Auf der roten Liste: Der Schamane – eine gefährdete Spezies?

SB_-_Altay_shaman_with_drum wikimedia commons

Altai-Schamanin: Quelle:wiki

Schamanische Rituale in der Moderne, blosse Touristenfolklore und Alles, ausser authentisch ??? Nein, es gibt echtes Schamanentum tatsächlich …. noch.

Der Schamanismus gilt als älteste Religion der Welt und seine Spuren lassen sich bis in die früheste Steinzeit zurückverfolgen. Im Laufe der Jahrtausende hat er verschiedene Formen angenommen, die so vielfältig sind wie die Kulturen dieser Erde – und gerade jetzt, in unserer modernen Zeit erlebt er eine Renaissance. Welchen Reiz übt heute eine archaische Weltanschauung aus, die auf uralten Ekstasetechniken beruht, die es dem Schamanen erlauben, in andere Welten zu reisen, um dort von Göttern und Geistern Wissen, Weisheit oder Heilung zu erlangen?

Gibt es jene Anderswelten wirklich oder beschreiten Schamanen lediglich einen Weg in innere Räume des Bewusstseins? Öko- und Ethnospiritualität steht hoch im Kurs – inklusive Risiken und  Nebenwirkungen ! Durch unkritische NewAge Anhänger vereinnahmt und leider meistens verfälscht ist gerade der Schamanismus als Weltkulturgut in Gefahr verramscht zu werden, oder zu Touristenkitsch zu verkommen:

  • Pauschaltourismus in die Geisterwelt – Schamane an einem Wochenende !
  • Als quasi-Animationsangebot – Spiri-tainment!
  • Die Anderswelt ein spirituelles Disneyland ?
  • Oder es werden gefährliche Praktiken mit psychedelischen Drogen vermittelt !

Mit Carlos Castaneda‘s umstrittenen Werken fing es an: in den 70er Jahren, befeuert von Timothy Leary’s LSD Experimenten, und gerade nachdem Mircea Eliade sein Buch über archaische, religiöse  Ekstasetechniken herausgebracht hatte. Seitdem rollt die Ethnopsychedelic-Welle im Nachzug der Hippiebewegung ungebremst bis heute. Dabei galt Schamanismus als psychische Krankheit oder Form der Epilepsie bis Mitte des 20. Jhd. und wurde als “Arktische Hysterie” bezeichnet. Erst der zuvor genannte Religionshistoriker und Anthropologe Mircea Eliade rehabilitierte ihn als authentische vollwertige Form der Religion und Medizin. Den Religionscharakter versucht man gegenwärtig wieder zu relativieren und spricht von Naturphilosophie etc. Dann wäre aber der Buddhismus auch nicht Religion zu nennen. Ausserdem enthalten viele  der antiken und auch der modernen Mainstream-Religionen einen Kern an schamanischen Vorstellungswelten. Doch nicht zuletzt die Funktion des Schamanen als Heiler fasziniert uns: Gerade im medizinischen Bereich finden Ethnobotaniker und Pharmakologen erstaunliche Schätze im pflanzlichen Arzneiwissen der Schamanen, aber hier droht Ausbeutung durch Pharamakonzerne, die das Pflanzenwissen der Naturvölker vor allem des Amazonasgebiets abgreifen um es dann zu patentieren.

Woher rührt aber das steigende Interesse, mit einer enormen Breitenwirkung, an religiösen und medizinischen Praktiken sogenannnter Naturvölker in der westlich-aufgeklärten Welt:

Ist es die Fragwürdigkeit von Machbarkeit um jeden Preis, die beklagte Entfremdung von der Natur – ihre befürchtete Zerstörung? Zu starke Technisierung, zu viel Wissenschaft? Nun gerade bei letzterer herrscht in der Rezeption durch die Allgemeinheit immer noch eine Sichtweise aus dem späten 19. Jhd. vor: Der andauernde Vorwurf des Reduktionismus ist vor allem in der modernen Physik nicht haltbar. Und was heisst hier modern, dieser Begriff ist schon auf die Göttinger Goldene Epoche des Born’schen Seminars der 1920iger Jahre anzuwenden. Das liegt vielleicht auch am lautstarken Ego-Posieren vieler der selbsternannten Skeptiker, deren Weltbild wirklich noch bei Descartes hängengeblieben ist.

