Sonne in der Jungfrau – nicht nur sauber, sondern rein

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Ob Asträa – oder himmlische Bibliothekarin – Jungfrau Sonne nimmt es ganz genau.
Virgo ©scrano 2016 all credits: original

Jungfrau, lat. virgo, ist, als femininum zu vir (= Mann, der Kräftige, sich auf etwas zu Bewegende), “die kräftig und geradlinig etwas Verfolgende”.

Wo dieser Archetyp in Märchen, Mythos und Sage auftritt (oder auch in romantischer Dichtkunst) ist er Symbol  nicht entstellter Unmittelbarkeit, erfüllt von Klarheit, Wahrheit und frei von Verwirrung und Täuschung.  Daher ist die Jungfrau häufig leichtgeschürzt oder gar nackt dargestellt. Am Sternenhimmel verkörpert sie Asträa, natürliche Ordnung und Unparteilichkeit. Als Symbol der Freiheit trägt sie die Fackel voran und ist auch mutige Retterin und Führerin aus tiefer Not (Lady Liberty, Jungfrau v. Orléans, Dantes Beatrice). Als Sakraltypus ist sie ein Aspekt der primordialen  Magna Mater , die weibl. und männl. Potenz in sich vereint, aus sich selbst zeugt und in sich entfaltet (“parthenogenetisch” – von gr. parthenos = Jungfrau), und ohne gleichrangigen männlichen Gegenpart auskommt. In der griechischen Antike war dies die orphische Eurynome, eine Schöpfungsgottheit, mit der ozeanischen ungezähmten Kraft der Mondin verbunden, welche später auf den nun männlichenPoseidon/Neptun übertragen wurde. Nur Artemis bleibt noch als noch freie, unabhängige (nicht an Mann oder Familie gebunden) Jägerin unter dem monderhellten Nachthimmel. Die Göttin als Neumondsichel symbolisiert die jungfräuliche Form der Grossen Mutter”, die sich mit jedem lunaren aber auch solaren Zyklus wieder erneuert. Wie Brigid zu Imbolc oder Aphrodite, die ihre physische Jungfräulichkeit jeweils durch ein Bad wiederherstellt. Die rüstungtragende Pallas Athene verkörpert Klugheit, Erfindergeist, den inspirierenden Aspekt der jungfräulichen Göttin. Allerdings ist sie schon patriarchalisch vorbesetzt. Zeus hat sie sich buchstäblich AUSgedacht. In mehr egalitären Gesellschaften, wie bei den Kelten war der Verstandesanteil der Göttin keine männlich überformte Angelegenheit, Brigid, ein echtes Vollweib, stand für die wiederkehrende Fruchtbarkeit im Frühling, daneben inspirierte sie Barden, Künstler und Denker aller Art. Ausserdem war sie noch für Vieh, Schmiede, Kriegshandwerk und Feuer zuständig, letzteres wie die ebenfalls jungfräulichen Vestalinnen. Diese Frauen hatten einerseits grosse Macht, das Schickal des Imperiums hing vom Feuer der Göttin Vesta ab, waren aber der eisernen Kontrolle durch die patriarchalische römische Priesterschaft unterworfen: Ihre Keuschheit wurde strikt überwacht, auf Übertretung stand der Tod durch lebendiges Begraben als Sühneopfer. Dabei behauptet man immer, die Römer praktizierten keine Menschenopfer.
Auch bei Naturvölkern und im Volksglauben sind Jungfrauen zum Gelingen vieler Rituale nötig, sei es Saat oder Ernte, Neubeginn oder Beschwichtigung der Numina nach Regelverstößen. Auch hier wird die Jungfrau als Archetypus der natürlichen Ordnung, der Wiederfindung von Ordnung und Befreiung von der Verirrung sichtbar. Nicht zuletzt kann nur sie das wilde weisse Einhorn fangen, Symbol der Reinheit und der Wahrheit, weil es nämlich freiwillig zu ihr kommt.

