Archive for August 10th, 2016

 

Rubedo – Goldenes Geheimnis der Alchemie

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Es röte sich der Stein – Höchstes Ziel der Alchemie
Lapis Philosophorum ©scrano 2014

 The alchemical process
is a method for self knowledge
that the soul undergoes
far outside its realm of existence.
Mary Anne Atwood

Das Opus Magnum

Das Grosse Werk ist eine Metapher der europäischen Alchemie des Mittelalters und der Renaissance, welche viele Autoren und Künstler zu unterschiedlichen Arbeiten inspiriert hat. Es zielt einerseits auf die Umwandlung einer primordialen Ursubstanz, der prima Materia  in (spirituelles) Gold, andererseits  auf die tatsächliche, stoffliche oder metaphysische Darstellung des Lapis Philosophorum, des Steins der Weisen, ab. Der Weg zur Herstellung des Lapis Philosophorum verlief über vier, später drei Stufen, je nach Autor geht man sogar von sieben oder zwölf (Zwischen-)Stufen aus. Die praktische Anwendung des Opus Magnum sollte unedle Substanzen durch Transmutation in Gold verwandeln, indem man den ursprünglichen Stoff durch den „roten Stein, den Lapis“ führte. Das aus dem sagenhaften Stein gewonnene “rote Elixir” war ein Mittel, das als Panacea (Allheilmittel)  angesehen wurde, und sogar Unsterblichkeit verhiess. Es bildete das Gegenstück zum einfacheren Kleinen Werk, bei dem man durch das „weiße Elixier“ unedle Stoffe zu Silber verwandelte. Dieser letzte Veredelungs-Vorgang wird auch als Multiplikation und Projektion bezeichnet. Wegen der Analogie als “Spender ewigen Lebens” wurde der Lapis auch mit dem “Heiligen Gral” assoziiert. Nicolas Flamel, einem der berühmtesten Alchemisten sagte man nach, er hätte das Geheimnis entschlüsselt, und würde seither unsterblich in der Welt wandeln. Auf dieser Geschichte basiert auch eine Einlassung im Roman “Harry Potter and the Philosopher’s Stone”. Der erste Band von J.K.Rowling’s Zauberlehrlingsreihe handelt ebenfalls vom Stein der Weisen und Nicolas Flamel und seine Frau Perennelle (die Ewige) werden als die Erschaffer und Besitzer desselben erwähnt. Als eine der verschiedenen Masken des unsterblichen Alchemisten spukt auch der berüchtigte Graf von St.Germain durch die Literatur. Und schliesslich taucht Flamel noch als Vorbild und Lehrmeister des vampirhaften Bösewichts Etienne im Horror-Krimi “Vidoq” mit Gerard Depardieu auf. Der historische Flamel handelte mit antiken und okkulten Schriften und war wohl auch sehr wohlhabend. Nach seinem Tod hinterliess er sein Haus und Vermögen einer Armenstiftung, die noch heute existiert.

Wie die transmutatorischen Umwandlungs-Stufen praktisch im Einzelnen auszusehen haben, war in der Alchemie ein Streitpunkt.  In der Antike war die Vorstellung vom  vierstufigen Prozess (Quaternität) vorherrschend – vielleicht wegen der Elemente-Lehre und der numerologischen Überlieferung, dass die Vier die Zahl der Manifestation sei. Der Kubus als platonischer Körper galt bei Kepler als Symbol für das Erdelement, sein zugehöriger planetarer Achetyp Saturn wurde schon in der Antike als einer der Meister der Alchemie angesehen. Der Saturn-Orbit wurde daher in Keplers Harmonices Mundi auf einem solchen Kubus als Aussensphäre beschrieben. Das auf der Sphärenharmonie fussende Modell liefert wie die Titius-Bode Reihe keine vollständig befriedigende Lösung bezüglich der Genauigkeit der planetaren Orbits – immerhin ein ästhetisch ansprechendes Modell, das auch in mit der  Musiktheorie in Beziehung gesetzt werden kann. Die Titius-Bode Reihe ist neuerdings bei der Auffindung von Exoplaneten wieder interessant geworden.

