Archive for Oktober 9th, 2016

 

Nomen est Omen: Namen und Mythologie der Planeten

Peter Paul Rubens: Die Entstehung der MIlchstrasse aus dem Herklas-Mythos. 1637.

Peter Paul Rubens: Die Entstehung der MIlchstrasse aus dem Herakles-Mythos. 1637.

Sonne: Apollon, Strahlemann, Schöngeist, Herr der Musik, andererseits verschiesst er brennende Pfeile, die Krankheit bringen : Die Sonne tönt tatsächlich, die riesigen Granulen, das sind Konvektionszellen an der Sonnenoberfläche, geben Schallwellen von sich. Ein Sonnengesang oder Gebrüll: Wie ein Löwe, auch ein Sonnensymbol. Das brachte auch schon Goethe zu Papier:

 

Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.
 Faust I, Prolog im Himmel.

Die Giftpfeile Apollons: Sonnenwind, der aus gefährlichen ionisierten Partikeln besteht. Gut, dass wir die “van Allen Gürtel” unseres schützenden Magnetfelds haben. Wie das zugeordnete Metall Gold, so glänzt auch der Sonnenschein. Kosmisches Vaterprinzip der Orphiker: Phanes, der hell Scheinende. Neun Musen begleiten den Apollon, wie vor der Degradierung Plutos neun Planeten das Zentralgestirn im modernen Sonnensystem.

Merkur: Götterbote von Jupiter, kleiner Bruder von Apollon, mit diesem stark verbunden: Der kleine Merkur ist wirklich flink, der schnellste der Planeten, wegen seiner engen Bahn um die Sonne. Er vespürt tatsächlich viel von der Sonnennähe, die starke Gravitation der Sonne führt sogar schon zu relativistischen Stör-Effekten seiner Bahnbewegung –> siehe Perihelrosette. Auf seiner heissen Oberfläche könnten Metalle wie Zinn oder Blei flüssig sein, das sähe dann aus wie Pfützen von Quecksilber, welches ihm von der Alchemie zugeordnet wird. Sein Bahnabstand variiert wegen der starken Exzentrizität heftig. Der kleine Merkur ist von der Schwerkraft all der anderen Planeten des Sonnensystems stark beeinflusst, seine Bahn weisst deshalb eine so genannte Periheldrehung auf. In gewisser Weise ist er überall zu Hause und kennt alle anderen grösseren Planeten, ein echter Götterbote also. Auch schon deshalb, weil gerade der Einfluss des Jupiter auf den Merkur besonders gross ist. Ihre “Beziehung” ist die Stärkste. Umlauf 85 Tage.

Venus: die glänzend Schöne: Die hohe Albedo der Wolkenschicht lässt sie wie einen Spiegel glänzen, sie hat Launen (Phasen), wie der Mond. Ihre Atmosphäre enthält Schwefelsäure, da könnte es zusammen mit Kupfervorkommen (Metall der Venus) in ihren Gesteinen wunderbar bunte Erze geben, Malachit etwa oder Kupfervitriol, beide kräftig grün, eine Farbe der Venus. Vielleicht ist sie ja schön bunt, aber giftig, diese Madame Venus, und mit einer eher höllisch zu bezeichnenden Oberfläche ausgestattet. Ein blondes Gift …. ! Sie hatte immer schon eine etwas unerfreuliche, kriegerische Seite, unsere Liebesgöttin: zB. Ishtar, Hathor, Inanna. Die Rotationsgeschwindigkeit  der Venus ist extrem langsam (Trägheit, nur keine Anstrengung!) entgegen dem üblichen Drehsinn -> eine Verbindung mit Uranus, dem sie in der Mythologie als ihrem Erzeuger auch verbunden ist. Umlauf 224 Tage.

