Archive for September 13th, 2016

 

Wilde Weiber: Schleier der Tanit

Mondin in mysteriöser Pracht …Schleier der Tanit ©scrano 2014

Mondin in mysteriöser Pracht …
Schleier der Tanit ©scrano 2014

Die Mond- und Fruchtbarkeitsgöttin Tanit wurde bis zum Untergang der phönizischen Kultur verehrt. Als Dea Caelestis lunare ist sie auf  Votivstelen abgebildet, die man überall im ehemaligen Einflussbereich des karthagischen Reiches findet, am häufigsten aber auf Malta. In der Hauptstadt Karthago selbst ist bis jetzt nur ein archäologisches Zeugnis überliefert, eine Stele, bei der Merkur zusammen mit dem Thron der Tanit abgebildet ist.  Ihr Symbol ist ein Dreieck mit einem Querbalken und einem Kreis. Die Römer setzten sie mit Ops und Nutrix, der Nährerin des Saturnus (als Erntegott), gleich, die Griechen mit der Jagd- und Fruchtbarkeitsgöttin Artemis, ebenfalls einer Mondgöttin. Sie gilt als Jungfrau, aber auch als Mutter des Baal, die den Gott jeden Frühling wiedererweckt. Ein Indiz für einen lunisolaren Kult, wie er ursprünglich bei bäuerlichen Zivilisationen üblich war. Tanit ist wahrscheinlich eine Überformung der älteren Ishtar/Astarte aus Mesopotamien, die auch eine jungfräuliche Ackerbaugöttin war. Ein anderer Einfluss könnte Anat aus Ugarit gewesen sein, die ebenfalls kriegerische Züge hatte. Tanit wird auch mit Löwinnen assoziert, die ein typisches Attribut der Inanna/Ishtar/Astarte und anderer “Grossen Mütter” waren: Hathor/Sechmet oder die Magna Mater aus Catal Hüyük. Auf Malta, das seit dem Neolithikum ein Zentrum der Verehrung einer universellen All-Mutter war, hielt sich der Kult der Tanit am längsten.

Tanit-Stele von einem sogenannten Tophet.

Tanit-Stele von einem sogenannten Tophet.
Quelle: wiki

Tanit-Symbole befinden sich oft auf Urnen-Friedhöfen mit den Überresten von Kleinkindern. Dies wurde früher als Indiz für das von den Römern angeprangerte Knabenopfer an den Gott Moloch gewertet. Heute weiss man, dass es keinen Moloch (eigentlich melek=König) gegeben hat, und dass es wahrscheinlich keine Menschenopfer-Überreste sind, die auf einem Tophet beerdigt wurden. Die moderne Forensik zeigt, dass es sich bei den Kinder-Urnen um Mädchen und Knaben handelt, sowie die Tatsache, dass viele Totgeburten und Föten, oder Kleinstkinder unter den Bestatteten sind. Die Kindersterblichkeit in der Antike war sehr hoch.  Baal Hammon, der vermeintliche Moloch ist eher mit dem “Goldenen Kalb” gleichzusetzen oder dem Apis-Stier, er ist ein erdhafter Frühlingsgott. Vermutlich sollten die verstorbenen Kinder in die Hände des Götterpaares Tanit/Baal zurückgegeben werden, da diese auch die menschliche Fruchtbarkeit regierten. Auf Friedhöfen mit den Gräbern von Erwachsenen finden sich nämlich keinerlei Beisetzungen von Kindern.

Der heilige Zaimph (juwelenebesetztes Sternenkleid) der Tanit als Schutztotem des punischen Reiches spielt im Historienroman “Salammbo” von Gustave Flaubert eine zentrale Rolle. Hier hat Flaubert wohl einen Haken zur Isis von Sais geschlagen, die ebenfalls hinter einem Schleier vorborgen war, wohl weil auch Tanit als Urmutter des Kosmos angesehen wurde. Ein sternenbesetztes Himmelskleid haben viele Mondgöttinnen, es symbolisiert die sternenklare Nacht bei Neumond (Schwarzmond). Hekate ist ebenfalls ein Beispiel, auch die sumerische Inanna, die auch Venus/Mars(Pluto) und Mondaspekte in sich trägt. Die alten Griechen vereinten alle diese Varianten im Sternbild Virgo, das für sie Asträa, die sogenannte Sternenjungfrau darstellt. Der jungfräuliche Aspekt der antiken Fruchtbarkeitsgöttinen war einerseits ein Ausdruck ihrer Verbindung mit dem Mond und seinen Phasen. Gleichzeitig sind aber im Symbol der Jungfrau männlich (vir=Mars) und weiblich (gyne=Venus) vereint, der letzte Abglanz einer weiblichen Schöpfergottheit, die den Kosmos aus sich heraus (parthenogenetisch) gebiert. Die Jungfrau ist unabhängig und frei, daher rührt ihre sogenannte “Reinheit”, die weniger der Keuschheit, sondern eher einer Unparteilichkeit und vollkommenen Wahrhaftigkeit geschuldet ist. Die schon erwähnte, scheinbar paradoxe kriegerische Seite dieser Himmelsköniginnen, ein weiter Titel, mit dem auch Tanit angerufen wurde, hat hier ebenfalls ihre Wurzeln. Die Jungfrau in Waffen (und Männerkleidung) als Retterin in der Not ist ein Archetyp, der bis zu Jeanne von Orleans reicht.***

