Archive for Dezember 22nd, 2016

 

Nachtfahrende und Wütis Heer: Volksbrauchtum und Aberglauben zu den Losnächten (Raunachtsbrauchtum)

northern_lights_by_scrano-d9f69tf

Magische Polarlichter erhellen den arktischen Winter nd führten zu Spekulationen über Geistwesen.
Northern Lights ©scrano 2014

Orakel, Tabus und Vorkehrungen gegen die Geister der Wilden Jagd. Oder Verführung zum Ausflug mit der Hexenkönigin Diana?

  • An den 4 wichtigsten Raunächten sollte man Räuchern, mit einer Mischung aus Wacholder, Lorbeer, Fichtenharz und Weihrauch. Die Stallungen räuchert man auf dem Land mit Johanniskrautbuschen aus, die aus dem um die Sommersonnwende herum gesammelten Hartheu gebunden wurden, oder mit Stücken aus dem Kräuterbuschen von Maria Himmelfahrt, dem 15. August.

    Dürer: Hexe

    Dürer: Hexe, 1502.
    Man beachte die Putti/Genien!

  • In den Rauhnächten bewegt sich das Chaos in eine neue Ordnung hinein:
    holy_smoke_by_scrano-d88fo5e

    Heiliger Rauch: Zu keiner Zeit der Jahres wurde so viel geräuchtert wie in den Rau(ch)nächten.
    Häufig auch mit psychoaktiven Pflanzen oder Pilzen.

    Alle Räder sollten stillstehen.

  • So wurde in dieser Zeit nicht gesponnen, gewaschen oder gemahlen. Alle Räder, die sich normalerweise drehen, werden abgestellt, weil sich in dieser Zeit das Schicksalsrad dreht. Manche Menschen halten  daher die Uhr kurz vor zwölf an und setzen sie nach dem letzten Schlag der Kirchturmuhr wieder in Gang.
  • Zwischen Weihnachten und Neujahr soll nicht gewaschen und ausgemistet werden. Das kann Unglück und Tod bringen, Bettlaken symbolisieren ein Leichentuch.
  • Kinder, die an einem Samstag oder Sonntag während der Rauhnächte geboren werden, sollen magische Fähigkeiten besitzen. Sie sind hellfühlig und medial, haben das “Zweite Gesicht”, bringen Glück und können sehr reich werden.
  • In den Raunächten ist es auch keinerlei Glücksspiel erlaubt, besonders verteufelt ist das Kartenspiel. Viele Geschichten und Legenden ranken sich um Menschen, die das Spielverbot missachteten und dadurch unheimliche Begegnungen hatten, die ihnen fast den Verstand raubten. Vor allem der Boandlkramer, oder der Klaubauf können einen dan heimsuchen: Das Theaterstück “Der Brandner Kasper schaut ins Paradies” thematisiert die Folgen so eines Kartenspiels in der Freinacht.

    Freyja_and_cats_and_angels_by_Blommer

    Freiya mit Katzen und Engeln/Genien!
    Zur Anführerin der Wilden Jagd in ihrer winterlichen Gestalt
    Frau Holle, wird sie zur Zeit der Hexenverfolgung
    in Personalunion mit der römischen Diana.

  • Wer die Türen zuknallt, hat im neuen Jahr mit Blitz und Streit im Haus zu rechnen.
  • Wer Bettzeug und Wäsche im Freien lüftet, hat mit Krankheiten zu rechnen, da sich die Unholde und Geister, die in diesen Nächten umherziehen, in der Bettwäsche verfangen.
  • Wer sich in den Rauhnächten die Haare und Nägel schneidet, muss im Neuen Jahr mit Kopfschmerzen und Nagelbettentzündungen rechnen.
  • Wer sich Dinge geliehen hat, sollte diese bis zu den Rauhnächten zurückbringen und wer etwas verliehen hat, sollte es zu den Rauhnächten wiederbekommen. Ansonsten ist im Neuen Jahr mit Energieverlust und Krankheiten zu rechnen.
  • Jeder Tag der Zeit der Losnächte symbolisiert einen Monat des kommenden Jahres: Daher orakelt man in diesem Zusammenhang gerne:
  • Träume gehen in Erfüllung. Werden sie in der ersten Nachthälfte bis Mitternacht geträumt, so erfüllen sie sich in der ersten Monatshälfte des jeweiligen Rauhnachtsmonats. Träume der zweiten Rauhnachtshälfte beziehen sich auf die zweite Monatshälfte.
  • Unordnung und Dreck ziehen die Nachtfahrenden an und verursachen Krankheit und schlechte Gefühlempfindungen. Vor dem Beginn der Rauhnächte sollte man daher gründlich aufräumen und saubermachen. Der Sage nach gehen Odin oder Frau Holle/Perchta um, in Italien die Befana-Fee, und belohnen Menschen in ordentlichen Häusern. Die Schlampigen werden im kommenden Jahr abgestraft.
  • Stirbt jemand in dieser Zeit, wird es im darauffolgenden Jahr zwölf weitere Sterbefälle in der näheren Umgebung geben.
  • Wenn Hunde in den Rauhnächten bellen, ist diese eine Bestätigung, dass der Gedanke, der gerade gedacht wurde, richtig ist. Bellt ein Hund allerdings um Mitternacht, so wird jemand sterben.
  • Viel Wind in den Rauhnächten kündigt ein unruhiges Jahr an. Viel Nebel steht für alte Dinge, die bereinigt werden wollen und kündigt ein nasses Jahr an. Helles und klares Wetter, bedeutet warme, trockene und gute Zeiten.
  • Viele Eisblumen an den Fenstern, Reif oder Schnee auf den Bäumen deuten auf ein ertragreiches Jahr hin.
  • Besen sollten in den Rauhnächten gebunden werden, weil man mit ihnen Krankheitsdämonen und böse Geister aus dem Haus fegen kann.
  • Heilkräuter wirken in dieser Zeit besonders stark und sollten verstärkt zum Einsatz kommen.

