten soll daher von den Fingerabdrücken der unglückbringenden Feen herrühren.

Signatur:

  • Mars/Pluto und Venus – Rachenblüten, starke Versamung, giftig, bitter, muskelwirksam, Emeticum – rote/rosa Blüten, harntreibend – Hauptsignatur, für die starke Marsdominanz spricht auch die Tatsache, dass Fingerhutpflanzen als Kontaktallergen zu Hautirritationen führen können, sowie das schmale Therapiefenster bei der Dosierung.
  • Der Weissdorn – eine gute Pflanze gegen Altersherzbeschwerden trägt auch eine Mars/Venus Signatur, zusammen mit Mond-Saturn. Hier tobt sich das aggressive Element des Mars in den Stacheln aus, statt in Giftigkeit. Herzwirksame Sonnenpflanzen  dagegen, wirken eher ganzheitlich tonisierend als spezifisch muskelwirksam.  Hier wird eine Verbesserung des Zustandes durch allgemein förderliche, auch stimmungsaufhellende Inhaltstoffe erzielt. Sie stärken sozusagen die Lebensgeister, wie man früher sagte.
  • Merkur/Jupiter – streng aufrecht, wolliger Überzug, Blüten ährig – daher wurde wohl eine Lungenwirksamkeit vermutet – grosswüchsige, imposante Erscheinung, hohler Stängel – eine Nebensignatur.

Zum Schluss noch eins: Ein Heilkräuter-Brevier ersetzt nicht diagnostische Abklärung von Beschwerden durch Arzt oder Heilpraktiker! Viele verordnen immer mehr Naturheilmittel – einfach  direkt nachfragen.

Posted by on Juli 23rd, 2016 Kommentare deaktiviert