  • Die moderne Wissenschaft ist vielleicht mystischer als Sie glauben.
  • Der Abschied vom cartesischen Weltbild mit seiner strikten Geist- Materie Trennung ist in etlichen Disziplinen schon erfolgt: Physik, Kybernetik, Neurowissenschaften etc.

Als Auslöser solcher archaischer Sehnsüchte ist wohl überwiegend die “Spirituelle Verarmung” zu nennen: Z.B das Fehlen von Psychodrama und ansprechenden Ritualen in den Mainstream-Religionen. Oder es werden immer noch angestaubte, entwicklungshemmende Dogmen verbreitet. Man denke nur an den  letzten Vorstoss des Papstes zur Erneuerung der Sexualmoral und des Verständnisses von Ehe und Familie: Über 70% der Geriatrie-Kleriker alias Kardinalskurie will an den alten Zöpfen festhalten.

Reiseführer

Reiseführer Schmetterling …eine Analogie zum Pluto-Prinzip.
Spirit Guide ©scrano 2013

An der verständlichen Sehnsucht nach mehr Unmittelbarkeit in der Spiritualität oder mehr Rückverbindung zur Natur ist eigentlich nichts Falsches,  und die schamanische Weltsicht der beseelten Natur kann uns neuen Respekt und achtsameren Umgang lehren. Das Verführerische an der  ”Schamanischen Erfahrung”  oder was man dafür hält, ist zudem die als kulturübergreifend verstandene und schlichte Ritualistik, die zu scheinbar schnellen Erfolgen führt. Vor allem der überstrapazierte Begriff des sogenannten “Core-Schamanismus” hat hier für viel Verwirrung gesorgt und wegen des Hypes, der darum entstanden ist, auch Menschen angezogen, die nicht das Seelenheil ihrer Klienten im Sinne hatten, sondern nur das schnelle Geld. Was muss man da nicht für unsinnige und teilweise gefährliche Angebote vor allem diversen Internetauftritten entnehmen! Darüber hinaus hat Harner, ein Anthropologe, dem wir die Theorie des “Core-Schamanismus” verdanken, bei allen Versuchen daraus eine Heilmethode für uns postindustrielle Wesen herauszudestillieren, nicht bedacht, dass so etwas nicht mit Verfahren der Lehrbuchpsychologie zu vergleichen ist.

Was nützt die beste aus vergleichenden Analysen hergeleitete Methodik, wenn einem die innere Landkarte der spirituellen Welt längst abhanden gekommen ist ? Die Anderswelt ist nicht die Spielwiese einer Fantasiereise, mit der diese Thematik oft verwechselt wird.

Auch Archetypen wollen interpretiert werden, auch der Schamane muss bei seinen “Reisen” navigieren. Dazu dienen Mythen, Überlieferungen und Märchen, die in jeder noch lebendigen schamanischen Kultur zentrale Elemente sind, und auch eine Grundlage des Wertesystems liefern.

Gerade hier liegt das Problem: Wie einheimische Nahrungsmittel und Heilpflanzen oft für uns besser verträglich sind als eingeführte, so ist das auch mit Mythologie: Sie entwickelt sich ebenfalls in Co-Evolution des Menschen mit seiner Umwelt. Mythen fremder Völker vermitteln uns nicht unbedingt die Vorstellungswelt, die man braucht, damit man erfolgreich in Anderswelten reisen kann. Eine reine Trance kann man sich relativ einfach verpassen. Dazu reicht schon eintönige Arbeit, mit einer körperliche Tätigkeit, die sich ständig wiederholt.

