Archive for Oktober 11th, 2016

 

Mohngewächse: Trauer der Demeter

Deneter trauert um Persephone. Mohnblumen als plutonisches Symbol.

Demeter trauert um Persephone. Mohnblumen als plutonisches Symbol. 1906.
quelle: PD via wiki.

In den Eleusinischen Mysterien wurde der Mythos der Entführung der Kore in den Hades und ihre Wiederstehung im Frühling als das Bild einer höheren Idee, nämlich der Unsterblichkeit der Seele, aufgefasst und jedes Jahr festlich begangen. Nach der Lehre des Orphismus sitzt Kore als Unterweltskönigin Persephone  verschleiert auf einem Stuhl im Hades und trägt als plutonische Insignien einen Kranz von Mohn auf dem Haupte.

Klatschmohn

Klatschmohn Papaver rhoeas – eine Heilpflanze.
quelle:PD via wiki.

An Feldrändern wiegt sich Klatschmohn mit seiner eigenwilligen roten Farbe im Wind und verzaubert das Auge des Betrachters. Die auffällige Blume lockte zuerst Maler aller Stilrichtungen aufs Land, hinein in die Kornfelder, später auch die Fotografen. Klatschmohn ist ein beliebtes Motiv auf Tassen, Tischdecken, Kissen.

Papaver rhoeas, Symbol der Verruchtheit, von “le mort et l’ amour”. Die schwarze Mitte, in so eklatanten Kontrast zum Leuchtrot der Blütenblätter stellte schon in alten Zeiten ein Symbol für Tod und Leben, bzw. einer Wiederauferstehung dar. Eines der floralen Lieblingsmotive des Art Nouveau. Selbst für die Untergrundbahn in Paris wurden stilisierte  Mohnblumen verwendet:
Als Leuchten für die Eingänge in die neuen und aufregenden Unterwelten der Metro im Jahr 1904.

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Blumen des Bösen? Sicher nicht …!
Obwohl in Gedichten des “fin de siecle” als solche thematisiert …
quelle:PD via wiki.

Alle Mohnpflanzenarten  sind toxisch, tragen die Signatur von Mond/Saturn, aber auch Merkur/Neptun und Pluto/Venus sind vertreten. Die wohl älteste Panacea der Menschheit. Mohn gehört zweifellos zu den frühesten Kulturpflanzen überhaupt. Wahrscheinlich kam er aus Vorderasien zu uns.  Funde von Mohnkapseln aus dem Neolithikum beweisen den Anbau zu Nahrungszwecken, eine medizinische und kultische Verwendung  des Schlafmohns schon zu Beginn des Ackerbaus.  Rasch hatte man die betäubende und berauschende Wirkung (Neptun, Saturn) dieser Pflanze  erkannt und wußte sie zu nutzen. Ritzt man die grüne Samenkapsel, tritt ein weisser Milchsaft aus (Mond) der in braunschwarzer, getrockneter Form als Opium gehandelt  wird. Dieses diente als Heilmittel, aber auch als Genussdroge, in Tinkturen, Tees und als Räucherung zu kultischen Zwecken.

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Papaver rhoeas an einem Feld auf der Alb, aus ihm kann man Hustensirup bereiten.
Späte Klatschmohnblüte. ©beast666 2016

Im 19.Jhd war Opium, wie schon 2000 Jahre früher im antiken Rom,  Partydroge Nr. Eins in den mondän-dekadenten Salons des Fin de Siecle. Lasterhafte Opiumhöhlen für die Betuchten, die luxuriöse Separees anboten, wo auf himmelbettartigen Lagern auch erotische Dienstleistungen angeboten wurden, oder ein wenig Naschen vom Laudanum-Fläschchen für die Ärmeren. Bezeichnenderweise war die Realitätflucht in dieser überaus materialistischen Gründerzeit, geprägt von industrieller Hochrüstung und unerschütterlichem Fortschrittsglauben extrem: Absinth, Opium, Kokain, aber auch Spiritismus, Geheimgesellschaften und mystische Orden standen hoch im Kurs.

Laudanum: Wer hats erfunden … Paracelsus, um 1500.

Er glaubte, mit dem Laudanum ein Panakeia (Allheil) gefunden zu haben, und nannte seine Rezeptur daher auch Stein der Unsterblichkeit.