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Jungfrau mit Kornähre der Demeter

In der sumerischen Mythologie wurde das Sternbild Jungfrau auch mit Inanna aus dem Gilgamesch-Epos in Verbindung gebracht. Die kriegerische Fruchtbarkeitsgöttin schickte den Himmelsstier auf die Erde, um Gilgamesch und Enkidu zu bestrafen. Als astronomischer Vorgang fand dieser Mythos am Himmel ihr Gegenstück. Mit dem heliakischen Aufgang des Sternbilds Jungfrau ging das Sternbild Stier unter; im mythologischen Kontext folgte dem Aufstieg von Inanna das Herabkommen des Stiers auf die Erde, der die Rolle des Regenbringers und des Pflug-Ochsen übernahm.

Die Jungfrau in der Astrologie regiert das 6. Zeichen und Haus des Tierkreises und hat die Aufgabe die schöpferische Gestaltung und Selbstwerdung des 5. Hauses und des Löwen in etwas Fassbares für die alltäglichen Bedürfnisse zu umzusetzen. Ihre Bildsymbolik gleicht der mit dem Sternbild Virgo gleichesetzten Asträa, Sternenjungfrau und Verkörperung der Gerechtigkeit, der Vernunft aber auch der Ackergöttin Demeter. Die Inspiration muss mit der pragmatischen Vernunft gekoppelt werden um etwas Nützliches zustandezubringen. Eine Vision ohne Umsetzung ist eine Halluzination pflegte Edison zu sagen. Hier ist das erdhafte 6. Haus eindeutiger Gegenpol des Neptunischen Traumes im 12. Haus der Fische. Die Idee muss sich an der Realität messen lassen. Es herrscht das Bedürfnis nach Erkenntnis des Wesentlichen und Wesensgemässen, die Sinnfindung erfolgt durch  Arbeit und Dienen am unmittelbar Gegenwärtigen. In der Aufgliederung von Materie und Wertung der Funktionalität der Bestandteile für ein ordnungsgemässes Zusammenspiel, wie bei einem Uhrwerk, liegen die schöpferischen Gestaltungsmöglichkeiten. Im Zeichen Jungfrau findet sich die Fähigkeit, mit Mängeln und Niederlagen umzugehen, sie kritisch zu analysieren, entsprechend der Faktenlage zu korrigieren. Es geht um Kategorisierung, Systematik, Sorgfalt und Achtsamkeit, Kultur, aber auch Kult der scheinbar banalen Welt der täglichen Verrichtungen, Verankerung des Geistigen in der Wirklichkeit, der dinglichen Welt, im Körperlichen. Daher sind hier auch die Belange der Gesundheit, vor allem aber Hygiene und Ernährung angesiedelt, aber auch die Psychoanalyse und alle empirischen Wissenschaften, weil diese mit Statistik arbeiten. Diese Disziplin der Mathematik ist aber die Lieblingsspielwiese der Jungfrau. Der Zeichenherrscher Merkur ist ebenfalls ein Herr der Skalen, des Messens, aber er dient auch der Vermittlung und Verbindung zwischen den inneren und äusseren Prozessen der Welt, sei es Mikro- oder Makrokosmos. In der Alchemie ist Mercurius /Quecksilber ein Löse- und Bindemittel zugleich: Er löst Metalle auf und bildet Amalgame mit dem edlen Gold. Solve et coagula - Löse und binde erneut, nach Scheidung der unedlen Bestandteile. Medizinisch sind der Jungfrau der Dünndarm und die Verdauungsenzyme zugeordnet, diese schliessen die Nahrung in ihre verwertbaren Bestandteile auf. Unbrauchbares wird abgetrennt. Im Verdauungssystem befinden sich auch viele Nervenzellen, die mit dem Hirn des Menschen über den Vagusnerv verbunden sind, eine Art Zweithirn, dass die Begegnung der Innen- mit der Aussenwelt regelt, tatsächlich, und  im wörtlichen Sinn. Im Darm sitzt schliesslich auch der Hauptteil des Immunsystems aus Myriaden dienstbarer Geister, der Darmflora: Hier wird unterschieden was gefährlich ist, oder nützlich.