Wenn man sich schon auf schamanische oder andere religiös untermauerte naturmedizinische Verfahren einlassen will, sollte man doch eine gewisse eigene Grundlage mitbringen. Daher wäre es wohl vernünftiger, hier nicht  bei exotischen Völkern sein Heil zu suchen, sondern zuerst nach seinen eigene Wurzeln zu graben. Es ist leider nicht ganz leicht zu den eigenen naturreligiösen Ursprüngen zu gelangen. Dafür haben Romanisierung, Christianisierung, Völkerwanderungswirren, Radikalaufklärung und romantisierende Rezeptionen durch nationalistische Kreise (Wagner, Ariosophie etc.) und zuletzt noch die Nazis gesorgt.

Totem: Ahnengeister und Masken,
ein Accessoire des Schamanen.

Man durfte als Archäologe bis vor gar nicht so langer Zeit das Wort Kelte oder – oh Schreck, Germane gar nicht mehr in den Mund nehmen ohne gleich in die “Braune Abteilung” verlegt zu werden, oder seiner Karriere einen dauerhaften Knick zu bescheren. Ein paar dieser Rudimente eines europäischen Schamanentums lassen sich durchaus auch finden. Seit Frazer’s “Der Goldene Zweig” haben sich schon viele Gelehrte daran versucht, unter ihnen Margaret Murray, die bekannte britische Ägyptologin, später auch der renommierte Historiker Carlo Ginzburg. Das Problem hierbei ist, nicht über das Ziel hinauszuschiessen. Andere bemühten sich gleich um regelrechte religiöse Wurzeln, einen alten, im Neolithikum verorteten Kult einer “Magna Mater”  und eines “Herrn der Tiere” wiederzubeleben. Hierher gehört Gerald Gardner mit seiner Wicca-Religion, die ebenfalls deutlich schamanistische Züge aufweist, zumindest was das Weltbild betrifft. Die  moderne Alternative wäre, sich neue Mythen zu schaffen, wie sehr dies gewünscht wird zeigt der Erfolg von Büchern wie Harry Potter oder Filmen wie “Herr der Ringe”. Sie könnten die benötigten inneren Bilder liefern, die mit unserer Psyche in Resonanz treten. Viele der beliebten Online-Rollenspiele, wie WoW, bedienen dieselben Sehnsüchte. Der Trend zu mehr mystischem Erleben und einer heilen Beziehung zur Natur existiert schon seit dem Ende des 19. Jhd. und er läuft ungebremst weiter. Anthroposophie, Wandervögel, Naturisten machten den nur den Anfang, Wellnessbewegung und der Esoterikboom folgten auf dem Fuss. Nach einem Intermezzo mit Ayurveda und Feng Shui sind wir jetzt in den virtuellen Welten von Second Life, Mind Technology und Technoheiden angelangt.

Keltischer Herr der Tiere: CernunnosQuelle: wiki

Keltischer Herr der Tiere: Cernunnos
Quelle: wiki

Auf jeden Fall hilft erst einmal mehr Achtsamkeit auf Kulturinhalte der eigenen Vergangenheit bei der Orientierung im Dschungel der mythenbewegten Imagination. Gestützt von solidem Wissen, fällt es leichter, sich in der Welt der Archetypen und der eigenen Psyche zurechtzufinden, statt auf bunt zusammengewürfelte Folklore, aus exotischen Ländern oder direkt frei erfunden, hereinzufallen.

Gerade bei den angeblich authentischen Praktiken fremder Ethnien wird oft hanebüchener Unsinn vermarktet. Da gibt es: Selbsternannte Schamanen, kulturellen Diebstahl bei indigenen Völkern, vor allem bei den nordamerikanischen Indianern. Ironischerweise kommt dabei oft nur Indianerfolklore vom Karl May Typus des “edlen Wilden” heraus.

Alles nur "Schall und Rauch" oder "Sound and Vosion", wie der sehr Okkultismus-erfahrene David Bowie es ausdrückte.