„Ich bin alles, was ist, was gewesen ist und was sein wird. Kein sterblicher Mensch hat meinen Schleier aufgehoben.“
Friedrich Schiller, Vom Erhabenen (1793)

Von der historischen Göttin Tanit ist kein heiliger Mantel oder ein ähnliches Textil überliefert, auch kein zentrales Heiligtum in der Stadt Karthago. Da hat Flaubert vielleicht hier noch eine zweite Quelle gefunden: Eine weitere “schleierhafte” Geschichte ist die biblische Erzählung von Salome (Inspiration für die fikitive Salambo?), Tochter der Herodias, die das Haupt von Johannes dem Täufer als Gegenleistung für ihren Striptease (Tanz der sieben Schleier) verlangt. Das verhüllende Gewebe ist auch wiederum ein Synonym für Jungfräulichkeit, ein Symbol für das Hymen. Weltweit tragen Bräute Schleier, zumindest bei den Völkern, die aus dem eurasischen Raum stammen, dieses einstige Zeichen eines weiblichen Mysteriums wurde in den patriarchalischen Gesellschaften zum Ausdruck des Marktwerts eines Mädchens pervertiert. Den Gipfel dieser Demütigung stellt die Vollvermummung durch Burka, Niqab oder Tschador dar: Ein Gefängnis aus Stoff, bei der Burka gibt es gleich auch Fenstergitter mitgeliefert. Obwohl der Koran an sich nicht so frauenfeindlich daherkommt, wie man vielleicht vermuten würde. Aber wie beim Christentum wurde sehr viel lokale Tradition der Nachfolgenerationen einfach zum religiösen Dogma erklärt. Bei allen Buchreligionen bildeten sich im Verlauf ihrer Entsteheung schnell Gruppierungen, deren Anführer meistens gegenseitig in erbitterter Feindschaft zueinander standen, und daher die Schriften auch zu ihrem eigenen Nutzen auslegten. Hier liegen nicht nur Schleier sondern ganze Filzteppiche, das kann man den etablierten Religionen generell vorwerfen.

All die historischen und religiösen Gewebe, die auch Tabus darstellen,  zu lüften, daran hat sich am Ende des 19. Jhd. die Okkultistin und Spritualistin (Medium) Helena Blavatsky versucht. Ihr Erstlingswerk heisst demzufolge auch: “Die entschleierte Isis”. Dem folgten noch mehrere Abhandlungen, z.B. “The Secret Doctrine”, die dann den Kern ihrer neuen religiösen Philosophie bildeten, die sie Theosophie nannte (Weisheit vom Göttlichen). Wie im synkretischen Hermetismus wird hier auch eine Brückenschlag zwischen Okkzident und Orient versucht, gleichzeitig auch eine neue Kosmologie entwickelt. H.P.Blavatsky ist in ihren Schlussfolgerungen allerdings zu sehr im Zeitgeist verhaftet, während die hermetische Lehre über Jahrhunderte viele transformatorische Stufen durchlaufen hat, und am Ende, vor allem durch den starken Einfluss der griechischen Philosophie, daraus ein eher allgemeingültiges naturphilosophisches Konzept entanden ist.

Hpb

H.P.Blavatsky ca. 1880.
quelle: wiki

Schillernde Persönlichkeit mit vielen Facetten und Widersprüchlichkeiten: Gründerin der Theosophischen Gesellschaft und von Neu-Esoterikern gerne (falsch) zitiert.  Ihre Radix werde ich noch besprechen: Sonne Löwe, Mond Waage, ASC Krebs, mit dominantem Neptun und Pluto-Thema.

***mehr zur Etymolgie “Virgo” im Zusammenhang mit den Sternzeichen: Der Wortstamm hat wohl auch etwas mit “messen”, “zählen” und “einschätzen” zu tun. Wenn man an die Detailverliebtheit und den Hang zu Perfektion der von Jungfrau-Merkmalen geprägten Menschen (und Tiere, meine Katze hat einen Jungfraumond … ) denkt, wohl keine falsche Auslegung. “Stab”, “Ranke” – eine weitere Deutung – allen gemeinsam ist auch eine Zuordnung zum Merkur, dem planetaren Herrscher des Zeichens. Besonders das hermaphroditische Element der Jungfrau als archaisches Symbol wird durch den Gott der Reisenden und Schamanen abgedeckt: Wie in seinem Attribut, dem schlangenumrankten Hermesstab “Caduceus”, werden die Gegensätze vereint. Der Merkur in der Jungfrau, weniger der in den Zwillingen, steht auch für die Prozesse in der Alchemie, chemisch wie spirituell.

Posted by on September 13th, 2016 Kommentare deaktiviert