Mythologie der Wilden Jagd:

In den oft stürmischen Winternächten in früheren Zeiten … gibt es sowas heute noch, Klimawandel sei Dank?  Also, es ächzte und krachte ganz schön bei den Winterstürmen meiner Kindheit, und man konnte das Brechen von Ästen unter Schneelasten durchaus hören. Das ist die Zeit der “Wilden Jagd” oder von Wütis Heer, ein Begriff, der aus der germanischen Mythologie stammt. Über das Aussehen und die Teilnehmer der Wilden Jagd gibt es verschiedene Traditionen.

„Åsgårdsreien“ von Peter Nicolai Arbo - http://godsbay.ru/vikings/einherjars.html. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%C3%85sg

Einherjer: Wilde Jagd Odins

In einer der Überlieferungen wird die Wilde Jagd vom germanischen Gott Wotan/Odin, der auch “Wilder Jäger” genannt wird, und seiner Frau Holle, der Frigga in der Verkörperung der Totengöttin Hel, angeführt. In ihrem Gefolge befinden sich die Seelen der Toten. Das Geisterheer braust durch die Lüfte mit starkem Wind, und enormem Lärm. Dieses Totenheer, das hauptsächlich aus gefallenen Kriegern besteht, bezieht sich in der nordischen Mythologie auf Ragnarök, den Weltuntergang, für dessen Bekämpfung Odins Krieger trainieren müssen. Ein Augenzeuge der das Treiben am Himmel beobachtet, wird von der Wilden Jagd erfasst und mitgerissen. Deswegen sollte man sich in den Rauhnächten besser im Haus verstecken bis das Geschehen vorüber ist. Im hohen Norden war die Wilde Jagd wohl auch eine Erklärung der in den langen Nächten besonders gut sichtbaren Nordlichter. Odin und Frau Holle kann man während ihrer Jagd aber auch gütlich stimmen und ihnen Reste vom Weihnachtsessen als Opfer bringen. Diese sind entweder vor die Tür oder – sofern vorhanden – unter den Obstbäumen im Garten bereitzulegen. Ähnlich den Opfern bei den schamanischen Tuva des Altai, oder in anderen Naturreligionen, sind das Kuchen, Gebäck, Milch aber auch Schnaps und Tabak. Den eigenen Ahnen kann man ein Licht ins Fenster stellen. Sogar Hafer für Odins Pferd Sleipnir wurde früher bereitgestellt.

Wegen der Gefahr einer “quasi- Zwangsrekrutierung” blieb man also im Haus, später galt das hauptsächlich für Mädchen und Frauen, da durch den zunehmenden Hexenglauben man diese als besonders gefährdet ansah. Das wilde Heer wurde jetzt von Herodias oder Diana, wahlweise auch noch Frau Holle angeführt. Auch wurde die Gefolgschaft der Nachtfahrenden zunehmend dämonischer. Aus Naturgeistern und Kriegerseelen wurden Hexen, Teufel und Unholde.

Eine andere Erklärung solcher Vorstellungen von fliegenden Geistern in der “Zeit zwischen der Zeit” liegt vielleicht im Brauchtum des Weissagens und Orakelns, dessen Ergebnisse dann als besonders  aussagekräftig galten. Unterstützt wurden diese Praktiken durchaus mit dem Einsatz psychoaktiver Substanzen, vom Met-Vollrausch über Fliegenpilzsüppchen und Schamanenurin wurde alles mögliche kosumiert. Auch die als Hexenflugsalben verrufenen “Schlaf-und Fieberschmieren” mit ihren potenten Alkaloiden könnten gebraucht worden sein. Auffällig erinnern die Darstellungen der “Wilden Jagd” an die Schilderungen der Ausfahrt zum Hexen-Sabbat von Frauen, die wegen Hexerei angeklagt und gefoltert wurden. Vielleicht hat die Vorstellung der “Wilden Jagd” auch noch ältere,  schmanische Wurzeln, wie etwa bei den Benandanti des Friaul, die noch bis in die Neuzeit einen Fruchtbarkeitskult ausübten, bei denen religiöse Ekstasepraktiken mit Flugvorstellungen und Kämpfen gegen Dämonen üblich waren.

Die genauen Formeln der Flugsalben sind nicht überliefert, Ethnologen, Botaniker,  Mediziner und selbst Alchemisten haben sich um Rekonstruktionen bemüht. So eine Flugsalbe war etwa folgendermassen zusammengesetzt:

Hexensabbat, schamanische Reise, Wilde Jagd schöpfen wahrscheinlich aus einer Quelle.

Hexensabbat, schamanische Reise, Wilde Jagd schöpfen wahrscheinlich aus einer Quelle.

Diese Art Rausch dürfte nicht sehr angenehm gewesen sein: Extremes Hitzgefühl, Mundtrockenheit, Atemdämpfung, Schwindel, Sehstörungen, Übelkeit, Tremor sind typisch für Alkaloid-Drogen. Keine Selbstversuche mit solchen Rezepturen, vor allem bei Hexenschmieren: Die Bestandteile sind wesentlich giftiger als übliche Drogen, wie Cannabis oder Mushrooms und ähnliches. Falsch dosierte Alkaloide führen zum Exitus und nicht zur Ekstase! TODsicher!!

 

Posted by on Dezember 22nd, 2016 No Comments