Alles nur “Schall und Rauch” oder “Sound and Vision” ?
wie der sehr okkultismus-erfahrene David Bowie es ausdrückte.
Luft-Elemental, scrano 2013

Ausserdem haben die Indianer der “Great Plains”, die oft als Vorbild herhalten müssen, nicht die angeblichen Heilverfahren, sondern eine schamanische Kultur eigener Prägung, die die wenigsten der mit dem “Core-Schamanismus” assoziierten Elemente enthält. Durch Heya-Heya Singen in einer Schwitzhütte wird man kein Indianer und ohne entsprechende spirituelle Vorbereitung kann man aus dem Ritual auch nichts mitnehmen. Allenfalls wird die übliche Konsumerwartung bedient. Dann hat man es aber auch nicht anders verdient. Vielleicht tun viele Heilssucher doch besser daran, ihren Eskapismus im World-Wide-Web auszutoben, das ist für die Freizeitschamanen auch ungefährlicher  als bei der Indianersauna eine Herzattacke oder bei der Ayahuasca-Session das bisschen Restverstand zu riskieren. Denn  da die tatsächliche Wirkung der “Seelenliane” keineswegs den übersteigerten Erwartungen der Eso-Konsumenten entspricht, mischen manche der selbsternannten Zauberdoktoren den ahnungslosen Spiritainment-Abenteurern harte Drogen in das “magische” Gebräu.

Das Internet, die neue, sichere Anderswelt ? Cyber- und Technoschamanen lassen grüssen. Aber wenigstens lassen die Anderswelt-Süchtigen dann die Einheimischen in Ruhe und gefährden sich nicht selbst.

Denn mittlerweile hat sich in den letzten Kulturen mit indigenem Schamanentum ein ernstzunehmendes Problem entwickelt. Angehörige solcher noch authentisch nach ihren Glaubensvorstellungen lebenden Volksgruppen fragen sich zunehmend: “Warum unsere Praktiken nicht selbst vermarkten ?” Gerade bei der anderen, von wildgewordenen Heils-Touristen bedrängten Kultur schamanischer Prägung, den Tuva des Altai, hat sich ein Trivialschamanismus herausgebildet, den man an die Eso-Touristen weiterverkaufen kann. Dort werden dann Harners Theorien verbreitet, die echten Wurzeln sind durch solcherlei Umtriebe durchaus gefährdet. Ähnliches gab es auch schon bei den Geist-Chirurgen der Philippinen, und diese Epidemie gewinnt an Boden, auch gerade in Mittel-und Südamerika.

Daher die berechtigte Frage: Wie lange wird es diesen Kulturschatz noch unverfälscht geben? Der Verlust wäre unverzeihlich.

 

 

Liked this post? Follow this blog to get more. 

Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

This entry was posted on Dienstag, November 22nd, 2016 at 00:55 and is filed under Athanor, Freimaurer Ecke, Galerie, Geschichte, Heilpflanzen, Jupiter, Kräuterhex, magisch, Neptun, Philosophie, Planeten-Archetypen, Pluto, Rezensionen, Ritual. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Both comments and pings are currently closed.

 
 

One Response to “Auf der roten Liste: Der Schamane – eine gefährdete Spezies?”

  1. king37 Says:

    Kann denn Schamanismus Sünde sein ?
    Ich behaupte ja ! Warum ?
    Ein Schamane musste früher in den alten Naturkulturen Jahre- ja Jahrzehnte lang lernen. Dies betraf sowohl die Wirkung der Pflanzen und ihre Dosierung bei der Anwendung als auch das Erlernen eines Einfühlvermögens in seine Mitmenschen, um ihnen auch helfen zu können.
    Ich behaupte, dass nun 95% aller “Schamanen” “Scharlatane” sind, deren Hauptanliegen das Geldverdienen ist und nicht die Heilung oder das Wohlbefinden ihrer Mitmenschen !
    Es scheint ein “Geschäftsmodell” zu sein und keine “Berufung” !
    Hier wird der wirkliche Schamane verunglimpft und nicht nur das, nein dieses alte, wertvolle Wissen wird in den Schmutz gezogen. Da freuen sich natürlich die Buchreligionen, die dieses Wissen schon immer zu vernichten suchten.