  • 90% starker Wein
  • 10% Opium
  • Varianten enthielten auch noch Alraunwurzel, Belladonna oder Bilsenkraut

Mit Laudanum wurden Schmerzzustände körperlicher, aber auch seelischer Natur behandelt, es galt lange als Wundertonikum, auch gegen Durchfallerkrankungen wie Ruhr und Typhus. Schriftsteller förderten mit der Opiumtinktur ihren Kreativprozess, allerdings zum Preis einer schleichenden Sucht. Ernsthafte Bedenken medizinischer oder moralischer Art hatte man im 19. Jhd gegenüber dem Drogenkonsum aber nicht:

  • Conan Doyles Sherlock Holmes würde man heute als  Junkie bezeichnen. Bram Stoker schrieb den Dracula im Rausch, Vincent und Paul huldigten dem Absinth, wie auch Toulouse-Lautrec. Und nicht vergessen: Lord Byrons Laudanum-Exzess mit dem Ehepaar Shelley und anderen Intellektuellen in einer Villa am Genfer See. Hier liegt wohl der wahre Urprung des modernen Schauerromans: Mary Shelleys “Frankenstein oder der moderne Prometheus.” Er läutete den “Victorian Gothic” Stil ein, der seither prägend für  Horror- und Mystery-Autoren geblieben ist. Momentan stehen morbid-fantastische Welten wieder hoch im Kurs: TV-Serien wie American Horror Story, Vampirfilme, selbst Anime oder Manga surfen recht erfolgreich auf dieser Welle.

Heute wird Mohn zu medizinischen Zwecken vorwiegend in Indien, der Türkei und großen Teilen der ehemaligen Sowjetunion angebaut. Illegale, von Warlords und Drogenbaronen beherrschte Anbaugebiete  liegen in Afghanistan und Südostasien. Im Gegensatz zu Deutschland ist in Österreich der Mohnanbau völlig legal. Von dort kommt auch der berühmte Waldsiedler Graumohn, der uns den ursprünglichen Anbaugrund für diese Pflanze deutlich macht:

Denn in der großen runden Samenkapsel befinden sich nach der Reife die feinen grauschwarzen, ölreichen Samen (Venus/Pluto). Nur diese werden als Lebensmittel verwendet. Sie dienen als schmackhafte Zutat beim Kochen und Backen, bzw. zur Gewinnung von Speiseöl. Allerdings hat eben nur der berüchtigte Schlafmohn solche nahrhaften Samen. Diese einjährige Pflanze wird bis 1,5m hoch. Sie trägt ein helle Bereifung und wird von hübschen rosa/weissen bis violettblauen Blüten (Neptun, Venus) geschmückt. Sie sind sehr schnell vergänglich, wie bei allen Mohnarten (Mond). Die Mohnblüte weist oft eine deutliche 4-zählige (Saturn) und 8-10 zählige (Pluto/Saturn) Symmetrie auf. Die auffäligen Staubgefässe sind ein Zeichen von Mars/Pluto, beim Klatschmohn auch die Farbe der Blütenblätter. Die bauchige Samenkapsel mit ihren vielen Körnchen trägt Züge von Venus und Mond, der Samen selbst wieder von Saturn und Pluto (schwarze Farbe, wie bei Holunder etc.)

Schlafmohn

Schlafmohn – Papaver somniferum.
quelle: pd via wikimedia commons.

Für ein saturnisches Gewächs mit Pluto-Einfluss sind die Alkaloide typisch, die die Giftigkeit, aber auch Heilwirkung der Pflanze bedingen. Die berauschenden und schmerzlindernden Eigenschaften, die auch mit einer hustenstillenden Wirkung einhergehen deuten auf Neptun/Merkur. In der Mohnsaat sind nur winzige Spuren der Opiate enthalten, deshalb kann man sich Mohnkuchen und andere Speisen mit den schwarzen Körnchen ruhig schmecken lassen. Allerdings, die geringen Mengen reichen aus, dass ein Drogenstest positiv ausfällt!

Rezepte zum Kochen und Backen mit Mohn

Tipps und Tricks für Küchenhexen:

  • Für Füllungen und Süssspeisen sollte der Mohn vorher gemahlen werden, nur dann können die aromatischen ätherischen Öle sich entfalten. Eine alte ausgediente Kaffeemühle ist dafür geeignet, aber gut reinigen, da das Öl der Samen wie beim Kaffee ranzig werden kann. Da hilft es Zucker zu Puderzucker zu mahlen, erstens braucht man den meistens für die Bäckerei, ausserdem reinigt das die Mühle.
  • Zuviel gemahlerner Mohn übrig? Einfach in einem dichten Behälter einfrieren.
  • Füllungen für Mohnkuchen geraten besonders gut, wenn man den Mohn in Vanille-Griespudding weichkocht.
  • Für ganz Eilige gibt es Mohn-Back, ein Instant-Dampfmohn.
  • Wird der Mohnmasse etwas geriebener Zwieback zugegeben, wird der Mohnkuchen besonders luftig.
  • Im Volksmund heisst es: “Mohn macht dumm!” Das kommt vom süssen Mohnschnuller, den man kleinen Kindern auf dem Land zur Beruhigung gab – auch gegen Darmbeschwerden.
  • Mohn-Öl, wie das steirische Kürbisöl ist eine österreichische Spezialität für Salat-Dressings. Es kann auch nicht erhitzt werden.