Die Stufen der antiken Vierheit:

  • nigredo – prima materia
  • albedo
  • citrinitas
  • rubedo

Erst im späten Mittelalter wurde die Quaternität zur Trinität, wobei die Stufe der Gelbung entfiel. Die Trinität war in der christlichen Lehre die heiligste Zahl, Sinnbild des Höchsten.

Es gab auch kompliziertere Schrittfolgen:

  • Materia Prima, Calcination, Sublimation, Solution, Putrefaction, Destillation, Coagulation, Tinctura, Multiplikation, Projection.

Hier sieht man eher eine Analogie zum realen Experiment. Der Naturphilosoph und Arzt Paracelsus geht ebenfalls über die vier Stufen hinaus und beschreibt unter anderem in seiner De natura rerum den Prozess eine Transmutation in sieben Schritten, vielleicht in Anlehnung an das damalige Planetenmodell der klassischen Himmelskörper. Er verwies ja bereits bei seiner Lehre von den Entia auf den Einfluss astrologischer Faktoren auf Krankheitsursachen.  Zur Darstellung iatrochmischer (spagyrischer ) Heilmittel wurde genau eine solche  siebenstufige Prozessierung für die Ausgangssubstanzen von ihm vorgeschlagen, um die Heilwirkung zu verstärken.

Im Verlauf der Jahrhunderte entwickelte sich das Opus Magnum zu einem kryptischen Gemisch verwirrender Anweisungen, wohl auch auf Grund der sehr individuellen Erfahrungen und Aufzeichnungsformen, die den praktischen Prozess immer unverständlicher werden liessen. Die einzelnen Vorschriften für die Präparationen waren zudem symbolträchtig, vieldeutig und häufig in reiner Bildform, wie z.B. dem Rebis oder Merkurbrunnen dargestellt. Die Verschlüsselung von wissenschaftlichen oder philosophischen Inhalten in Bilderrätsel ist seit der frühen Renaissance bekannt. Dies diente einerseits dem Schutz der Information vor Unbefugten – andererseits war es für den Adepten eine Möglichkeit Wissen in konzentrierter Form an seine Schüler weiterzugeben. Bilder eignen sich oft besser zum Vermitteln ganzheitlicher Inhalte, die in ihrer Gesamtheit gedeutet werden müssen. Beispiele sind das Hexastichon von Sebastian Brandt, aber auch der Tarot – letzterer ganz sicher kein gewöhnliches Kartenspiel.

Der Schritt von einer Vierheit zur Dreiheit kann auch mit einer Umwidmung der Alchemie von einer tatsächlich chemisch oder metallurgisch arbeitenden Disziplin zu einer rein geistigen zusammenhängen: Aus der Vier der Materie wird die Drei des Geistes. Das Magnum Opus  wurde nämlich schon immer auch als Anleitung und Allegorie für eine geistig-seelische Transformation in der Hermetischen Tradition verwendet.

Sir Isaac NewtonPhysiker, Mathemtiker - Alchemist - kein Widerspruch.quelle: wiki

Sir Isaac Newton
Physiker, Mathemtiker – Alchemist – kein Widerspruch.
quelle: wiki

So erhält die Alchemie schliesslich vor allem die Bedeutung eines Meditations- oder Seelenwegs in der abendländischen Mystik. Bei den Rosenkreuzern wird heute noch von geistiger oder spiritueller Alchemie gesprochen, die eine Vervollkommnung des eigenen Menschseins mit sich bringen soll. Gustav Meyrink (Satiriker und Mystiker) knüpft unter anderem an diese Tradition in seinen Werken an:

  • nigredo (putrefactio), Schwärzung (Fäulnis): Individuation, Reinigung, Entfernen von Unreinheit
  • albedo, Weißung: Vergeistigung, Erleuchtung;
  • rubedo, Rötung: Vereinigung des Menschen mit Gott, Vereinigung des Begrenzten mit dem Unbegrenzten.

