Archive for Oktober 30th, 2016

 

Herbstmond: Totenblumen, Schädelkult und St. Yves

Halloween Flower 2014

Halloween Flower 2014
©scrano 2014

Ein paar Spinnweben und spukige Krabblerspiralen auf einer typischen “Totenblume”: Orange+gelb, oft mit einem Hauch rostrot, wie die Farbe getrockneten Blutes. Sowohl Ringelblume als auch Tagetes (Flos de la Muertos) werden gerne  als Grabblumen verwendet. Auch die Aster und die Chyrysanthemen rechnet man zu den Allerheiligenblumen. Zum berühmten “Tag der Toten” in Mexico werden Unmegen von Tagtes-Blüten herangeschafft, um die Strassen und Gräber zu schmücken. Das Fest selbst und auch die Blumenpracht geht noch auf die Azteken zurück.

Süsser Tod: Zuckerfiguren f ür dia de las muertos.Sie ersetzen die einstigen Schädelgestelle.

Süsser Tod: Zuckerfiguren für “dia de las muertos”.
Sie ersetzen die einstigen Gestelle mit echten Totenköpfen.
„Alfeñiques 3“ von Tomás Castelazo Lizenziert unter CC BY-SA 2.5

Nach altmexikanischem Glauben kommen die Toten einmal im Jahr am Ende der Erntezeit zu Besuch aus dem Jenseits und feiern gemeinsam mit den Lebenden ein fröhliches Wiedersehen mit Musik, Tanz und gutem Essen. In präkolumbianischer Zeit gewährten die Azteken sogar ihren Feinden einen Ort, an den die Geister zurückkehren konnten. Der Kopf galt als Sitz der Seele, daher wurden auf dem Tzompantli, einem besonderen Gestell, die Schädel als Gefäß für die Geister ordentlich aufgereiht. Im Verlauf der spanischen Mission, nachdem vergeblich versucht wurde, das Fest abzuschaffen, wurden die Feiern mit den christlichen Feiertagen Allerseelen und Allerheiligen zusammengelegt. Parallelen zwischen der christlichen  und der indigenen Vorstellung vom Jenseits ermöglichten diese Verschmelzung. Auch die Azteken sahen den Tod nicht als Ende, sondern als Anfang neuen Lebens: Nur eine Übergangsphase zu einer anderen Daseinsform. Durch die Verbindung mit dem christlichen Glauben entstand so ein einzigartiges, synkretisches kulturelles Fest, in dem die Bräuche des vorspanischen Mexiko teilweise überleben konnten. Wer sich zusätzlich informieren will: Im Brauchwiki steht dazu ein sehr ausführlicher Artikel.

ives

Kopfreliquie von St. Ives, Treguier.
©beast666 2008

skulls

Schädelschrein in der Kirche von Roscoff, Bretagne
©beast666 2008

Nördlich der Alpen  und in Mitteleuropa betrieben die Kelten ebenfalls einen besonderen Schädelkult: Sie waren sozusagen Kopfjäger, eine Sitte, die wohl von den Skythen übernommen wurde. Auch hier galt der Kopf als Gefäss der unsterblichen Seele. Die Schädel von besonders tapferen, beim Zweikampf getöteten Feinden, aber auch der eigenen geehrten Vorfahren wurden aufwendig präpariert und in Nischen nahe dem Hauseingang aufgestellt. Oft bemalt und geschmückt, sollten sie die darin Lebenden beschützen. Dieser Brauch ist im österreichischen Hallstatt bis heute erhalten geblieben: Über der Eingangstür stehen oft noch auf einem Brett die Schädel der Urahnen aus der eigenen Familie, mit Namen und schöner Bemalung. Früher gab es sogar einen eigenen “Schädelmaler” für diesen Brauch.  Auch in der ebenfalls keltischen Bretagne fand ein besonderer Begräbnis-Ritus noch bis ins 19. Jhd statt:  Nach dem Tod wurde der Schädel, wie bei den Vorfahren von den britischen Inseln**, extra präpariert und in Nischen in der Kirche aufgestellt, in extra dafür angefertigten Schmuck-Schreinen. Der Rest der sterblichen Überrreste kam ins Ossuar, einem Gebäude neben der Kirche, das der Aufbewahrung der Totengebeine dient. Wen wundert es dann, dass vom heilgen Yves, Schutzpatron der Bretsgne, heute noch zu besonderen Anlässen eine prächtige Kopfreliquie ausgestellt wird, zu deren Verehrung sich viele Pilger auf den Weg machen, um Schutz und Hilfe zu erbitten.

In unseren Breiten ist die Ringelblume als Grabschmuck beliebt, obwohl sie eigentlich aus dem Mittelmeerraum stammt.

Calendula officinalis, Ringelblume - Marigold.©beast666

Calendula officinalis, Ringelblume – Marigold.
©beast666

Horoskop des heiligen Yves, der ein streitbarer, sozial engagierter Armen-Anwalt und Richter war, neben seinem Priesteramt. Er war Pfarrer in der kleinen Kirche seines Geburtsortes Treguier-Minihy, wo auch eine Wallfahrt (frz. pardon) stattfindet. Hier befindet sich auch sein echtes Grab, in der Kathedrale von Treguier sind nur seine Reliquien aufbewahrt. Der prächtige Marmor-Schrein dort stammt aus dem 19. Jhd.

Ivo Helry, wie viel Heilige ein Skorpion - nein das ist nicht verwunderlich, religiöse Inbriunst hat das zeichen durchaus zu bieten. Jedenfalls keine Scheinheiligkeit oder Frömmelei. Quelle:Astrodienst

Ivo Helory, wie viele Heilige ein Skorpion – nein das ist nicht verwunderlich,
religiöse Inbrunst hat das Zeichen durchaus zu bieten.
Jedenfalls keine Scheinheiligkeit oder Frömmelei.
Quelle:Astrodienst

St. Ivo HelorinKathedrale Treguier

St. Ivo Helory
Kathedrale Treguier

Ein Tipp: Beim nächsten Bretagne-Aufenthalt eine Kerze für den heiligen Yves anzünden! Nicht nur,dass er gegen die Gier der Mächtigen zu Felde gezogen ist: Ihr solltet einmal die Gebete der Pilger am Schrein von St.Yves lesen – das reinste kommunistische Manifest! Er hilft auch, wenn man für gutes Urlaubswetter bittet!  Als aufrechter Mensch mit Zivilcourage hat er  jedenfalls unseren Respekt verdient!

ivotomb

St. Yves-Schrein in der Kathedrale von Treguier mit dem buntgefärbten Sonnenlicht,
das stimmungsvoll durch die gotischen Kirchenfenster fällt.
©beast666

**Die nach dem Zerfall des römischen Reiches fast menschenleere Bretagne wurde im Verlauf der Völkerwanderung im 5. und 6. Jahrhundert von Wales, Irland und Cornwall aus rebesiedelt. Daher sind hier noch viele inselkeltische Bräuche lebendig. Auch fühlt man sich bis heute nicht so recht als zur Zentralmacht Frankreich mit Sitz in Paris zugehörig.

 

Posted by on Oktober 30th, 2016 Kommentare deaktiviert