Der Mond: Frau Luna, ein Aspekt der “Grossen Mutter” (mit der Erde), Herrin der Gezeiten und Gewässer. Bei den Orphikern wurde Eurynome, eine Mond-und Meeresgöttin als Erschafferin der Welt gesehen. Die Mondin hat den am deutlichsten sichtbaren Einfluss auf das Erdgeschehen, mit ihren Luna-Launen (Phasen) welche die Lebenszyklen auf der Erde mitbeeinflussen. Spenderin des Lebens: In den Gezeitenpools der Ur-Erde entstand das Leben, nicht nur in den schwarzen Rauchern am Ozeanboden. Ohne Mond ginge gar nichts: Erst aus der Theia-Katastrophe (Kollision der Erde mit einem marsgrossen Objekt) entstand das Mond-Erde Gespann, das sich seither unermüdlich umrundet. Durch die Periodenkopplung der Eigenrotation wird ein stabilisierender Effekt auf unsere Erdachse erzeugt, wodurch ein stärkeres Taumeln verhindert wird. Stabile Klimazonen und eine vernünftige Tageslänge sind die Folge, auch wegen der Gezeitenreibung durch den Mond. Ausserdem fängt Frau Luna viele Asteroiden-Geschosse ab, die sonst unsere Erde erreichen würden. Wie eine richtige Mutti eben. Wegen des sanften Scheins ihrer Oberfläche hat man ihr das Silber zugeordnet. Astrologisch stehen Venus und Erde für den Körper-Aspekt, Luna/Selene für den Seelenaspekt der “Grossen Mutter”. Da sie den Nachthimmel erleuchtet, regiert sie die auch die Jagd und die Tierwelt, wie Artemis/Diana. Der dunkle Mond wird als Unterweltsaspekt der grossen Mutter gesehen und ähnelt ein bisschen Pluto oder Hekate.

Mars: Der rote Planet, schon mit blossem Auge ist seine Blut-Farbe sichtbar, daher dem Krieg aber auch der Lebenskraft zugeordnet, Das rote Gestein hat einen hohen Anteil an Eisen, dem alchemistischen Metall des Mars. Er hat zwei Begleiter, wie der mythologische Mars/Ares: Bei den Griechen hiessen sie Phobos und Daimos, Furcht und Schrecken. Bei den Römern: Honos et Virtus, Ehre und Tugend. Die unangenehmere Variante hat sich beim Namen der Marsmonde durchgesetzt. Die beiden Trabanten kannten die Alten auch noch nicht, trotzdem schufen sie eine dieser interessanten Parallelen. Umlauf 2 Jahre.

„Solar system“. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons

„Solar system“. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons

Jupiter: Der Planetenkönig – wie Zeus seinen Olymp regiert der Gasgigant  jede Menge Monde, darunter vier sehr grosse, fast merkurgrosse Himmelskörper, benannt nach Mitwirkenden seiner amourösen Abenteuer: Io, Europa,Kallisto und Ganymed (sein Mundschenk und Geliebter, entführt mittels “Adler-Airline”). Er ist ein Wohltäter für uns, da er die grösste Menge aller Geschosse, die uns treffen könnte, Kometen, Asteroiden etc. einfach mit seiner enormen Schwerkraft aufsaugt. Zeus galt als grosszügiger Beschützer der Menschen und Bewahrer von ethischen Normen, Recht und Gesetz. Die Monde wurden erst durch Galilei entdeckt. Jupiters Metall ist das Zinn, Symbol der bronzezeitlichen Zivilisation (Kupfer und Zinn=Bronze) und der zunehmenden Urbanisierung. Umlauf 12 Jahre.

hexasonne by scrano

Alchemie: Planten des klassischen Sonnensystems

Saturn: Der Titanenherrscher – auch ein König, wie Jupiter. Er ist auch ein Gasplanet und hat ein scharf definiertes Ringsystem, wie Grenzlinien umgeben sie ihn diese Hula-Hoop Reifen aus Eispartikeln und kleinen Gesteinsbrocken. Auch er regiert ein kleines eigenes Reich mit 9 grösseren Monden. Der Herr der Grenzen, Barrieren und Hürden. Der Ordner und Bewahrer. Seine Ringe weisen ein enormes Mass an Struktur auf, bis zum kleinsten Staub-Partikel. Seinen Nordpol ziert ein regelmässiges Gaswirbel-Hexagon, das erst durch die Vorbeiflüge von Voyager und Cassini entdeckt wurde. Bisher ist nicht geklärt, wieso es stabil bleibt, anders als beim “Roten Fleck” des Jupiter, einem Mega-Hurrikan aus Methan und Ammoniak. Es gelang aber, durch Simulation von Tröpfchenwirbeln ein vergleichnares Muster herzustellen. Genau wie bei Jupiter, waren solche Details in der Antike nicht bekannt. Die Symmetrie der sechszähligen Schneeflocke ist ein Symbol des Winters, ausserdem galt das Hexagramm als Symbol des Sonnensystems als Ganzes. Das innenliegende Hexagon steht für die Sonne, das umhüllende für die letzte Grenze des klassischen, mit freiem Auge einfach beobachtbaren Planetensystems, sehr passend für den Saturn als Grenzwächter. Zudem: Auf dem Südpol befindet sich ebenfalls ein stationärer Wirbel, diesmal in Form eines Auges. Also auch ein gelungener Name für den Ringplaneten. Sein Metall ist das Blei, Symbol der Schwere. Umlauf 29 Jahre.