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Albedo, Weissung, Reinheit : Eine Stufe des alchemistischen Transformationsprozesses

Zu den Bereichen der Jungfrau und des 6. Hauses zählen auch Haustiere, besonders Katzen, die ansonsten eher mondenhaft sind. Besonders die liebevolle Fürsorge für kleinere Tiere ist in diesem Zeichen beheimatet. Da in der Jungfrau, wie in den Zwillingen, der Merkur herrscht, ist sie ebenfalls ein Zeichen der Hände:  Hier finden wir oft ausgeprägte  handwerkliche Geschicklichkeit mit viel Liebe zum Detail, wogegen bei den Zwillingen eher die Kommunikation (Gestik) oder das Schreiben das wesentliche Element darstellt. Durch ihre Verbindung zur Alchemie regiert sie auch die Spagyrik und die daraus abgeleitete Pharmazie.

Im Tarot wird die Jungfrau durch Temperantia (Mässigung, vormals Prudentia: Man denke an das Gleichnis der klugen Jungfrauen) verkörpert. Ihre Namensgeberin, das Sternbild Virgo findet man aber auch auf der Karte 8, “Die Ausgleichung, oder Gerechtigkeit” in Form der bekrönten Asträa mit dem Schwert wieder. Diese Trumpf-Karten, Nr. 8 und Nr. 14, sowie die zum Zwillings-Merkur zugehörige Nr. 6, “Die Liebenden” gelten als Darstellung von Vernunfts- und Erkenntnisprozessen, letztlich geht es hier um Entscheidungen. Der Eremit als weitere Jungfrau-Karte zeigt uns den Aspekt der Innenschau und Selbstkritik.

Der Schatten des Jungfrau-Archetypus liegt in Unzufriedenheit mit dem Gegebenen, Detailverlorenheit, Pedanterie, Kleben am Gewohnten und an Formalismen, dazu kommen Schüchternheit und Hypochondrie, was sie mit ihrem neptunischen Gegenpol gemeinsam hat aber auch Phobien, obsessives Verhalten und Angst-Zwangs-Störungen.

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Virgo als geflügelte Asträa, aber mit der Ähre der Demeter.

Das Sternbild Virgo in der Astronomie:

Die Jungfrau wird meist als geflügeltes Mädchen dargestellt, das einen Bündel Ähren in der Hand hält. In einer Ähre leuchtet Spica, der Hauptstern der Jungfrau. Dieser Stern ist etwa 280 Lichtjahre von uns entfernt und leuchtet 2300 mal stärker als unsere Sonne. Spica symbolisiert als Getreideähre den Frühling, in dem die Natur wieder auflebt und alles grünt und blüht. Er signalisiert die Zeit der Aussat, welche im Herbst die Ernte verspricht. Das Sternbild Jungfrau gehört als einziges weibliches zu den 12 Tierkreiszeichen. Nahe an Spica vorbei verläuft die Ekliptik mit den Sterbildern des Zodiak.  Auch die Sonne hält sich jedes Jahr im Herbst einige Zeit in der Jungfrau auf. Obwohl Virgo als sehr großes Sternbild des Frühlings am Himmel steht, kann man die Konstellation aber leider nicht gut erkennen. Ihre Sterne leuchten nur schwach, hier ähnelt sie den Fischen, ihrem Gegenpol auf der “Achse des Dienens” im Zodiak. Auffällig ist lediglich Alpha Virginis, die Kornähre Spica. Da unser Erdtrabant ebenfalls die Bahn der Ekliptik durchwandert, kann man die Lage von in der Nähe liegenden Sternbildern ebenfalls durch den jeweiligen Mondstand ermitteln. Günstig ist dafür natürlich die Phase des Neumonds, mit einer nur schmalen Sichel.
Trotz ihrer Bescheidenheit hat die Jungfrau für Astronomen durchhaus etwas zu bieten: In diesem Sternbild findet man mit einem Teleskop viele Galaxien. Sie bilden einen großen Galaxienhaufen, der auch Virgohaufen genannt wird und vermutlich aus 3000 Galaxien besteht, die etwa 70 Millionen Lichtjahre von uns entfernt sind. Etwa 250 seiner Mitglieder können mit einem mittleren Teleskop ab 15 cm Öffnung beobachtet werden. 11 der Galaxien nahm der französische Astronom Charles Messier in seinen Katalog nebliger Objekte auf, darunter die äuffällige elliptische Galaxie M87. Bei dieser schiesst ein extrem heller Materie-Jet aus dem Zentrum weit in den Weltraum hinaus.