Eine ähnliche Überlegung brachte den Begründer der Analytischen Psychologie, Carl Gustav Jung, ebenfalls zur Schlussfolgerung, dass eben jener oben beschriebene Schritt von der Quarternität zur Trinität mit inneren und psychischen Gründen zu erklären sei. Nicht experimentelle, chemische Prozesse würden im Großen Werk beschrieben, sondern unbewusste, innere Zusammenhänge in die Laborarbeit und die Bildwelten der Alchemie hineinprojiziert. Da wäre dann das transformatorische Experiment eine Art kontemplativer Zen-Weg des Westens, wie Bogenschiessen, Kalligraphie  oder Ikebana in Japan. Jung setzt diese Erkenntnis zu seiner Theorie der Individuation in Beziehung, wobei nun die Rubedo aus der ursprünglichen Vierheit die Persönlichkeit in ihrer Ganzheit erstehen lässt. Auch hier wird schliesslich eine Dreiheit geformt, weil Ego und Selbst verschmelzen. Es kommt als Ergebnis des Umwandlungs-Prozesses die wahre Natur des Individuums zum Vorschein. C.G. Jung und der Quantenphysiker Wolfgang Pauli waren die ersten, die sich über die Zusammenhänge zwischen Alchemie, Psychologie und Physik Gedanken gemacht haben. Sie verfolgten dabei die Idee, dass Materie und Bewusstsein (Psyche bzw. Geist) zwei verschiedene Erscheinungsformen ein und derselben zugrunde liegenden Realität sein könnten.

  • “Ascend above any height, descend further than any depth;
  • receive all sensory impressions of the created: water, fire, dryness and wetness.
  • Think that you are present everywhere: in the sea, on earth and in heaven;
  • think that you were never born and that you are still in the embryonic state:
  • young and old, dead and in the hereafter.
  • Understand everything at the same time: time, place, things: quality and quantity.”
  • (Corpus hermeticum, 1460).

Berühmte Alchemisten: Empedokles, Maria, die Alchemistin, Avicenna, Rhazes, Albertus Magnus, Nicolaus Flamel, Isaak Newton, Basilius Valentinus, Agrippa von Nettesheim, Johann Agricola, John Dee, Elias Ashmole, Robert Boyle, Christopher Wren

Bebilderte Werke:

Ein Nachtrag für Freimaurer: Die Alchemie basiert auf der Metallurgie und dem Bergwerkswesen. Ursprünglich hatte diese Aufgabe der Schmied der Gemeinschaft, er sammelte Erz an nur ihm bekannten Lagerstätten und erschmolz das Metall daraus. Später war er der Spezialist im Legieren der Bronze und dem Metallguss, neben seiner Tätigkeit als regelrechter Schmied. Warum ist das für Brüder interessant? Nun, der allseits bekannte Tubalkain war ein Schmied und auch Meister Hiram war ein kunstfertiger Giesser von Bronze und Eisen, zumindest laut biblischer Quelle. Kein Architekt, sondern ein Metall-Bildhauer, er fertigte Jachin und Boaz, sowie das eherne Meer und die Ritualgegenstände des Salomonischen Tempels. Also vom Schmied Tubalkain (etymologisch verwandt mit dem hinkenden Vulcanus) über den legendären Hiram führt ein Weg hin zum Alchemisten Elias Ashmole ?

