Archive for August 28th, 2016

 

Magisches Schwetzingen: Tempel des Mercurius

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Freie Sicht auf den Merkurtempel vom Moscheeteich.
©beast666 2015

Das ungewöhnlich aussehende Gebäude zu Ehren des Gottes Merkur, errichtet von Nicolas de Pigage, 1787-1792, stellt eigentlich einen Totentempel dar, der  einem römischen Kuppelgrab nachempfunden wurde. Um einen weiteren Bezug zur Unterwelt herzustellen,  wurde er auf einem auf der Rückseite felsigen Hügel errichtet, der den Eingang in eine Grotte öffnet. Künstliche Ruinen waren in den Parks des Rokokko durchaus en vogue, sie sollten eine Art romatische “Parallelwelt”, ein verschwundenes paradiesisches Arkadien , nach dem man sich zurücksehnen kann, versinnbildlichen. Bei Pigage ist die Ruine  als Symbol der Vergänglichkeit alles Irdischen zu verstehen, das eine Verbindung zur Rolle des Hermes/Merkur als Psychopompos, einem Seelenführer herstellt. In der Antike bschützten diese die Verstorbenen und geleiteten sie in die Unterwelt. Weitere Seelenfüher waren Hekate oder bei den Ägyptern der Schakalgott Anubis und der Schreiber der Götter, Toth.  Letzterer wurde in der ptolemaischen Zeit dann mit dem griechischen Hermes/Merkur gleichgesetzt.

Am Merkurtempel sind als Schmuckelemente mehrere steinerne Bildttafeln angebracht. Über den Zugängen zum Tempel stellen Reliefs zur Mythologie des erfinderischen Götterboten und Beschützers der Reisenden einige Schlüsselszenen aus seinem Leben nach:
Hermes/ Merkur hat den hundertäugigen Wächter Argos mit Hilfe der Musik eingeschläfert, um ihm Io in Gesatalt einer Kuh zu rauben.  Ein mit Bändern geschmückter Stierschädel als Symbol des Totenkults hängt am Tympanon eines Fensters. Hermes war der einzige Olympier, der beliebig in den Hades abtauchen und diesen auch wieder unversehrt verlassen konnte. Er stellt ein daher wesentliches Element des Demeter-Mythos und damit der eleusinischen Mysterien dar: Als Unterhändler (er war auch für Verträge zuständig) brachte er den Kompromiss zustande, welcher die ob des Raubes ihrer Tochter erzürnte Göttin Demeter zum Einlenken veranlasste. Dieser Reise-Aspekt und seine Nähe zum Naturgott Pan (seinem Sohn) lassen vermuten, dass in dem umtriebigen Götterboten noch ein gutes Stück Urschamane steckt. Auch sein typischer Reisehut und gerade die Fähgkeit zum Unterhandeln, und nicht zuletzt auch sein Bezug zur Heilkunst – der Hermesstab Caduceus ist auch ein Symbol des Heilgottes Apollon und desssen Sohnes Äskulap – tragen zu diesem Bild bei.

Nahansicht der künstlichen Ruine. Szenen aus dem Leben des Merkur zieren die Portale. ©beast666 2014

Nahansicht der künstlichen Ruine. Szenen aus dem Leben
des Merkur zieren die Portale und Fenster. ©beast666 2014

Der Merkurtempel liegt auf einr Anhöhe gegenüber der Moschee und ist in Gänze nur über die Wasserfläche des davor liegenden Teiches hinweg zu sehen, in dem er sich spiegelt. Nähert sich der Besucher auf dem Landweg, verbirgt er sich dem Blick. Das Gebäude hat insgesamt eine unwirkliche, leicht unheimliche Anmutung, ein Effekt, der in Vollmondnächten bestimmt noch stärker zum Tragen kommt. Der Ruineneindruck ist auch aus der Nähe sehr realistisch: Risse durchziehen sichtbar das Mauerwerk und ein Teil der Kuppel fehlt. Doch verborgene Verankerungen bieten Halt, eine geniale Konstruktion des 18. Jahrhunderts. Nach der aufwendigen Restaurierung ist es auch wieder möglich über eine enge Wendeltreppe ins Innere der Kuppel zu gelangen. Hier eröffnet sich ein wunderschöner Ausblick über den Park.

Geheimsivoller Merkurtempel bei Vollmond.Verbirgt er das Wissen der Antike?

Geheimnisvoller Merkurtempel bei Vollmond.
Liegt in seiner Grotte das Portal zur Unterwelt?

Als Hermes Trismegistos, einem Beinamen, den er in der Spätantike erhielt,  steht Merkur auch für die Alchemie und die Wissenschaften, besonders für die okkulten Lehren der antiken Mysterien, auf die von den Geheimgesellschaften des 18. Jhd. wieder zurückgegriffen wurde. Sowohl Rosenkreuzer als auch Freimaurer beziehen einen grossen Teil ihrer Symbolik aus der Hermetik, manche Brüder der ersten Stunde, wie Elias Ashmole oder Sir Christopher Wren in Grossbritannien, waren bekennende Alchemisten.

Fotos: © beast666 2015

 

Posted by on August 28th, 2016 Kommentare deaktiviert