Korrespondenzen zur Jungfrau:

Positive Eigenschaftengraphics-zodiac-signs-737857

  • lernbegierig
  • schnelle Auffassung (Merkur)
  • analytisch
  • grosser Wissenshorizont (Leseratte Hermione aus Harry Potter)
  • nüchtern
  • pragmatisch
  • zuverlässig
  • beschützend  (Tierschutz, Naturschutz)
  • sicherheitsorientiert
  • handwerklich begabt, besonders mit Holz oder Uhren
  • ordentlich
  • bescheiden
  • geduldig
  • vorsichtig

Negative Eigenschaften

  • eigenbrötlerisch
  • konservativ
  • unnahbar
  • nörglerisch
  • unfrieden (mit sich selbst)
  • perfektionistisch
  • schüchtern
  • stets besorgt
  • pessimistisch
  • pedantisch
  • hypochondrisch

Die Jungfrau gehört zum 6. Haus des Zodiak, hier herrscht Merkur in seinem Nachthaus..

  • Element: Erde, mutabel, Yin
  • Farbe: ocker, beige, gelb, blaugrau, gelbgrün
  • Kristalle: Turmalin, Jade, Peridot
  • TarotMässigung, Gerechtigkeit, Eremit
  • Domizil: Merkur,
  • Exil: Neptun, Jupiter
  • erhöht: Mars (Pluto)
  • Fall: Stier-Venus (Pandemos)
  • Pflanzen: Alle Merkur- und Erdpflanzen, vor allem Gräser, Getreide, Doldenblütler.
  • Duft: Lavendel
  • Götter-Mythen: Merkur/Hermes, Hephaistos, Prometheus, Chiron, Lugh, Loki
  • Göttinnen-Mythen: Innana, Demeter – Persephone, Hekate, Vesta/Hestia, Brigid, Asträa – Dike, Athena Parthenos, Artemis/Diana und Teilaspekte von Aphrodite/Venus(Urania)

Als Nebenherrscher der Jungfrau werden auch der Zwergplanet Vesta und der Irrläufer Chiron, einer der Kentauren diskutiert.

Diese Zuordnung basiert auf deren jeweiliger Mythologie:

  • Der Zentaur Chiron war ein berühmter Heiler und lebte bescheiden im Hintergrund, fast wie ein Eremit.
  • Der ursprünglich vorgeschlagene Hephaistos als eigentlicher Zeichenherrscher kann durchaus als erdhaftes “Alter Ego” des geflügelten Merkur in seinem Nachthaus betrachtet werden. Der umtriebige Merkur hat ja ein ganzes Spektrum an Identitäten.
  • Wie Hephaistos hat Vesta eine Verbindung zum Feuer und ist ausserdem eine (alte) Jungfer. Vesta oder Hestia wirkt zusammen mit Merkur beim Schutz des Heims, sie werden als Hausgötter-Paar verehrt
  • Der hypothetische Planet Hephaistos/Vulkan ist mittlerweile wohl aus der Diskussion.
  • Die meisten dieser Mythen thematisieren auch das Feuer: Hephaistos, Vesta, Prometheus, Libertas, auch Demeter trägt eine Fackel, ebenso Hekate (plutonischer Anteil von Asträa). Hier steht es für das gezähmte Herdfeuer, Schmiedefeuer und Licht der Vernunft. Feuer ist auch ein Mittel der Reinigung und Befreiung, im physischen und spirituellen Sinn. Besonders deutlich wird diese Verbindung bei der keltischen jungfräulichen Frühlingsgöttin Brigid.

***Lesetip:

  • Alice Bailey: “Die 12 Arbeiten des Herkules” aus astrologischer Sicht. Ist zwar etwas theosophisch, aber das kann man getrost ignorieren.
  • Johann Wolfgang Denzinger: “Die 12 Aufgaben des Herkules im Tierkreis”

 

 

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This entry was posted on Montag, August 22nd, 2016 at 01:49 and is filed under Astrologie, Astronomie, Chiron, Freimaurer Ecke, Galerie, Geschichte, Katzen, Merkur, Signaturen. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Both comments and pings are currently closed.

 
 

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