  • Wer genaueres wissen will: Mircea Eliade: “The Forge and the crucible” von 1956  ist immer noch ein gutes Buch über dieser Thema.
  • Auch der Schamane der frühen Kulturen war ein Feuer-Künstler, der bereits um chemische Transformationen und Erzlagerstätten wusste.
  • Schmiede wurden im Mittelalter oft misstrauisch beäugt und galten als im Bund mit teuflischen Mächten.
  • Der Erschaffer der Himmelscheibe von Nebra war auch ein solcher Schmied-Schamane und wohl auch der Stammesführer, kein FÜRST – ich hasse diesen irreführenden Ausdruck! Fürst von Hochdorf, Fürstin von Vix etc … diese herausragenden Persönlichkeiten waren so wenig feudale Fürsten wie ein heutiges Clans-Oberhaupt im keltischen Schottland.

Ursprünglich stammt die Alchemie wohl aus dem antiken Ägypten, wie auch die Glasmacherkunst – die ebenfalls ein goldenens Geheimnis birgt: Das zu allen Zeiten begehrte blutrote Rubinglas entsteht nur durch Zusatz von Gold zur Schmelze – erst durch Zugabe des Edelmetalls als Goldpurpur rötet sich tatsächlich das Glas – eine echte Rubedo also. Die Ofenmeister der alten Glashütten wurden wie die Schmiede und Metallgiesser ebenfalls als eine Art Schamane oder Alchemist angesehen, da sie eine Transmutation der unscheinbaren Zutaten zu einem leuchtenden, das Licht einfangenden Ergebnis zustandebringen konnten. Auch sie hüteten die Rezepturen ihrer Zunft als eine Geheimwissenschaft. Das Rubinglas wurde tatsächlich von einem Alchemisten des 17 Jhd in Preussen erfunden, Johann Kunckel. Pikanterweise ist dies auch der Beginn der Nano-Technologie, da die Rubedo im Glas durch Gold-Nanopartikel, und erst beim finalen Temperprozess bewirkt wird. Vorher ist das Glas völlig klar durchsichtig, um sich dann bei der richtigen Temperatur blutrot zu färben – wie ein Akt der Magie. Von Getränken, die aus diesen Gläsern getrunken wurden, erhoffte man sich vielleicht auch eine lebensverlängernde Wirkung, ähnlich wie die des echten Lapis?

Selbst eine analoge Einteilung: Nigredo – Rubedo – Albedo existiert beim Glasmachen, nämlich bei der Prozessierung der früher aus Holz gewonnenen Pottasche. Auch diese gibt es ein drei Veredelungsstufen: Schwarze Rohform, ein rotes Zwischenprodukt und schliesslich der höchste Reinheitsgrad Albedo, nach der vorausgegengenen Calcinatio.

Nach der Meinung einiger Historiker könnte sogar das berüchtigte, noch nicht entschlüsselte Voynich-Manuskript einfach die Geheimnisse der venezianischen Glaskunst beherbergen. Als okkultes oder alchemistisches Schriftstück getarnt wären diese in einem Akt der Industriespionage ausser Landes gebracht worden, um der Todesstrafe für so einen Verrat zu entgehen.

Der schon erwähnte Horror-Krimi Vidoq spielt mit den Zusammenhängen zwischen Alchemie und Glasmacherei, besonders mit der von vielen Tabus belegten Spiegelherstellung. Diese liefert sogar den Haupthandlungsstrang und die Inspiration für den feurigen Showdown. Nur die Sache mit dem Jungfrauenblut – sensationalistischer Nonsens statt sauberer Recherche: Naja ein Horrorfilm eben. Da haben die Autoren wohl an Gräfin Bathory aus den Karpaten gedacht… die wolte ja auch durch Bäder im Blut junger Mädchen die ewige Jugend erlangen. So eine magische Spiegelmaske wie der böse Alchemist verwendete auch schon der schurkische Goa’uld Anubis aus Stargate SG-1, um seine Seele am richtigen Platz zu halten. Lustig, wer hat da wohl bei wem abgekupfert – Film und Serienstaffel kamen etwa zeitgleich (2001) heraus.

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Verwandlung der Materia prima durch den Lapis.

 

Posted by on August 10th, 2016 Kommentare deaktiviert