Uranus: Personifizierter Himmel, Ur-Schöpfer, entmachtete Primordial-Gottheit. Eine Entdeckung der Neuzeit mit dem Beginn des Baus von Gross-Teleskopen, obwohl er mit sehr viel Glück auch mit dem freien Auge sichtbar ist.  Seine Auffindung 1781 durch Herschel fällt zusammen mit mehreren Revolutionen und den Ideen der Aufklärung. Er ist ein Aussenseiter, auf der Seite liegend, wie ein gestürzter und gefallener Gigant, rollt er auf seiner eigenen Achse rückwärts auf seiner Bahn entlang. Dadurch ist es auf der sonnenfernen Seite währen der Hälfte des Uranusjahres stets dunkel, auf der zugewandten Seite stets hell: Ein echter Extremist. Seine Farbe ist das Himmelsblau, und es zeigen sich starke elektrische Entladungen in seiner Atmosphäre: Enorme Aurora Borealis Erscheinungen – wie das irdische Nordlicht, nur viel gewaltiger. Uranus wird astrologisch auch die Elektrizität zugeordnet.  Der Gasriese beherrscht ein kleines Reich aus Monden, allerdings eher Zwerg-Satelliten. Er sollte erst nach Herschel dann nach König George von England benannt werden. Schliesslich einigte man sich auf Uranus, unbewusst damit seine Eigenschaften ganz gut beschreibend. Als Metall wurde von Bode das Platin gewählt, aber Zink rechnet man auch dazu. Umlaufzeit: 84 Jahre.

Neptun: Bruder von Zeus und Meeresgott, Herr der Stürme, Tsunamis und der Erdbeben. Der Erderschütterer. Auf dem Gasgiganten Neptun (Entdeckung 1845 durch Verrier und Galle) herrschen wohl die schnellsten Stürme des Sonnensystems. Das Auffälligste an ihm sind seine wunderschön meeresblaue Farbe und die weissen Cirrus- Wolken die über seine Oberfläche jagen. Er hat mehrere Monde, die sich anscheinend nach einer Kollision aus Bruchstücken wieder neu formiert haben, Triton ist der  grösste davon. Metall: Lithium, Aluminium. Umlauf: 175 Jahre.

Pluto: Nun nur noch ein Zwergplanet, der arme Herr der Unterwelt, auch ein Bruder von Zeus. Aber viel Aufhebens hat Hades/Pluto sowieso nie von sich gemacht. Dank einer Kappe aus Hundefell, die Merkur, der MacGyver des Olymp , für ihn angefertigt hatte, blieb er meistens unsichtbar. Der einzige öffentliche Skandal in seinem Leben war wohl die Entführung seiner späteren Gattin, Persephone, Tochter der Demeter. Trotz dieser quasi Unsichtbarkeit – es gab auch kaum Schreine zu seinen Ehren – in der Gesellschaft, war sein mächtiger Einfluss überall spürbar, denn er wurde als Verkörperung des Todes gefürchtet. Am Rande eines dunklen Reichs weiterer Plutonier aus der neuen Klasse der Zwergplaneten und anderer kleinerer Brocken, des Kuiper-Gürtels und der sogenannten Oortschen Wolke, patrouilliert er an der Grenze des Sonnensystems einsam auf seiner exzentrischen Bahn zusammen mit seinem Mond Charon, dem Fährmann. Metall: Wolfram, Plutonium, eigentlich alle radioaktiven Minerale, wegen ihrer versteckten Wirkung und Wärmeproduktion aus unsichtbarer Quelle. Uranium, Neptunium, Plutonium könnte man natürlich zusätzlich bei ihren Namensgebern einsortieren.Umlauf 248 Jahre.

Nachtrag: Auf Pluto scheint es eine Art “kalten” Vulkanismus zu geben. Interessant, bei der Abwesenheit von Gezeitenkräften, wie den Monden von Jupiter etwa, erwartet man das nicht. Passt irgendwie zum Unterwelt-Boss, der auch über den Vulkanismus herrscht …

 

Posted by on Oktober 9th, 2016 Kommentare deaktiviert