Rezepte mit Mohn haben Tradition, viele stammen aus Osteuropa.

Meistens sind es Striezel – gerollte Hefestrudel oder Kuchen vom Blech. In Bayern ist Mohn Bestandteil vom Kleckselkuchen, den es an Erntedank oder Kirchweihfesten gibt.

Andere schmackhafte Rezepte mit Mohn: Mohntorte, Mohnschnecken, Germknödel mit Mohn und Mohnudeln. Diese Auswahl weckt Kindheitserinnerungen an die Herbstzeit, mit Drachensteigen und Laubfeuern, denn diese, vor allem süssen Gerichte gab es immer als Einstimmung auf den Winter. Zu Dekorationszwecken für herzhafte Gebäcke streut man die ungebrochenen Mohnkörner über Brote, Kipferl oder Käsestangen.

"Blood Swept Lands and Seas of Red - Roll of Honour at sunset" by Oosoom

“Blood Swept Lands and Seas of Red – Roll of Honour at sunset”
Blutzoll der Weltkriege: Art Installation zur Erinnerung an WW I im Jahr 2014 in Grossbritannien.
By Oosoom at English Wikipedia (Own work) [CC BY-SA 3.0
(http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons.

Mohnudeln

  • 250 g Vollkorn-Bandnudeln (Dinkel)
  • 50 g Butter
  • 100 g Blau-Mohn, gedämpft
  • 2 EL Puder-Zucker

Die Bandnudeln wie auf der Packung angeführt zubreiten und durch einen Durchschlag abgiessen. Butter in einer Pfanne schmelzen. Die Bandnudeln darin schwenken, dann mit dem Mohn vermischen.

Auf Tellern anrichten, dick mit Puderzucker bestäuben.

Mohnkuchen

  • 120 g Butter
  • 150 g Feinst-Zucker
  • 1 Pkg. Mohn-Back
  • 3 Eier, getrennt
  • 100 g Mandeln, gemahlen (mit Schale)
  • 1 Pkg. Safran-Backpulver

Eiweiss zu steifem Schnee schlagen. Für den Mohnteig Butter, Zucker und Eigelb schaumig rühren. Die Mandeln mit Backpulver, Mohn vermengen, dazufügen.  Zum Schluss noch den Eischnee unterziehen. Den Teig in eine beschichtete Springform füllen und im auf 170° C aufgeheizten Backrohr mit Heißluft ca. 50-60 Minuten backen.

Den fertigen Mohnkuchen aus dem Rohr nehmen und auskühlen lassen.

  • Plätzchen mit Mohn gibt es hier.
Bringt Feuer in die Rabatte: Türkischer Ziermohn, eine ausdauernde Staude von imposanter Erscheinug.

Bringt Feuer in die Rabatte: Türkischer Ziermohn,
eine ausdauernde Staude von imposanter Erscheinung.

Um das eingangs erwähnte Thema Trauer im Zusammenhang mit der Symbolik der Mohnblumen wieder aufzunehmen, hier ein Brauch aus den angelsächsischen Ländern:

Remembrance Day: An diesem Tag im November wird mit dem Tragen von Klatschmohnblüten-Abzeichen an die Gefallenen der Weltkriege erinnert. Er ist unserem Volkstrauertag sehr ähnlich. Allerdings werden die stattfindenden Feierlichkeiten stärker öffentlich zelebriert. Die Mohnblumen sollen schon seit dem Ende des 1. Weltkriegs  im November 1918 an des vergossene Blut erinnern. Klatschmohn bedeckte in dichten Teppichen die Fluren in Flandern, einem der schrecklichsten Schlachtfelder des Stellungskriegs. Die Farbsymbolik der schwarz-roten Blüten spricht auch in modernen Zeiten die Menschen noch stark an. Daher gab im Jahr 2014 am Tower in Londen eine Kunst-Installation mit tausenden von Keramik-Mohnblüten, die an den Ausbruch des Weltkriegs im Jahr 1914 erinnern sollte.

 

Posted by on Oktober 11th, 2016 Kommentare deaktiviert